„Zoll auf Saft ist nicht die richtige Antwort“

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Interview zur Gefahr eines Handelskrieges . Trotz des vorläufigen Einlenkens der USA im Handelsstreit mit der EU sorgen sich Konjunkturexperten um das Wirtschaftsklima in Deutschland.

Die Drohung der USA, Strafzölle gegenüber der EU zu erheben, sei weiter im Raum und werfe einen Schatten auf den Konjunktur- und Job-Boom, warnten Volkswirte deutscher Banken. Wir sprachen über die Gefahr eines Handelskrieges und vernünftige Reaktionen Europas mit dem Chefvolkswirt des Privatbankhauses Donner & Reuschel, Carsten Mumm.

-Die USA haben die Europäische Union vorerst ausgenommen von den Zöllen auf Stahl und Aluminium. Ist das Thema damit vom Tisch?

Dazu gab es eine klare Aussage von US-Präsident Donald Trump, und die lautet: Es ist alles „simply unfair“. Das heißt, das Thema Zölle ist nur aufgeschoben. Deshalb haben die Europäer bei der Nachricht auch nicht gejubelt. Man überlegt, welche Bedingungen werden jetzt gestellt?

-Was ist denn so „unfair“ am Handel zwischen den USA und Europa?

Aus der Perspektive von Trump stellt sich die Frage so: Wie viele Chevrolets fahren in Europa herum, und wie viele BMWs und Mercedes in den USA? Da gibt es ein deutliches Missverhältnis, und das ist für Trump unfair. Aber die Vorlieben von Verbrauchern richten sich nun mal nicht nach dieser Definition von Fairness. Andererseits stimmt es, dass die Zölle auf Autoimporte der Europäer höher sind als die der Amerikaner. Wobei man Zölle nicht einzeln sehen sollte, das ist ein komplexes System. Es gibt andere Produkte, wo die europäischen Zölle geringer sind als die amerikanischen.

-Welche denn?

Textilien zum Beispiel. Das ist nur ein kleiner Bereich, aber dennoch. Bei Nahrungsmitteln wiederum ist es so, dass die EU sich eher abschottet. Das hat damit zu tun, dass man genmanipulierte Lebensmittel vom Binnenmarkt fernhalten will. Es geht eben nicht nur um fair oder unfair. Auch andere Dinge spielen eine Rolle.

-Wäre es besser gewesen, wenn das Freihandelsabkommen TTIP schon in Kraft gewesen wäre, als Trump an die Macht kam?

Das hätte keinen großen Unterschied gemacht. Trump hat ja auch das transpazifische Abkommen mir nichts dir nichts aufgekündigt. Er hätte wohl auch TTIP gekündigt oder zumindest versucht, nachzuverhandeln.

-Was treibt Trump da an?

Es ist zum einen Klientelpolitik. Er versucht, seine Versprechen aus dem Wahlkampf nach und nach in die Realität umzusetzen. Und er versucht, Entwicklungen in bestimmten Bereichen zurückzudrängen, auch wenn sie gar nicht aufzuhalten sind.

-Was meinen Sie damit?

Zum Beispiel die Stahlbranche in den USA. Die Frage ist nicht: Wie gestalten sich die Zölle? Die Frage ist: Wie steht die amerikanische Stahlindustrie im internationalen Vergleich da? Die Antwort ist: Sie ist einfach nicht wettbewerbsfähig.

-Welche Folgen für den europäischen Stahlmarkt wird es haben, wenn die Zölle jetzt China treffen?

Stahl ist für Europa nicht das große, entscheidende Thema. Das weiß auch Trump, deshalb hat er gleich noch die europäischen Autobauer in die Drohkulisse mitaufgenommen. Die große Gefahr in der ganzen Entwicklung ist, dass es zu einer irrationalen, für alle schädlichen Eskalation kommt, zu einem Handelskrieg. Da sind Stahl und Aluminium nur ein Aufhänger, der für Trump wichtig ist, weil er ja seine Wähler im Rust-Belt bedienen muss, die haben ihn ja ins Amt gehoben.

-Wie sollten die Europäer reagieren?

Wir müssen mit der ganzen Sache besonnen umgehen. Zölle auf Orangensaft und Harleys sind nicht die richtige Antwort. Das hat keine wirtschaftliche Bedeutung, das ist rein symbolisch. Aber: Das ist eine Symbolik, die in den USA ankommen wird. Das wird die Leute dort eher noch auf Trumps Seite bringen. Völlig kontraproduktiv! Natürlich darf man sich nicht alles gefallen lassen. Aber man muss versuchen, den Verhandlungsweg zu gehen.

-Wie sollte die EU vorgehen?

Klassische Realpolitik ist in den vergangenen Jahren ein bisschen zu kurz gekommen. Wenn man nur die deutsche oder die chinesische Brille aufsetzt, rasselt man aneinander, unweigerlich. Man muss die amerikanische Brille aufsetzen. Sehen, wie sich die Sache für Trump darstellt – und ein gewisses Entgegenkommen signalisieren.

-Zum Beispiel?

Wieder der Stahlmarkt. Da gibt es weltweit Überkapazitäten. Davon profitieren tendenziell die Standorte, die billig und gut produzieren können. Beides können die USA nicht. Der Stahlmarkt ist nicht die Zukunft der Amerikaner, Zölle hin oder her. Man muss sich international zusammensetzen und überlegen, wie man die Überkapazitäten abbauen kann. Das kriegt man nicht hin, indem man China mit Zöllen bestraft, Brasilien und Europa aber erst mal nicht. Man muss jetzt an den Verhandlungstisch zurückkehren und versuchen, Trump zu verstehen. Er brauche Erfolge, die er zu Hause verkaufen kann. Das muss man ihm im Stahlsektor vielleicht ein Stück weit gestatten. Gerade weil es für Europa eher ein symbolisches Thema ist.

-Autos sind das nicht.

Nein. Deshalb muss man ja verhandeln, aber natürlich nicht über jedes einzelne Produkt, man muss schon die Gesamtheit betrachten, kurzum, man braucht Freihandelsabkommen.

-Für wie realistisch halten sie es, dass Zölle auch auf Autos kommen?

Unrealistisch. Auch dieses Thema ist nicht ganz so einfach. Wenn man die drei deutschen Autobauer, BMW, Daimler und Volkswagen, zusammenfasst, so exportieren sie cirka 600 000 Autos in die USA. Allerdings werden weitaus mehr deutsche Autos in den USA produziert, etwa 850 000. Diese Autos werden teilweise aus den USA exportiert. BMW ist das beste Beispiel. Der Konzern hat an seinen US-Standorten nicht nur tausende von Arbeitsplätzen geschaffen, BMW ist auch Netto-Exporteur, es werden mehr BMW aus den USA ausgeführt als importiert. Es bringt eben nichts, BMWs und Chevys auf der Straße zu zählen. Ich bin sicher, dass Trump das weiß. Bei der ganzen Debatte geht es viel um Säbelrasseln. Das ist eine Verhandlungstaktik, die er sich wohl als Unternehmer angeeignet hat. Also: Zölle auf Autos halte ich für extrem unwahrscheinlich. So ein Handelskrieg wäre fatal für alle, auch für die Amerikaner.

-Inwiefern?

Das erste Beispiel waren Waschmaschinen. Vor ein paar Monaten haben die USA Zölle auf asiatische Waschmaschinen angehoben. 50 Prozent Zoll auf ausländische Waschmaschinen bedeuteten zwar, dass amerikanische Waschmaschinen attraktiver werden. Es bedeutet aber auch, das die Preise für Waschmaschinen steigen und der technologische Fortschritt abgebremst wird. Das kann gar nicht anders sein. Das badet letztlich der amerikanische Verbraucher aus. Trumps Wähler.

-Wenn Sie sagen „Säbelrasseln“, klingt das nicht so dramatisch.

Es ist zwar erst mal nur Säbelrasseln, aber es ist auch eine konkrete Bedrohung. Das sieht man an den Kapitalmärkten. Aber ich glaube tatsächlich, dass es nicht zu einer Eskalation kommt und man es an den Verhandlungstisch schafft. Gleichwohl bleibt ein Restrisiko.

-Wie sollten sich Kleinanleger jetzt verhalten?

Es ist nicht die Zeit, bedingungslos am Aktienmarkt zuzugreifen. Also, erst mal abwarten. Man kann einfach noch nicht sagen, ob sich alle Gefahren in Luft auflösen werden. Vor einem Jahr waren die Kapitalmärkte nach Trumps Wahl geschockt, dann hat man sich seine Pläne angesehen und sich schnell auf seine Steuerpläne und Infrastrukturprogramme fokussiert. Und man hat festgestellt: Das ist vielleicht nicht gut für die Staatsfinanzen in den USA, aber ansonsten hat das natürlich massiv positive Impulse, die unmittelbar auf Unternehmen wirken. Apple hat nach der Steuerreform sofort 2500 Dollar an jeden Mitarbeiter ausgeschüttet: Ein Schub für das Konsumklima in den USA. Man muss sagen, die ersten 12 Monate Trump waren besser als erwartet. Vielleicht hat man wegen der kurzfristigen Effekte die langfristigen Themen, wie den Protektionismus, zu sehr in den Hintergrund geschoben. Das hat sich jetzt umgekehrt.

Interview: Corinna Maier

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