Schockwellen aus Schwellenländern

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Aktien von Schwellenländern brachten Anlegern viele Jahre lang eine Menge Geld. Doch nun wendet sich das Blatt. Ist das die Trendwende? Oder nur eine Atempause? Was Anleger jetzt beachten sollten.

Börsen im Überblick

Aktien von Schwellenländern brachten Anlegern viele Jahre lang eine Menge Geld. Doch nun wendet sich das Blatt. Ist das die Trendwende? Oder nur eine Atempause? Was Anleger jetzt beachten sollten.

Von Martin prem

Brasilien, Indien, Russland und China (BRIC) waren viele Jahre die Stars der Investoren. Hohe Wachstumsraten und zunehmender Wohlstand der Bevölkerung sind eine gute Mischung. Doch seit gut einer Woche hagelt es Warnungen vor BRIC und anderen Schwellenländern. Es habe sich eine Blase gebildet, heißt es. Wie kam es zu dieser Entwicklung? Und was sollen Anleger tun? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

-Warum haben die Schwellenländer Probleme?

Sie haben jahrelang vom ultrabilligen Geld aus den USA gelebt, das dorthin wanderte, wo es die meisten Früchte bringt. Und das waren die Schwellenländer. Jetzt nähert sich die Phase des billigen Geldes ihrem Ende. Die Signale der US-Notenbank wirken dreifach. Erstens: Geld wird teurer und damit knapper. Zweitens: Geld bringt in den USA tendenziell wieder höhere Zinsen. Drittens: Die USA sind wirtschaftlich auf Erholungskurs. Alle drei Argumente lassen Geld in die USA zurückfließen, das bisher in den Schwellenländern angelegt war. Das zeigt sich in den Aktienmärkten dieser Länder und auch in den Währungen. Der russische Rubel ist gestern gegenüber einem Korb wichtiger Vergleichsdevisen auf ein Rekordtief gefallen. Türkische Aktien verloren seit Oktober durchschnittlich ein Viertel an Wert, brasilianische ein Fünftel – in Landeswährung gerechnet. Euroinvestoren hatten wegen der Schwäche der dortigen Währungen noch größere Einbußen.

-Geht diese Entwicklung weiter?

Schon die gestrigen Reaktionen spiegeln die Erwartung wider, dass die US-Notenbank die Flut billigen Geldes weiter drosselt. Mehrheitlich gingen Experten vor der entscheidenden FED-Sitzung davon aus, dass die Fed ihre zur Konjunkturbelebung aufgelegten Wertpapierkäufe um weitere zehn Milliarden Dollar reduzieren wird. „Die Fed wird dabei aber keineswegs die zugespitzte Lage in den Schwellenländern berücksichtigen“, sagte Lutz Karpowitz, Devisenexperte bei der Commerzbank.

-Tragen die Schwellenländer zu dieser Entwicklung gar nichts selbst bei?

Doch, aber ganz unterschiedlich: Während Brasilien und Indien bei Investoren schon in den letzten Jahren deutlich an Glanz verloren haben, trifft es jetzt besonders die Türkei, die im letzten Jahr noch von vielen Ökonomen als das fünfte interessante Schwellenland gesehen wurde. Die Leistungsbilanzdefizite, die für eine wachsende Verschuldung des Landes stehen, die hohe Inflation und die politische Instabilität haben die türkische Lira seit Jahresanfang einbrechen lassen. Ganz anders ist die Lage dagegen in China, wo gewaltige Devisenreserven aufgehäuft wurden. Viele Experten trauen diesem Land am ehesten einen Ausbruch aus dem Abwärtstrend zu. Ganz anders ist die Lage in Russland. Es lebt nicht von einer aufstrebenden Industrie, sondern von seinen Bodenschätzen. Und damit vom Wachstum sowie dem Rohstoffhunger auch der anderen Schwellenländer.

-Können die Schwellenländer gegensteuern?

Sie versuchen es. Der Leitzins in der Türkei wurde gestern auf einen Schlag von bisher 4,5 Prozent auf 10 Prozent angehoben. Viele Experten erwarteten einen Zinsschritt, dieser Mega-Schritt kam jedoch überraschend. Die türkische Lira, die seit Jahresbeginn unter heftigem Abwertungsdruck stand, machte daraufhin im Verhältnis zum US-Dollar den größten Kurssprung seit 2008. Zuletzt notierte sie jedoch schwächer. „Die Zentralbank hat einen wichtigen Schritt unternommen, um ihre Reputation zu festigen“, kommentierte Harwig Wild vom Bankhaus Metzler. „Dies war absolut notwendig, um einerseits die Inflationsgefahren einzudämmen und andererseits die Finanzierung des hohen Leistungsbilanzdefizits zu gewährleisten“, sagte Thu Lan Nguyen von der Commerzbank.

-Aber wie lange wirkt das Signal?

Experten bezweifeln, dass der Zinsschritt der Türkei der dortigen Wirtschaft wieder auf die Sprünge hilft. „Drastische Zinserhöhungen wie jetzt in der Türkei sind kein nachhaltiges Mittel zur Währungsstabilisierung“, mahnte Robert Halver von der Baader Bank. Und selbst wenn nun Geld zurückfließt, ist das nur ein Teil dessen, was vorher abgeflossen ist. Und es waren die ungeheuren Mengen billigen Geldes der US-Notenbank, die den Boom in der Türkei befeuert haben. Und diese Mittel fehlen nun. Eine überraschende Zinserhöhung in Südafrika beispielsweise zeigte gestern nicht die erhoffte Wirkung, wie es am Markt hieß. Südafrikas Währung Rand fiel weiter im Kurs.

-Wie wirkt sich das auf Europa aus?

Die Aktienmärkte sind dramatisch gefallen. Vor allem auch in Deutschland, wo überwiegend internationale Investoren in Aktien investieren. Auch hier wirkt der Sog zurück in die USA. Umgekehrt fließt vermehrt Geld in deutsche Anleihen, die ja als sicherer Hafen gelten. Doch auch europäische Krisenländer kommen an den Finanzmärken leichter wieder an Geld. Schattenseite für deutsche Sparer: Die Renditen sinken dadurch. Auffallend ist die hohe Volatilität. Bei deutschen Aktien sorgte gestern die massive Zinsanhebung in der Türkei für Euphorie. Diese verpuffte allerdings recht schnell, und der Dax fiel bis auf 9221 Punkte zurück. Die relative Gelassenheit an der Wall Street half dem deutschen Leitindex, seine Verluste zum Teil einzudämmen. Er ging schließlich 0,75 Prozent tiefer bei 9336,73 Punkten aus dem Handel.

-Wie kann man als Sparer und Anleger in dieser Lage handeln?

Es gibt kein Patentrezept. Die Aktienmärkte bleiben voraussichtlich volatil. Das heißt es gibt ein Auf und Ab. Die Gewinnsituation der deutschen Unternehmen ist aber nach wie vor recht gut, sodass langfristig orientierte Anleger schon aufgrund der Dividendenrenditen Kursrückschläge durchaus zum Einstieg nutzen können. Doch es gibt keine Sicherheit. Die Aktienmärkte könnten durchaus von dem immer noch hohen Niveau langfristig stärker unter Druck geraten. Auch die Entwicklung auf den Rentenmärkten ist nicht stabil. Trotz des niedrigen Zinsniveaus ist es jetzt wohl das Sicherste, sein Pulver in Form von Tages- oder Festgeld trocken zu halten und den weiteren Verlauf abzuwarten.  Mit Material von dpa

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