Wie sich die Bayerische Börse neu erfindet

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Klackernde Kurstafeln und einen Handelssaal gibt es an der Börse München schon lange nicht mehr. Trotzdem will die Regionalbörse bei Privatanlegern punkten. Geht es nach dem Vorstand, könnte die Bayerische Börse sogar zum weltweiten Lieferanten für Handelssysteme werden.

Wertpapierhandel

Klackernde Kurstafeln und einen Handelssaal gibt es an der Börse München schon lange nicht mehr. Trotzdem will die Regionalbörse bei Privatanlegern punkten. Geht es nach dem Vorstand, könnte die Bayerische Börse sogar zum weltweiten Lieferanten für Handelssysteme werden.

Von Sebastian Hölzle

München – In der Stadt selbst ist von der Börse München nicht mehr viel zu sehen: Lediglich am Karolinenplatz, keine 300 Meter vom Königsplatz entfernt, signalisiert der Schriftzug an einer dreistöckigen Villa aus dem 19. Jahrhundert, dass München nach wie vor ein Handelsplatz für Wertpapiere ist. Ein bedeutender? Eine Frage der Perspektive. Die eine Sichtweise sieht so aus: Im Vergleich zur Frankfurter Börse ist München ein Winzling – die Deutsche Börse AG, Betreiberin der Frankfurter Börse, beschäftigt 3000 Mitarbeiter, bei einer derzeit geplanten Fusion mit London wären es 5000.

Und München? Bei der Bayerischen Börse AG, Betreiberin des öffentlich-rechtlichen Marktplatzes in München, arbeiten gerade einmal 30 Mitarbeiter. Selbst bei der Stuttgarter Börse sind es zehnmal so viel. München spielt in einer Liga mit den Regionalbörsen Düsseldorf, Hamburg-Hannover und Berlin. Der Marktanteil der Bayerischen Börse am Handel aller deutschen Börsen – mit Ausnahme des Xetra-Marktes und ohne Einbeziehung von Zertifikaten – belief sich zuletzt auf gut 3,5 Prozent.

Jochen Thiel, einer der beiden Vorstände der Bayerischen Börse, vertritt naturgemäß eine andere Sichtweise: Ihm geht es nicht nur um Größe, er will mit der besseren Handelsplattform im Verdrängungswettbewerb bestehen – und so der Konkurrenz Marktanteile abjagen. Thiels Perspektive: „Die Börse Frankfurt sehe ich nicht als Konkurrenz“, sagt er. Im Frankfurter elektronischen Handelssystem Xetra mache der Handel mit Privatanlegern gerade einmal 20 Prozent aus – in München seien es 60 Prozent. Einziger wirklicher Wettbewerber sei die Tradegate Exchange, eine Berliner Tochter der Deutschen Börse AG. Sie buhlt mit einem ähnlichen Konzept wie München um Anleger.

Börsenkonzept im Jahr 2016, das heißt vor allem: Wer hat die bessere Software? Das günstigere System? Die Bayerische Börse hat sich 2013 mit Thiel nicht zufällig einen Wirtschaftsinformatiker an Bord geholt. Thiels Handelssysteme in München heißen „Max-One 2.0“ und „Gettex“. Diese Kunstnamen sollen nicht nur irgendwie nach Zukunft und Schnelligkeit klingen, über sie soll der Handel günstiger abgewickelt werden als bei der Konkurrenz. Als Thiel vor über einem Jahr mit Gettex startete, hatte er Anleger im Auge, die auf günstige Preise achten. Maklercourtage und Börsenentgelt hat Thiel abgeschafft – dafür müssen die Anleger auf einzelne Beratungsleistungen verzichten, die das alte System noch bietet. So spart man Kosten, ein entscheidender Vorteil im Konkurrenzkampf.

Börsenkonzept im Jahr 2016 heißt aber auch: Die Aktien, Anleihen und Fonds wechseln nicht in der Stadt München ihren Besitzer, obwohl die Börse hier ihren Sitz hat. Die Server der Börse München sind in Obhut der Baader Handelsbank, die Spezialbank hat ihren Sitz in Unterschleißheim im Landkreis München. Die zweite Partnerbank der Bayerischen Börse, die MWB Fairtrade, sitzt ebenfalls im Landkreis München, in Gräfelfing. Beide Handelsbanken arbeiten mit dem System der Bayerischen Börse, sie spielen die entscheidende Rolle im täglichen Handel: Ohne sie würden die Kurse in München verrückt spielen. Baader und MWB Fairtrade sorgen für die nötige Liquidität am Markt, schließlich ist das Handelsvolumen in München deutlich geringer als beim Xetra-Handel. Die Kurse sind in München stabil, weil die Handelsbanken als Makler nicht nur Anbieter und Nachfrager zusammenbringen, sondern mit den Papieren selbst handeln.

Kauft ein Privatanleger beispielsweise Aktien über die Börse München oder das Gettex-System, braucht er dafür ein Depot bei einer Bank, Direktbank, Sparkasse oder Genossenschaftsbank. Die Institute sind direkt an die Server der beiden Handelsbanken angeschlossen, über sie wird der Deal abgewickelt. Bei Thiels Preisoffensive Gettex sind es die Direktbanken Comdirect, DAB und ING-DiBa, die mit dem Börsensystem verbunden sind. Der Privatanleger wählt in der Online-Maske das entsprechende Häkchen, um über Gettex Aktien in München zu ordern.

Damit der Handel reibungslos funktioniert, dafür sorgt die Marktsteuerung am Karolinenplatz. Die Handelsüberwachung in der Münchner Zentrale ist dafür verantwortlich, dass beim Wertpapierhandel alles mit rechten Dingen zugeht. Außerdem sind Thiels Mitarbeiter für alle Fragen rund um eine aufgegebene Order zuständig.

Einen Handelssaal, klackernde Kurstafeln, eine große Dax-Anzeige, das braucht man für diesen Job nicht. Dass der Boden der Villa aus Parkett besteht, mag Zufall sein, ein fernsehtauglicher Parketthandel existiert in München nicht mehr. In Deutschland leisten sich diesen Luxus nur noch die Börsen in Stuttgart und Frankfurt, dort ist der Handelssaal eine Art Theaterbühne für die ARD-Tagesthemen und das heute-journal des ZDF.

Dabei ist es noch nicht lange her, dass sich auch die Börse München einen Handelssaal leistete: Bis 2007 wurde am Lehnbachplatz gehandelt. Die Wurzeln der Börse reichen sogar zurück bis ins 16. Jahrhundert – allerdings nicht in München, sondern in Augsburg. Zur Fugger-Zeit begannen die Kaufleute nach Märkten und Messen ihre Schuldscheine zu handeln. Nach München kam das Börsenwesen vergleichsweise spät. Erst im 19. Jahrhunderts hatten Industrielle einen enormen Bedarf an großen Mengen Kapital. 1830 nahm die „Münchner Kaufmannsstube“ ihren Betrieb auf, der Vorläufer der Börse München. Ein paar Jahrzehnte später organisierten sich Kaufleute im „Münchner Handelsverein“. Wirkliche Bedeutung erlangte der Handelsplatz erst, als die Nazis die Börsen Augsburg und München zur Fusion zwangen. Nach dem Krieg wurde München Heimatbörse von Dax-Konzernen wie Siemens, Allianz und BMW.

Von den Ursprüngen geblieben ist der Handelsverein. Er ist nach wie vor alleiniger Aktionär der Bayerischen Börse AG. Die Zusammensetzung des Vereinsvorstands erinnert noch an die Anfänge während der Fugger-Zeit. Im 17-köpfigen Gremium sitzen bis heute zwei Augsburger: Walter Eschle von der Stadtsparkasse Augsburg und Martin Fritz, Chef der Fürst Fugger Privatbank AG. Ebenfalls im Vorstand vertreten: Die Stadtsparkasse München, die Commerzbank und ein Vertreter der Genossenschaftsbank München. Aber auch Industriekonzerne wie Siemens oder Linde sind im Verein.

Und wie sieht Thiel die Zukunft seiner Börse? Übernahmen anderer Häuser seien nicht geplant, sagt der Börsen-Chef. Er könne sich aber vorstellen, das Modell der Bayerischen Börse in andere Länder zu verkaufen. Immerhin sei Gettex eines der jüngsten Systeme der Welt. Damit wäre die Bayerische Börse nicht nur Börsenbetreiberin sondern Lieferant für eigene Handelssysteme.

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