Zehntausende offene Stellen im Handwerk

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Bäcker, Metzger und Konditoren: Das Lebensmittelhandwerk in Oberbayern profitiert derzeit von der hohen Kaufkraft der Verbraucher und den niedrigen Energiepreisen. Allerdings ist der Fachkräftemangel in den Berufen besonders groß.

Die Umsätze steigen, die Auftragsbücher sind voll. Das oberbayerische Handwerk blickt zuversichtlich ins Jahr 2016. Gleichzeitig sind allerdings zehntausende Stellen unbesetzt. Die Betriebe plagt der Fachkräftemangel – und die anstehende Erbschaftsteuerreform.

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Die Umsätze steigen, die Auftragsbücher sind voll. Das oberbayerische Handwerk blickt zuversichtlich ins Jahr 2016. Gleichzeitig sind allerdings zehntausende Stellen unbesetzt. Die Betriebe plagt der Fachkräftemangel – und die anstehende Erbschaftsteuerreform.

von manuela dollinger

München – Das oberbayerische Handwerk hat in den vergangenen Monaten gute Geschäfte gemacht und ist mit Rückenwind ins neue Jahr gestartet. „Wir gehen davon aus, dass sich in den nächsten Monaten weder die ausgezeichnete Kauflaune der Verbraucher noch die gute Beschäftigungslage und die niedrigen Zinsen sonderlich verändern werden. Davon dürfte unser Wirtschaftsbereich verstärkt profitieren“, sagt Georg Schlagbauer, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern (HWK). Eine Umfrage unter den Kammerbetrieben ergab, dass 87 Prozent der Handwerker 2016 gute Geschäfte erwarten – zwei Prozent mehr als im Vergleich zum Vorjahr. Im Kraftfahrzeuggewerbe und im Lebensmittelhandwerk herrsche derzeit „Hochstimmung“, berichtet Schlagbauer. Zurückhaltender bewerten verbrauchernahe Dienstleistungen (aufgrund des Preisdrucks) und das Handwerk für den gewerblichen Bedarf (aufgrund der Unsicherheiten im Exportgeschäft) die Lage.

Insgesamt setzte das oberbayerische Handwerk nach einem starken Schlussquartal im vergangenen Jahr 35,4 Milliarden Euro um, ein Plus von 1,5 Prozent, nach Abzug der Preissteigerung liegt der Zuwachs bei 0,3 Prozent. Zuletzt waren mehr als ein Drittel der Betriebe voll ausgelastet. Im Durchschnitt standen Aufträge für gut sechs Wochen in den Büchern. Im Jahresdurchschnitt beschäftigten die rund 79 500 Handwerksbetriebe in Oberbayern 295 000 Menschen – auch hier ein leichtes Plus.

Ob Umsatz, Auslastung oder die Zahl der Beschäftigten: In allen Bereichen hat das oberbayerische Handwerk im vergangenen Jahr zugelegt. Zufrieden ist HWK-Präsident Schlagbauer dennoch nicht. „Trotz der sehr ordentlichen Zahlen bleibt das Handwerk gemessen an der Umsatzentwicklung deutlich hinter der Gesamtwirtschaft zurück“, sagt er mit Blick auf das Bruttoinlandsprodukt, das 2015 real um 1,7 Prozent zulegte. Grund sei vor allem die mangelnde Versorgung mit Fachkräften, die das Handwerk schon seit Jahren beschäftigt.

Eine Sonderumfrage unter Oberbayerns Handwerkern ergab zuletzt, dass 45 Prozent der Betriebe freie Stellen nicht besetzen konnten. Die Zahl geht also in die Zehntausend. Erstmals seit zwei Jahren wurden zwar 2015 wieder mehr Lehrverträge abgeschlossen. Allerdings blieben erneut 1900 Lehrstellen unbesetzt. Hier setzt das Handwerk unter anderem auf die Integration von Flüchtlingen. „Von den 470 Azubis, die 2015 in Bayern aus den Berufsvorbereitungsklassen kamen, hat das Handwerk 250 eingestellt“, so Schlagbauer. 2016 werde sich die Zahl nochmal deutlich erhöhen.

Neben dem Fachkräftemangel bereitet dem Handwerk auch die Pläne zur Erbschaftssteuerreform Sorgen – vor allem im Hinblick auf anstehende Betriebsübergaben. „In 40 000 der gut 200 000 bayerischen Handwerksbertrieben steht in den kommenden Jahren die Übergabe an“, erläutert Schlagbauer. Rund 50 Prozent würden erfahrungsgemäß an ein Familienmitglied vererbt. Hier stelle die Politik mit ihren Plänen zur Neuregelung der Erbschaftsteuer die falschen Weichen. „Anstatt für frei Fahrt in Richtung Selbstständigkeit zu sorgen, führt sie gut ausgebildete und motivierte Handwerker aufs Abstellgleis“, beklagt Schlagbauer. Nachbesserungen – etwa dazu, ab wie vielen Mitarbeitern die neuen Regeln greifen und inwieweit Privatvermögen steuerlich berücksichtigt wird – seien unabdingbar. Fest steht: Die Zeit drängt. Das Bundesverfassungsgericht hat den 30. Juni als Deadline gesetzt. Bis dahin muss die Neuregelung stehen.

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