Starker Euro verschreckt die Anleger

  • schließen
  • Weitere
    schließen
+
Die Angst vor einem weiteren Dollar-Verfall ist an den Finanzmärkten allgegenwärtig. Das Bild zeigt die Karikatur einer Dollar-Note mit einem panischen George Washington.

Der Abschuss einer Rakete in Nordkorea hat die Dollar-Flucht weiter verschärft. In der Folge kletterte der Euro gestern erstmals seit Anfang 2015 über die Marke von 1,20 Dollar. Die Börsen reagieren mit kräftigen Kursverlusten, EZB-Chef Draghi ist unter Druck.

Finanzmärkte

Von Sebastian Hölzle und Bernhard Funck

Frankfurt/München – Der starke Euro verunsichert zunehmend Anleger an den Finanzmärkten. Am Dienstag stieg die Gemeinschaftswährung erstmals seit gut zweieinhalb Jahren über die Marke von 1,20 US-Dollar. Seit Jahresanfang hat der Euro gegenüber dem Dollar zweistellig aufgewertet. „Die 15-prozentige Aufwertung des Euro zum Dollar in diesem Jahr ist zur einen Hälfte eine Dollar-Schwäche und zur anderen Hälfte eine Euro-Stärke“, sagt Devisenanalyst Manuel Andersch von der BayernLB.

Beim Euro sei der Haupttreiber die überraschende Konjunkturstärke im Euroraum und die Erwartungen auf ein schnelles Ende der Anleihen-Käufe der Europäischen Zentralbank (EZB). Die gleichzeitige Dollar-Schwäche geht Andersch zufolge auf das Konto von Fed-Chefin Janet Yellen und US-Präsident Donald Trump. „In den USA sind die Erwartungen an eine weitere Zinsanhebung im Dezember weiter zurückgegangen, außerdem erwartet von Präsident Trump inzwischen fast keiner mehr einen fiskalischen Impuls, was den Dollar weiter belastet.“ Hatte der Dollar vom Wahlsieg des US-Präsidenten zunächst profitiert, herrscht mittlerweile Katerstimmung. Trump hat bisher kaum eines seiner Wahlversprechen umgesetzt, dabei hatten sich Anleger an den Börsen schon auf Steuersenkungen und Ausgabenprogramme eingestellt.

Und die Zeichen stehen weiter ungünstig für den Dollar. Seit Wochenbeginn steht die US-Währung aus zwei weiteren Gründen unter Druck: Zum einen sorgt die schwere Sturmflut in Texas für erhebliche Verunsicherung. Am Dienstag schließlich kam ein neuer Raketentest Nordkoreas hinzu. Erstmals seit 20 Jahren ließ Diktator Kim Jong Un eine Rakete über Japan fliegen. Die Folge: Anleger flüchten in „sichere Häfen“ wie den Schweizer Franken. Der Dollar verliert im Gegenzug weiter an Wert.

Experten fragen sich angesichts des rasanten Euro-Anstiegs, warum EZB-Präsident Mario Draghi nicht mit Worten interveniert. Ein Grund könnte das Kursniveau sein: Manche Beobachter sehen den Euro mit 1,20 Dollar als nicht besonders hoch bewertet an. Möglich ist aber auch, dass die Uneinigkeit im EZB-Rat Draghi schweigen lässt. Vergangenen Freitag erwähnte der EZB-Chef den Euro auf der wichtigsten Notenbankkonferenz der Welt mit keiner Silbe – der Kurs des Euro legte weiter zu. „Jetzt testet der Devisenmarkt die Schmerzgrenze der EZB mit Blick auf die Euro-Stärke“, erklärt BayernLB-Analyst Andersch.

Dabei ist klar, dass ein starker Euro Waren außerhalb der Eurozone verteuert und so den konjunkturellen Aufschwung dämpfen kann. Zudem droht das EZB-Inflationsziel – der Hauptgrund für die ultralockere Geldpolitik der Notenbank – infolge fallender Einfuhrpreise gänzlich außer Reichweite zu geraten.

Über Draghis Schweigen rätseln auch Fachleute wie Andersch. „Je weiter der Euro zum Dollar nach oben geht, desto schwieriger wird es für die EZB, den Kurs mit verbalen Interventionen wieder nach unten zu bringen.“

Die Aktienkurse exportorientierter Dax-Unternehmen geraten dadurch immer stärker unter Druck: Gestern verlor der deutsche Leitindex allein in den ersten Handelsminuten 0,86 Prozent. Am Ende des Tages ging der Index mit 11 945,88 Punkten und einem Minus von 1,46 Prozent aus dem Handel – der dritte schwache Tag in Folge.

Jetzt hoffen die Marktteilnehmer auf ein Machtwort Draghis. Er könnte den Aufwärtstrend des Euro stoppen und damit für Beruhigung an den Börsen sorgen. Am Donnerstag kommende Woche werden die Weichen womöglich neu gestellt. „Von der EZB-Sitzung kommende Woche wird der weitere Verlauf des Euro-Kurses abhängen“, sagt Andersch. Die Experten von der Commerzbank halten es für möglich, dass Draghi auf der Zinssitzung am 7. September in das Geschehen eingreift. Dann könnte der EZB-Chef ähnlich vorgehen wie Anfang 2013, als er den damaligen Kursanstieg als Risiko bezeichnete und ein fallender Euro nicht lange auf sich warten ließ. Sicher ist eine Intervention allerdings nicht: „Falls sich Draghi von der Euro-Stärke weiterhin nicht beunruhigen lässt, ist kurzfristig Potenzial für eine weitere Aufwertung da“, sagt BayernLB-Experte Andersch.

Zurück zur Übersicht: Wirtschaft

  • schließen
  • Weitere
    schließen

Kommentare