Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für . Danach können Sie gratis weiterlesen.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf
  • Jetzt für nur 0,99€ im ersten Monat testen
  • Unbegrenzter Zugang zu allen Berichten und Exklusiv-Artikeln
  • Lesen Sie nahezu werbefrei mit aktiviertem Ad-Blocker
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.


Ukraine-Krieg

So fließt der Strom ohne russisches Gas und Kohle

Der Anfang von etwas Großem: Ein Absorber zur Kohlendioxid-Ernte der Schweizer Forma Climeworks im Kanton Zürich
+
Der Anfang von etwas Großem: Ein Absorber zur Kohlendioxid-Ernte der Schweizer Forma Climeworks im Kanton Zürich
  • Wolfgang Hauskrecht
    VonWolfgang Hauskrecht
    schließen

Droht uns wegen des Ukraine-Krieges und der Sanktionen gegen Russland die Energie-Krise? Ein Experte im Interview über neue Technologien, die Kohlendioxid als Rohstoff nutzen und fossile Energien ersetzen.

München – Der Ukraine-Krieg hat auch eine Energiedebatte ausgelöst. Wie kann man sich unabhängiger vom russischen Gas machen? Die Frage kommt in einer Zeit, in der fossile Brennstoffe ohnehin auf dem Prüfstand stehen. Denn es wird immer mehr Kohlendioxid (CO2) freigesetzt, was den Klimawandel vorantreibt. Moderne Technologien könnten helfen. Sie nutzen CO2 als Rohstoff und wollen fossile Energien überflüssig machen. Dekarbonisierung heißt das Zauberwort, also der Verzicht auf CO2 verursachende Technologien.

Edwin Eichler, Aufsichtsratsvorsitzender der Düsseldorfer „SMS group“, die Anlagen für die Metallindustrie entwickelt.

Was verrückt klingt, ist laut Edwin Eichler serienreif. Eichler ist Aufsichtsratsvorsitzender der Düsseldorfer „SMS group“, die Anlagen für die Metallindustrie entwickelt. Ein Gespräch über die mögliche Zukunft der Energieversorgung.

Herr Eichler, Deutschland will aus Klimagründen bis 2045 CO2-neutral sein – und nun der Ukraine-Krieg, der auch die Struktur unserer Energieversorgung infrage stellt. Sie sagen: Lasst uns CO2 als Rohstoff nutzen, um unabhängiger von fossilen Energien zu werden. Wie funktioniert das?

Es gibt inzwischen effiziente Absorber-Technologien, die über niederkalorische Säure-Base-Reaktionen CO2 aus der Luft ernten. Bei dem Prozess werden CO2 und O2, also Sauerstoff, getrennt. Mit Absorber-Farmen könnte so in den nächsten Jahren eine Ernteleistung im Giga-Tonnen-Bereich realisiert werden. Firmen wie Climeworks aus der Schweiz sind führend auf dem Gebiet.

Was passiert dann genau mit dem geernteten CO2?

Es ist der erste Baustein für eine Art industrieller Photosynthese. Auch Pflanzen nehmen CO2 aus der Luft und nutzen es zusammen mit Sonnenlicht und Wasser zum Wachstum. Der durch die pflanzliche Photosynthese gewonnene Kohlenstoff landet dann zum Beispiel im Baumstamm. Unsere Industrie verbrennt heute die fossilen Brennstoffe, die in den letzten Jahrmillionen entstanden sind – und setzt dabei wieder CO2 frei. Die technische Lösung ist jetzt, dass wir keine fossilen Brennstoffe mehr nutzen, sondern CO2 mit Wasser und grüner Energie in synthetische Gase umwandeln. Diese Gase sind dann die Ausgangsstoffe für eine Vielzahl von Produkten, die heute noch aus fossilen Brennstoffen wie Erdgas hergestellt werden.

Es würde kein neues CO2 freigesetzt, sondern ein CO2-Kreislauf entstehen?

Ja – wenn wir es schaffen, so große Absorber-Anlagen zu schaffen, dass auf Basis synthetischer Gase konkurrenzfähige Produkte erzeugt werden. Mit grüner Energie erzeugtes Kerosin würde bei der Verbrennung wieder nur das vorher geerntete CO2 freisetzen – das Flugzeug fliegt, ohne neues, zusätzliches Kohlendioxid zu erzeugen (siehe auch Wirtschaftsteil). Ein Kreislauf mit CO2 als Rohstoff. Unser Planet ist ein CO2-Planet, es ist so viel in der Atmosphäre – da herrscht kein Mangel.

Um aus CO2 synthetische Gase herzustellen, braucht man noch ein effizientes Elektrolyseverfahren.

Unsere Druck-Alkali-Elektrolyse, kurz AEL, ist heute schon in großem Maßstab kommerziell verfügbar. Die Technik ist ausgereift. Bereits 2023 werden wir Elektrolyseure für Wasserstoffprojekte im 100-MegawattMaßstab herstellen. Die nächste Technologie-Generation, die SOECElektrolyse, kommt einer umgekehrten Brennstoffzelle gleich. Beispielsweise verfügt die Firma Sunfire aus Dresden über beide Technologien für die großindustrielle Anwendung. Durch die Nutzung von Abwärme aus industriellen Prozessen benötigen SOEC-Elektrolyseure im Vergleich zu anderen Elektrolyse-Technologien bis zu 30 Prozent weniger erneuerbaren Strom, um ein Kilogramm Wasserstoff zu erzeugen. Ein weiterer großer Vorteil: Anstatt in zwei Schritten kann in nur einem Schritt aus Wasser und CO2 ein Synthesegas erzeugt werden. Das spart eine Menge an wertvoller erneuerbarer Energie und Investitionskosten.

Synthetische Gase gibt es doch heute schon. Wo ist der Unterschied?

In der Tat gibt es schon synthetische Gase – auf Basis von Biomasse, Tierfetten, Palmöl. Nur sind die Energiedichte und -effizienz nicht wirtschaftlich. Außerdem macht es wenig Sinn, Millionen von Bäumen zu pflanzen, um dann durch Abholzen wieder Biomasse zu erzeugen. Versuche mit Zuckerrohr und anderen Pflanzen haben gezeigt, dass man tausende Quadratkilometer an Fläche braucht, um ausreichend Biosprit zu erzeugen. Biomasse ist nicht die langfristige Lösung.

CO2 als Rohstoff: Ist der Ausbau von Wind-, Wasser- und Sonnenenergie dann überhaupt nötig?

In Deutschland müssen die erneuerbaren Energien deutlich ausgebaut werden. Grüner Strom wird für die Erzeugung von Wasserstoff benötigt und auch für die Elektrifizierung. Klar ist aber auch, dass die Verfügbarkeit von Wind-, Wasser- und Solarenergie in Deutschland begrenzt ist. Anders als in Nord- und Südeuropa, Nordafrika und Südamerika. Deshalb sind wir überzeugt davon, dass grüner Wasserstoff langfristig vorwiegend dort produziert wird, wo erneuerbare Energien in großem Umfang zur Verfügung stehen. Bevor es aber soweit ist, müssen wir vor unserer Haustür Projekte im industriellen Maßstab realisieren.

Selbst wenn wir kein neues CO2 produzieren, verschwindet das alte nicht. Gibt es hierfür Lösungen?

Das ORCA-Projekt auf Island hat erst im September begonnen, CO2 mit Wasser in tausenden Metern Tiefe auf Basalt zu versteinern. Es wird durch einen chemischen Prozess für immer mineralisiert.

Bei weltweit gut 36 Millionen Tonnen CO2-Ausstoß im Jahr ein Tröpfchen auf den heißen Stein …

Ja, aber ein Anfang. Wenn wir an vielen Stellen auf dem Globus solche Projekte realisieren, wäre das ein größerer Schritt. Das gilt für alle Technologien, die wir hier diskutieren. Die meisten sind an der Schwelle zur großindustriellen Anwendung. Natürlich braucht es Hochlaufphasen und Großinvestitionen.

Und es muss wirtschaftlich sein, damit investiert wird.

Wenn wir das jetzt als Gesellschaft beherzt angehen, schaffen wir eine neue, hochwirtschaftliche Industrie zur Dekarbonisierung. Die Öl- und Gaswirtschaft hat Jahrzehnte gebraucht, um die fossile Energiewirtschaft aufzubauen. Wir sind jetzt am Beginn eines grundlegenden Umbaus. Das geht nicht über Nacht. Natürlich wird es Widerstände geben – dann ist die Politik gefragt, zu erklären und zu lenken. Wir wissen, dass es dauern wird, bis synthetische Kraftstoffe das Preisniveau von fossilem Kerosin erreichen. Aber ein „Weiter so“ ist keine Option. Derzeit liegt der Preis für einen Liter EKerosin, also Kerosin aus CO2 und grünem Wasserstoff, bei etwa 5 Euro. Aktuelle Berechnungen zeigen, dass 2030 ein Liter nur noch 1,50 bis 2 Euro kosten wird, mittelfristig sind 1,50 bis 1 Euro realistisch.

Sie kommen aus der Stahlindustrie. Warum sind diese Innovationen für Ihre Branche so entscheidend?

Die Stahlindustrie steht vor dem größten Umbau seit der Erfindung der Kokerei und des Hochofens vor 150 Jahren. Mit Wasserstoff lässt sich Eisenerz jetzt ohne CO2 reduzieren – der Abfall ist: Wasser! Kokerei und Hochofen setzen bei jeder Tonne Stahlproduktion 1,6 Tonnen CO2 frei. Der Milliarden Euro teure Umbau ist wichtig und notwendig – und am Ende wirtschaftlich. Angesichts steigender CO2-Preise wird grüner Stahl trotz höherer Kosten konkurrenzfähig sein. Das zeigen aktuell laufende Projekte bereits. Unsere SMS group realisiert aktuell die weltweit größten Projekte in diesem Sektor. Projekte wir H2GS in Schweden revolutionieren die gesamte Stahlindustrie.

Welche Rolle spielt die Politik in diesen Visionen?

Sie muss die Rahmenbedingungen setzen. Das reicht vom drastischen Ausbau erneuerbarer Energien über die Verkürzung von Genehmigungsverfahren bis hin zur Unterstützung in den verlustreichen Hochlaufphasen. Mittelfristig müssen alle Dekarbonisierungs-Technologien aber in der Lage sein, ihre Investitionen selbst zurückzuverdienen. Ohne Wirtschaftlichkeit ist der Umbau letztlich nicht zu schaffen.

Bis 2045 will Deutschland klimaneutral sein. Kommt das alles nicht zu spät?

Vielleicht hat die Politik nicht alle technologischen Möglichkeiten berücksichtigt, vielleicht nicht die Tragweite der Chancen erkannt. Aber zumindest haben wir Ziele. Schon immer hat die Industrie versucht, Herausforderungen in wirtschaftlichen Erfolg zu übersetzen. Mit den Dekarbonisierungs-Technologien kann dies erneut gelingen. Bereits bis 2030 lassen sich Großprojekte mit signifikantem CO2-Einsparpotenzial realisieren. Wenn Politik, Gesellschaft und Wirtschaft kooperativ den Klimawandel mit modernster Technologie anpacken, kann sicher in diesem Jahrzehnt ein signifikanter Beitrag geleistet werden.