Warum Deflation als gefährlich gilt

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Verbraucher und Unternehmen halten sich mit Käufen und Investitionen zurück, wenn sie davon ausgehen können, dass alles demnächst noch billiger wird. reuters

geldpolitik . von rolf obertreis.

Frankfurt – Die Inflationsrate in Deutschland lag im August bei nur noch 0,8 Prozent, so niedrig wie seit 2010 nicht mehr. In Europa ging sie gegenüber dem Vormonat sogar um 0,1 Punkte auf 0,3 Prozent zurück. Das geht aus einer Schätzung der Statistikbehörde Eurostat hervor. Die Entwicklung schürt die Debatte über Deflation und eine Spirale aus sinkenden Preisen und sinkender Nachfrage. Dies könnte zu einer großen Last für die Konjunktur werden – und die EZB dazu bringen, die Geldschleusen noch weiter zu öffnen. Hier die wichtigsten Fragen.

-Was heißt Deflation?

Wenn die Preise für Waren und Dienstleistungen allgemein, spürbar und über einen längeren Zeitraum zurückgehen, spricht man von Deflation. Das Angebot an Gütern und Dienstleistungen ist deutlich größer als die Nachfrage. Das drückt die Preise.

-Warum ist Deflation gefährlich?

Werden Waren und Dienstleistungen permanent billiger, verschieben Verbraucher Käufe, weil sie glauben, dass Anschaffungen oder Dienstleistungen noch günstiger werden. Firmen schieben Investitionen auf. Beides belastet die Unternehmen, weil sie Produkte und Dienstleistungen nicht verkaufen können. Dies wiederum führt – so die Theorie – zu Kurzarbeit, Lohnsenkung, Personalabbau und höherer Arbeitslosigkeit, was Konsum und Investitionen weiter bremst. Zudem vergeben Banken kaum Kredite. Es droht eine gefährliche Deflationsspirale.

-In der Eurozone ist die Inflationsrate nahe an der Nullgrenze. Gab es schon Minusraten?

In Griechenland lag die Rate im Mai bei minus 2,1 Prozent, bis Juli hat sie sich auf minus 0,8 Prozent verbessert. Auch in Portugal gehen die Preise seit Monaten leicht zurück, um bis zu 0,7 Prozent. In Spanien lag die Rate im März bei minus 0,2, im Juli bei 0,4 Prozent, in Italien im Juli bei minus 0,1 Prozent.

-Machen sich Experten deshalb Sorgen?

Noch nicht. Angesichts der Wirtschaftskrise und hoher Arbeitslosigkeit sei das nicht überraschend. Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds (IWF) spricht von „Lowflation“, andere von „Disinflation“. Anhaltende Deflation wäre in den Krisenstaaten auch deshalb ein Problem, weil der Abbau der Schulden erschwert würde.

-Was sagt die EZB?

Für sie ist der niedrige Preisauftrieb auf die deutliche Verbilligung von Energie und Nahrungsmitteln zurückzuführen. „Wir haben keine Deflation im Sinne von Preisen, die auf breiter Basis sinken, so dass Haushalte und Unternehmen ihre Ausgaben verschieben, weil sie niedrigere Preise erwarten“, sagt EZB-Präsident Mario Draghi. Tatsächlich war Benzin in Deutschland im Juli gut drei Prozent billiger als ein Jahr zuvor, Heizöl sechs, Gurken und Paprika jeweils rund 17 und Kartoffeln sogar 32 Prozent. Dagegen sind Nettomieten um 1,4 Prozent gestiegen.

-Trotzdem werden die Sorgenfalten größer. Warum?

In den Krisenländern droht sich das Gefühl zu verfestigen, dass die Inflationsrate lange sehr niedrig bleibt. Das bremst die Konjunktur und den Abbau der Schulden. Die EZB erwägt weitere Sonderkredite, um die Banken dazu zu bringen in Portugal, Griechenland und Spanien wieder mehr Kredite zu gewähren, was dann die Wirtschaft ankurbeln soll. Volkswirte glauben, dass die Inflationsrate in der Eurozone erst 2019 wieder auf zwei Prozent steigt. 2015 wird sie auf nur ein Prozent zulegen.

-Bestehen in Deutschland Deflationsgefahren?

Fernseher, Computer, Digitalkameras oder Waschmaschinen werden bei immer höherer Leistung immer günstiger. Im Durchschnitt sind diese Produkte, so das Institut für Weltwirtschaft (IfW), zwischen 1994 und 2013 um 18 Prozent billiger geworden. Trotzdem ist die Nachfrage nicht gesunken. Es gibt, so das IfW, „kaum Evidenz für die konsumhemmende Wirkung sinkender Preise“. Die Inflationsrate in Deutschland, so die Dekabank, werde 2015 auf 1,5 Prozent steigen. Die Commerzbank rechnet mit 2,1 Prozent.

-Was bedeutet die niedrige Inflation oder sogar Deflation für Anleger und Sparer?

Sie dämpft den negativen Effekt niedriger Zinsen oder gleicht ihn sogar aus. Bei einer Deflation von 1,5 Prozent und einem Zins von einem Prozent für das Tagesgeldkonto bleiben real sogar 2,5 Prozent übrig. Aktionäre zählen tendenziell zu den Deflationsverlierern, weil die Firmen wenig verdienen und gar rote Zahlen schreiben, was den Aktienkurs an der Börse drückt. Auch Immobilien werden von Deflation und sinkender Nachfrage getroffen. Wer auf Pump gekauft hat, ringt mit einem weiteren Problem: Real nimmt die Schuldenlast zu.

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