Zahlen der IHK zeigen: Industrie in der Region Rosenheim/Mühldorf ist in der Rezession

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Die Stimmung in der bayerischen Wirtschaft ist mau, wie die aktuelle Konjunkturumfrage der IHK zeigt. Auch die Unternehmen in der Region Südostoberbayern sind mit ihrer derzeitigen Geschäftslage deutlich weniger zufrieden als noch im Frühjahr. Ein Interview mit IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Manfred Gößl.

Rosenheim – Herr Gößl, der Sinkflug der bayerischen Wirtschaft setzt sich fort. Der Konjunkturindex der IHK ist zum fünften Mal in Folge gefallen. Wie tief sind Ihre Sorgenfalten?

In der Tat tief. Man muss aber bedenken, woher wir kommen. Sozusagen vom höchsten Berg Deutschlands, der Zugspitze, und jetzt steigen wir ab. Die vergangenen Jahre waren sehr erfolgreich für die bayerische Wirtschaft. Und jetzt ist das im Gang, was sich seit geraumer Zeit abgezeichnet hat. Noch vor einem Jahr haben wir mit einem sanften Abstieg gerechnet. Jetzt sind wir doch überrascht, wie schnell es nach unten geht.

Wie steht es um die regionale Wirtschaft?

Die ist ein wenig stärker betroffen als die bayerische Wirtschaft insgesamt. Es gibt in den Landkreisen Altötting, Berchtesgadener Land, Mühldorf, Traunstein sowie Stadt und Landkreis Rosenheim zahlreiche exportorientierte Industriebetriebe. Die Industrie ist in der Rezession, das muss man so feststellen. Die Unternehmen aus der Region sind außerdem noch unzufriedener mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen als der landesweite Durchschnitt. Die Leute hier in der Region erwarten noch mehr als die anderen Unternehmer in Bayern, dass wirtschaftspolitisch etwas passiert, zum Beispiel beim Bürokratieabbau.

Gibt es denn gar nichts Positives aus der bayerischen Wirtschaft zu vermelden?

Immerhin fängt die gesamte Breite der Wirtschaft den Abwärtssog der Industrie etwas auf. Also der Handel, die Bauwirtschaft und die Dienstleistungen. Somit gehen wir davon aus, dass wir bayernweit in diesem Jahr mit einem leichten Plus davonkommen.

Wie sind die Aussichten für 2020?

Für das kommende Jahr erwarten wir wegen der höheren Zahl an Arbeitstagen ein leichtes Wachstum. Eine Rezession ist aber nicht ausgeschlossen, wenn die USA tatsächlich Strafzölle auf unsere Autos erheben. In diesem Fall wäre womöglich eine gewaltige Eskalation im Handelskonflikt die Folge, und davor können wir nur warnen. In Zeiten, in denen die bayerische Industrie in eine Rezession abrutscht, und angesichts unserer Exportabhängigkeit wäre das fatal. Daher haben wir die große Hoffnung, dass es zu keiner Verschlimmerung im Handelskonflikt kommt. Das ist entscheidend für die heimische Wirtschaft. Wichtig wäre zudem, dass sich die Lage der Weltwirtschaft nicht weiter verschlechtert. In über 90 Ländern kühlt die Konjunktur gerade ab, darunter China und die USA, und das ist äußerst bedenklich. Wir brauchen lebendige Absatzmärkte für unsere Exporte.

Gibt es denn Branchen, die trotz der Gesamtumstände wachsen?

Alles, was mit Digitalisierung zusammenhängt, boomt. IT-Fachkräfte werden händeringend gesucht. Uns fehlen in ganz Bayern etwa 50 000 Fachkräfte in diesem Bereich. Die Entwicklungsmöglichkeiten wären enorm, wenn wir nur die Stellen besetzen könnten. Sehr gut läuft es auch in der Bauwirtschaft, die von den extremen Niedrigzinsen profitiert. Zwar lässt der Gewerbebau bereits etwas nach, aber der private Wohnungsbau ist nach wie vor sehr stark. Ich hoffe zudem, dass die deutsche Automobilindustrie imstande ist, ihre herausragende Position langfristig zu sichern, doch dafür sind grundlegende Veränderungen notwendig.

IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Manfred Gößl

Stichwort Digitalisierung, wie schätzen Sie die Chancen für die heimische Wirtschaft ein?

Man muss ehrlich sagen, dass wir hierzulande keine sonderlich guten Voraussetzungen haben. Unsere Gesellschaft sehnt neue Technologien nicht gerade herbei, vorsichtig gesagt. Das liegt auch an unserem Verständnis von Datenschutz. Andere Länder geben hier Vollgas. Im Bereich Künstliche Intelligenz haben wir gravierende Nachteile, denn die funktioniert besonders gut, wenn es möglichst viele Daten gibt. Bei uns gibt es eine große Zurückhaltung im Umgang mit Daten, aber so können wir nicht vorne mitspielen. Hinzu kommt eine völlig inakzeptable Struktur für Datenkommunikation, also bei Breitband und Mobilfunk. Und das ausgerechnet in einem Land, das technologischer Vorreiter sein will.

Ist diesbezüglich die Übernahme des Kerngeschäfts von Kathrein durch Ericsson für Sie ein wichtiges Signal?

Das ist sicherlich ein wichtiger Schritt dahin, dass wir in Europa – ich spreche schon gar nicht mehr von Deutschland – Hersteller und Know-how haben, um die Telekommunikationsnetze zukunftsfähig zu machen, sowohl im Bereich Hardware als auch bei der Software. Wenn wir es in Europa nicht schaffen, eigene Infrastrukturen aufzubauen, dann geben wir die Grundlagen für die vernetzte Welt ab.

Kommen wir auf wichtige Verkehrsthemen aus der Region zu sprechen. Die B 15 mit der Westtangente um Rosenheim ist eines davon – ein großer Wurf für Sie?

Die Unternehmen sagen uns klar, das ist neben dem Ausbau der A 8 die zweite große Infrastrukturmaßnahme, die wir brauchen. Endlich kürzere Wege bei der Verbindung nach Norden. Das ist eine intelligente Lösung, nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Bürger, die viel mit dem Auto unterwegs sind.

Beim Thema Verkehr kommt man auch um den Brenner-Nordzulauf nicht herum. Die IHK befürwortet eine Neubautrasse. Können Sie dennoch die Sorgen der Bürger um die Natur verstehen?

Ich kann das absolut nachvollziehen. Die Frage ist ja: Wie gestalten wir Verkehrsströme? Wohl jeder ist damit einverstanden, wenn wir von der Straße auf die Schiene verlagern. In diesem Sinn ist es erforderlich, sich für die Zukunft vorzubereiten. Dauerhaft auf der Bestandsstrecke zu bleiben, ist keine Lösung, da wir dort eine Taktung an Zügen haben würden, die nicht zumutbar ist. Im Sinne einer umwelt- und sozialverträglichen Lösung ist für mich klar: Eine neue Strecke muss als Tunnel gebaut beziehungsweise eingehaust werden. Punkt. Sonst wird es keine Akzeptanz geben. Infrastruktur wird also wesentlich teurer, aber diesen Preis muss man bezahlen.

Sie sind seit etwa 20 Jahren bei der IHK für München und Oberbayern. Welche Veränderungen hat es in dieser Zeit gegeben?

Die Akzeptanz für die Belange der Wirtschaft hat aus meiner Sicht seither dramatisch nachgelassen. Das spürt man, wenn man etwas regional weiterentwickeln will. Das ist für mich nur erklärbar durch den Erfolg in den vergangenen Jahren. Anfang des Jahrtausends waren wir von einer Vollbeschäftigung sehr weit entfernt, Arbeitslosigkeit war das große Thema. In der langen Zeit des Aufschwungs haben sich die Prioritäten verschoben. Jede Form der Weiterentwicklung erfährt Widerstand. Auch den Fachkräftemangel, wie wir ihn inzwischen haben, gab es damals nicht. Und wir werden ihn aus demografischen Gründen weiterhin haben.

Sie haben den Posten des Hauptgeschäftsführers der IHK im Januar 2019 angetreten. Wie verliefen die ersten zehn Monate in diesem Amt?

Mir war noch an keinem Tag und zu keiner Stunde langweilig. Ich versuche, verstärkt in allen Regionen Oberbayerns präsent zu sein, weil mir die vielen Kontakte vor Ort zeigen, wo konkret der Schuh drückt und wo wir als IHK ansetzen müssen. Ich erlebe auch einen hervorragenden Zugang in die Politik, ich komme hier mit allen Ebenen sehr gut ins Gespräch.

Wie sehen Ihre Ziele für die kommenden Jahre aus?

Vor allem die Nachhaltigkeit beschäftigt die Wirtschaft, in allen Bereichen. Dazu gehört neben einer wettbewerbsfähigen Energiewende und Ressourcensparsamkeit auch: Wir müssen uns beim Stichwort Bildungspolitik und Fachkräftemangel um jedes Talent in der Schule kümmern. Wir müssen schwächeren Schülern dabei helfen, ins Berufsleben zu starten. Dafür müssen wir sie ausbildungsreif machen. Da sehen wir uns als IHK ganz besonders gefordert als Impulsgeber für Schulen und Ausbildungsbetriebe. Ein weiteres Ziel ist, noch mehr aufzunehmen, was die Unternehmen belastet und das noch schneller und effektiver an die höchsten Kreise in der Politik weiterzugeben. So haben wir es zuletzt geschafft, dass der Digitalbonus, mit dem die Staatsregierung kleinere und mittlere Unternehmen bei der Digitalisierung unterstützt, wieder erhöht wird.

Und bei der bereits angesprochenen Digitalisierung, was ist da drin?

Die wird in den kommenden Jahren auch die kleinen Unternehmen erreichen. Wir möchten hier unterstützen und ziehen mit unserer Initiative „Pack ma’s digital“ durchs Land. Wir gehen dabei voran und planen ein Pilotprojekt mit dem Freistaat Bayern zum Thema Blockchain. Wir mit einer konkreten Anwendung ganz praktisch zeigen, welche Möglichkeiten sich daraus auch für Unternehmen ergeben. Damit wollen wir vor allem den Mittelstand anstoßen und sagen: Wenn wir als IHK Blockchain können, dann kannst du das auch.

Interview: Anton Maier

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