Wenn der Versicherer kündigt

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Streit am Gartenzaun: Landet ein Nachbarschaftsstreit vor Gericht, zahlt in vielen Fällen die Rechtsschutzversicherung. Oft kündigt allerdings die Versicherung die Police spätestens, nachdem sie zweimal in Anspruch genommen wurde. dpa

Viele Kunden trifft es wie aus heiterem Himmel – die Kündigung ihrer Versicherung. Auch wenn kein Schadensfall vorliegt – die Versicherungsunternehmen handeln völlig legal.

Wann Verbraucher mit einer Kündigung rechnen müssen und wie sie darauf richtig reagieren. Ein Überblick.

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Viele Kunden trifft es wie aus heiterem Himmel – die Kündigung ihrer Versicherung. Auch wenn kein Schadensfall vorliegt – die Versicherungsunternehmen handeln völlig legal. Wann Verbraucher mit einer Kündigung rechnen müssen und wie sie darauf richtig reagieren. Ein Überblick.

von hanny hellrung

„Ein verlässlicher Partner in allen Lebenslagen“ – mit diesem Slogan wirbt die Ergo Versicherung um Kunden. Dieser Satz landete per Wurfsendung vor Kurzem auch im Briefkasten von Klaus S. in Bad Tölz. Einige Tage zuvor hatte ihm die Ergo freilich mitgeteilt, dass seine Wohngebäudeversicherung zum Ende der Vertragslaufzeit gekündigt wird. „Obwohl ich in den 14 Beitragsjahren nie einen Schadensfall hatte“, sagt Klaus S. Ein neues Angebot mache ihm die Versicherung gerne, habe es geheißen, dieses sei dann jedoch teurer. Klaus S. ist sauer.

Kündigungswelle bei Gebäude-Policen

So wie Klaus S. geht es zurzeit auch etwa 500 bis 600 anderen Ergo-Versicherten in Deutschland. Ihnen wurde die Gebäudeversicherung gekündigt. Eine erste Kündigungswelle, von der Zehntausende betroffen waren, gab es bereits im April vergangenen Jahres. „Dann kam die Flutkatastrophe und wir haben die Kündigungen erst einmal ausgesetzt“, sagt Ergo-Sprecherin Uta Apel. Zu dem Zeitpunkt hätten jedoch die meisten der Versicherten bereits ein neues Angebot der Ergo angenommen.

Höhere Kosten für Tier-Versicherung

Solche Kündigungswellen sind kein Einzelfall. Seit einigen Wochen kündigt auch die Tierversicherung Agila einem Teil ihrer Kunden die Policen zum Vertragslaufzeitende. Agila-Sprecherin Franziska Obert bestätigt: „Von den Kündigungen sind rund 10 000 unserer 170 000 Versicherten betroffen.“ Dass viele darauf nicht gerade erfreut reagieren, sei verständlich: „Wir haben viele Anrufe und Zuschriften von Kunden erhalten, die verärgert sind.“ Jedes Haustier werde jedoch weiterversichert, betont Obert, egal ob es krank oder alt sei. Zum selben Preis erhielten Tierbesitzer einen Tarif, der geringere Leistungen beinhalte – wer den bestehenden Versicherungsschutz behalten wolle, müsse mit höheren Kosten rechnen.

Als Grund für die Kündigungen gibt Agila – genau wie Ergo – an, dass die Kosten in den vergangenen Jahren stark gestiegen seien und sich die alten Versicherungen für das Unternehmen nicht mehr rentierten. Martin Oetzmann, Sprecher vom Bund der Versicherten, bestätigt: „Es ist gängige Praxis, dass Versicherungsunternehmen von Zeit zu Zeit ihre Bestände sanieren, indem sie alte und für sie teure Policen kündigen.“

Neue Verträge schließen vieles aus

Susanne Arndt vom Verbraucherservice Bayern hat die Erfahrung gemacht, dass hinter solchen Kündigungen oft ein gestiegenes Risiko für die Versicherungsunternehmen steckt. Ein Beispiel dafür seien Schäden durch Hagel und Hochwasser, die in den vergangenen Jahren stark zugenommen hätten. „Versicherer versuchen deshalb alte Gebäudeversicherungen, die eine Elementarschadensklausel enthalten, loszuwerden“, so Arndt. In neuen Gebäudeversicherungen seien Schäden, die durch Überschwemmung, Erdrutsch oder Schnee hervorgerufen würden, meist ausgeschlossen. Wer sich gegen Elementarschäden absichern wolle, müsse dafür heute eine Zusatzpolice abschließen und somit höhere Beiträge zahlen als früher.

Rauswurf nach dem zweiten Schadensfall

Ein weiteres Beispiel für Kündigungen aufgrund eines erhöhten Risikos seien Rechtsschutzversicherungen. Die Verbraucherexpertin berichtet: „Als Kunde müssen Sie damit rechnen, dass Sie nach dem ersten, maximal nach dem zweiten Mal, wenn Sie ihre Rechtschutzsversicherung in Anspruch genommen haben, gekündigt werden.“ Denn Versicherer gingen davon aus, dass wer einmal geklagt habe, eine geringere Hemmschwelle habe, dies ein weiteres Mal zu tun. Der Versicherungsnehmer bedeute somit ein erhöhtes Risiko für das Unternehmen. Bei anderen Versicherungssparten sei diese radikale Vorgehensweise jedoch nicht üblich, sagt Arndt.

Versicherer sind im Recht

Fest steht: Versicherer sind grundsätzlich berechtigt, ihren Versicherungsnehmern zum Vertragslaufzeitende oder nach einem Schadensfall zu kündigen. „Das ist absolut legal“, sagt Oetzmann. Dies gelte im Übrigen auch für die Kunden. In der Regel reiche es aus, die Kündigung mit einer Frist von drei Monaten zum Ende der Versicherungsperiode zu versenden. Laut Oetzmann müsse die Kündigung nach einem Schadensfall bis zum Ablauf eines Monats erklärt werden, nachdem der Versicherer seine Leistungspflicht anerkannt oder endgültig abgelehnt habe. Dies gelte auch im Fall einer Beitragserhöhung.

Kündige ein Versicherer, sei das zwar erst einmal ärgerlich, das müsse jedoch nicht unbedingt ein Nachteil für den Kunden sein, so Oetzmann. „Denn neue Verträge sind für den Kunden pauschal erst einmal besser als alte.“ Der Grund: Alte Verträge enthielten oft Klauseln, die im Schadensfall so gegen den Versicherungsnehmer ausgelegt werden könnten, dass überhaupt nicht gezahlt werden müsse. „Deshalb ist es in den meisten Fällen sinnvoll eine neue Versicherung abzuschließen, auch wenn diese teurer ist“, sagt Oetzmann.

Kunde sollte immer selbst kündigen

Eines sollten jedoch alle betroffenen Versicherten beachten, sagt Oetzmann: „Der Kunde sollte immer selbst kündigen.“ Viele Versicherungsgeber seien fair und informierten ihre Vertragspartner über die Absicht der Kündigung. So hätten die Kunden ausreichend Gelegenheit, selbst die Kündigung einzureichen. Tun sie dies nicht, könne es laut Oetzmann schwierig werden einen Vertrag bei einem anderen Versicherer zu erhalten.

Verbraucher auf der schwarzen Liste

Der Grund dafür ist, dass Kunden, die einen neuen Vertrag abschließen wollen, Angaben zu vorherigen Versicherungen – und je nach Sparte, zum Beispiel zu Vorerkrankungen – machen müssen. „Diese Angaben sollten unbedingt der Wahrheit entsprechen“, empfiehlt Susanne Arndt. Denn: Seit 2011 gibt es das Hinweis- und Informationssystem (HIS) der deutschen Versicherungswirtschaft – eine Art schwarze Liste. Die Versicherer argumentieren, das System diene dazu, Betrugsfälle zu verhindern. Eine Ergo-Sprecherin erläutert: Auffälligkeiten – etwa, wenn ein Kunde ungewöhnlich oft Schäden melde oder es Unstimmigkeiten im Schadensfall gebe – würden von den Versicherern an die HIS mitgeteilt. Wenn ein Kunde einen neuen Versicherungsvertrag abschließen möchte, könne das betreffende Unternehmen einen Antrag an die Auskunftei stellen. Ein HIS-Eintrag sei für die Sachbearbeiter ein Signal, bestimmte Vorgänge intensiver zu prüfen.

Was passiert jedoch, wenn ein Versicherungsunternehmen im Nachhinein herausfindet, dass bei Vertragsabschluss eine Falschangabe gemacht wurde? In diesem Fall könne sie den Vertrag rückabwickeln, sagt Arndt. „Dann sind die gezahlten Prämien, die Versicherung und damit auch der Versicherungsschutz weg.“

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