„Wir mussten raus aus Europa“

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Interview mit Wirecard-Vorstand Susanne Steidl . Der Zahlungsdienstleister Wirecard aus Aschheim im Landkreis München ist seit heute im deutschen Aktienleitindex Dax notiert – und verdrängt dort die Commerzbank.

Wir sprachen mit Susanne Steidl, im Vorstand zuständig für Produkte, über das rasante Wachstum des Unternehmens.

-Wie schafft man es, innerhalb von 20 Jahren ein Unternehmen aufzubauen, dass an der Börse inzwischen 23 Milliarden Euro wert ist?

Wir waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort. Ende der 90er-Jahre war das Internet noch neu und wir waren damals Teil einer Industrie, die heute noch sehr stark wächst. Inzwischen ist es das Normalste der Welt, dass man im Internet einkaufen kann. Auch Unternehmen wie Amazon sind in dieser Zeit groß geworden. Wir haben allerdings auf den Teilbereich des Zahlungsverkehrs im Internet gesetzt – mit Erfolg. Heute haben wir noch enorme Wachstumspotenziale vor uns, denn wir befinden uns an einer Zeitenwende, der Digitalisierung. Denken Sie an Mobile Payment-Zahlungen, die kontaktlos über das Smartphone getätigt werden, eingebunden in eine App, die Kunden eine Echtzeit-Übersicht ihrer Ausgaben gibt.

-In den Anfangsjahren hat Wirecard seine Geschäfte vor allem mit Zahlungsdienstleistungen für Glücksspiel- und Porno-Seiten gemacht. Das färbt bis heute auf das Image ab.

Das Thema ist vor allem für die Medien interessant, weil es ein Blickfang ist. Es scheint interessant zu sein, dieses Thema immer wieder in den Mittelpunkt zu rücken anstatt zu sagen: Wirecard war in der Gründungszeit ein ganz normales Start-up. Heute sind wir ein Unternehmen, das über 250 000 Kunden hat. Trotzdem wird immer wieder dieser kleine Teilaspekt aus unserer Geschichte herausgepickt.

-Was war ausschlaggebend für das schnelle Wachstum von Wirecard?

2005 haben wir eine Bank gekauft und uns damit eine Banklizenz gesichert. Das war ein wesentlicher Meilenstein in der Unternehmensgeschichte. Denn eigentlich war es damals eher so, dass sich Banken einen technischen Dienstleister gekauft haben. Wir haben das umgekehrt gemacht. So haben wir Lizenzen bei Mastercard und Visa erhalten.

-Was haben diese Lizenzen letztlich gebracht?

Neu war damals, dass ein Online-Händler zum ersten Mal nur noch einen Vertrag bei einem Zahlungsanbieter abschließen musste anstatt zig Verträge mit unterschiedlichen Anbietern. Für uns bedeutete das einen Riesensprung.

-Können Sie einmal erklären, wie Ihr Geschäft genau funktioniert?

Unser Kerngeschäft ist die Zahlungsabwicklung. Bestellt ein Kunde bei einem unserer Händler Waren oder Dienstleistungen im Internet, ob bei einem Modeunternehmen, Fluggesellschaft oder Streaminganbieter, wickeln wir die Zahlung im Hintergrund ab. Wir sorgen dafür, dass das Geld beim Händler ankommt und erhalten hierfür eine Gebühr.

-Wenn ich als Kunde bei einem Online-Händler, der mit Wirecard kooperiert, ein Produkt für 100 Euro kaufe. Wie viel Geld davon landet am Ende bei Ihnen?

Vom Konto des Kunden werden 100 Euro abgezogen, beim Händler kommen bei Zahlung mit Kreditkarte etwa 98,5 Euro an. Von der Differenz bekommt der Kreditkartenanbieter einen Anteil, den anderen Anteil bekommt die Bank und einen Teil bekommt Wirecard.

-Wie sehr hat das Auslandsgeschäft das Wachstum beschleunigt?

Das E-Commerce-Geschäft ist nun einmal global. Wenn man sich im Internet ein Spiel herunterlädt, kann dieser Spiele-Anbieter in den USA sitzen, aber auch Kunden in Europa und Asien bedienen. Daher war für uns vor zehn Jahren klar: Wir mussten aus Europa raus, um groß zu werden. Dann haben wir uns überlegt: Sollen wir in die USA oder nach Asien gehen?

-Warum haben Sie sich für Asien entschieden?

Die USA sind ein sehr homogener Markt. Es gibt eine Währung und eine Sprache. Asien ist heterogen, ähnlich wie Europa: Hier gibt es viele Länder, viele Währungen, da muss man mit Risiko anders umgehen können, das ist viel komplexer. Daher haben wir unsere Stärken aus Europa nach Asien mitgenommen. Wir haben kleinere Unternehmen gekauft und uns früh Zugang zum dortigen Markt gesichert.

-Wie wichtig ist die Zusammenarbeit mit dem Internet-Riesen Alibaba?

Sie ist sehr wichtig. Alibaba ist ja eine Art Marktplatz und arbeiten mit einem Teil der Händler zusammen, die über Alibaba verkaufen. Wir sind gleichzeitig Partner von Alipay, also dem Onlinebezahlsystem von Alibaba. Das ist jenes System, mit dem auch bargeldlos per Smartphone im Laden bezahlt werden kann. Genauso kooperieren wir mit WeChat, dem zweiten großen chinesischen Unternehmen für bargeldloses Bezahlen. Inzwischen zahlen in China fast alle mit WeChat oder Alipay.

-Ihr Chef im Vorstand, Markus Braun, hatte zuletzt gesagt, in den kommenden Jahren werde sich der Umsatz von Wirecard verzehn- oder verzwanzigfachen. Ihre Aufgabe wird darin bestehen, die nötigen Produkte für das Wachstum zu entwickeln. Wie wollen Sie das machen?

Wir haben bereits ein umfassendes Ökosystem rund um das elektronische Bezahlen aufgebaut, um Händlern voll digitalisierte Produkte bieten zu können. Beispielsweise sehen wir ja, was der Händler an Umsätzen generiert. Das können wir extrem gut auswerten, weil wir jede Transaktion einzeln betrachten können, wenn auch anonymisiert. Darauf reagieren wir mit innovativen Angeboten.

-Sehen Sie auch, welche Produkte die Kunden im Internet kaufen?

Wir sehen nur den Betrag und den Zeitpunkt.

-Wie wollen Sie mit diesen Daten verdienen?

Wir schlagen beispielsweise dem Händler vor, er könnte sein Wachstum noch beschleunigen, indem er einen Kredit aufnimmt und in einem bestimmten Bereich investiert. Wir weiten unser Angebot um die Zahlungsabwicklung herum stetig aus.

-Damit machen Sie den klassischen Banken Konkurrenz.

Nein. Die eigentliche Kreditvergabe erfolgt über eine Partnerbank. Unsere Rolle ist dabei eher die des Vermittlers zwischen Händler und Bank.

-Wirecard lastet bis heute der Vorwurf an, dass die Bilanzen des Unternehmens intransparent seien. Das Manager-Magazin sprach 2017 von einem „250-Millionen-Euro-Rätsel“ in der Bilanz. Wie erklären Sie sich das Misstrauen?

Nehmen wir beispielsweise die großen Autohersteller. Auf die Produktionskosten kommt eine Marge drauf – und jedem ist klar, wie das Unternehmen mit dem Verkauf von Autos sein Geld verdient. Bei uns ist das anders: Bei einer Transaktion im Internet sind Firmen wie Mastercard und Visa involviert, die Transaktionen werden je nach Region auf der Welt unterschiedlich abgewickelt. Außerdem gibt es Unterschiede, ob die Transaktion in einem Restaurant stattfindet oder von einer Airline getätigt wird. Da diese Prozesse sehr komplex und virtuell sind, braucht man bei uns länger, das Geschäftsmodell zu verstehen. Wir haben unsere Geschäftsberichte kontinuierlich erweitert, um wirklich alle notwendigen Informationen zu geben.

-Arbeiten inzwischen eigentlich mehr Banker bei Ihnen im Haus oder nach wie vor mehr Informatiker?

Über die Hälfte unserer Beschäftigten sind Techniker. Die nächste große Gruppe sind unsere Vertriebsmitarbeiter, dann folgt die unserer Bankmitarbeiter. Teilweise sind das interessante und willkommene Gegensätze, wenn uns beispielsweise eher konservativ gekleidete Mitarbeiter anderer Finanzinstitute besuchen und sehen, wie lässig unsere Informatiker zur Arbeit kommen.

-Wie kommt es, dass ein inzwischen derart globales Unternehmen wie Wirecard in einem Gewerbegebiet in Aschheim sitzt?

Weil wir Platz brauchen, um uns auszudehnen. Am Anfang hatten wir unsere Büros in der Nähe des Flughafens, dann sind wir nach Grasbrunn gezogen und 2011 nach Aschheim – damals mit gerade einmal 400 Mitarbeitern, heute sind es in Aschheim 1200. In der Münchner Innenstadt mit deutlich höherer Gewerbesteuer wäre ein solch räumliches Wachstum nicht möglich.

-Wenn das Wachstum in diesem Tempo weitergeht, dürfte doch auch bald das Gewerbegebiet in Aschheim zu eng werden. Gibt es bereits Pläne für einen Umzug?

Am aktuellen Standort können wir noch etwas wachsen. Und sollten wir doch eines Tages umziehen, dann werden wir im Osten von München bleiben, weil hier mittlerweile viele unserer Mitarbeiter leben.

Interview: Sebastian Hölzle

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