INTERVIEW: JOST DEITMAR IST NEUER PÄCHTER DES „HOTEL LINDNER“

New York, Hamburg ... Bad Aibling

Neuer Pächter des „Lindner“: Jost Deitmar, langjähriger Hoteldirektor und Absolvent der in Fachkreisen renommierten Cornell University, Ithaca, New York. Die Häkelblume am Revers ist so etwas wie sein Markenzeichen. „Davon habe ich Dutzende in allen Farben“, sagt der Hotelmanager. Ein kleiner Laden in Berlin fertige sie von Hand. Deitmar liebt die bayerische Küche, zum Beispiel Leberkäse und Schweinebraten mit Kruste. sen

Bad Aibling – Das Hamburger Traditionshotel „Louis C.

Jacob“ an der Elbchaussee hat eine über 226-jährige Geschichte. Was das Haus seit 2017 nicht mehr hat, ist Jost Deitmar, der es 20 Jahre lang prägte und erfolgreich führte. Der mehrfach ausgezeichnete Hoteldirektor hatte das „Louis C. Jacob“ nach einem Bruch mit dem Eigentümer verlassen. Nun hat der gebürtige Münsterländer und langjährige „Wahlhamburger“ sein neues Glück in Bad Aibling gefunden: Er ist seit Juni Pächter des „Hotel Lindner“ – auch ein Haus mit Historie, diesmal mehr als 1000 Jahre.

Wie kamen Sie zum „Lindner“, Herr Deitmar?

Das ist eine längere Geschichte. Ich war zuletzt als Unternehmensberater für die Hotelbranche tätig und habe die Eigentümerfamilie Greither-Lindner bei der Suche nach einem neuen Pächter begleitet. Den Kontakt zur Familie hat übrigens ein früherer Hotelgast hergestellt. Die Bewerber jedenfalls schieden einer nach dem anderen aus. Irgendwann erschien mir die Idee reizvoll, das Hotel selbst zu führen. Das fand auch schnell die Zustimmung bei den Besitzern.

Sie hätten mit Ihrem Lebenslauf auch in London, Paris, München oder in einer anderen Metropole Fuß fassen können. Jetzt sind Sie in einer oberbayerischen Kleinstadt…

… in der mich morgens um sieben Uhr die Kirchenglocke weckt. Aber das gefällt mir. Ich war im Rahmen meiner Beratertätigkeit schon mehrfach hier und auch, wenn ich von der Gegend noch nicht viel gesehen habe, fühle ich mich sehr wohl. Mir begegnet hier eine Offenheit und freundliche Neugierde. Ich finde übrigens auch die Lage des Hotels unschlagbar: am Jungfernstieg von Bad Aibling.

Dabei sah es 2017 noch so aus, als würden Sie der Branche den Rücken kehren. Was ist passiert zwischen damals und heute, im Juni 2018?

Das Aus beim „Louis C. Jacob“ bedeutete für mich die totale Zäsur. Ich stellte mein ganzes Leben auf den Prüfstand. Ich wusste erst gar nicht, wohin die Reise gehen sollte. Mein Sohn hatte damals eine Pilgerreise auf dem Jakobsweg gemacht, das hat mich inspiriert. Aber er erzählte auch, wie überlaufen die Route war und wie stressig der Kampf um ein freies Bett. Ich habe mich dann für den Via Francigena von Lausanne nach Rom, entschieden. Am 25. Juni 2017 bin ich losgelaufen. Einen Monat später flog ich zurück nach Hamburg. Knochenhautentzündung. Immerhin war ich in vier Wochen 400 Kilometer weit gekommen. Aber ich war die ganze Zeit über krank: Infekte, Fieber, geschwollene Knie. Bis ich vor Schmerzen keinen Schritt mehr laufen konnte.

Die Erleuchtung blieb also aus.

Leider ja. Ich hatte es mir so schön vorgestellt: Wie ich von einem Hügel aus auf die Stadt Rom blicken würde… dass ich am Ende meiner Reise genau wüsste, was mein nächstes Ziel sein wird. Heute weiß ich, es war ein Fehler, die Pilgerreise generalstabsmäßig geplant zu haben: Um sechs Uhr aufstehen, mittags am nächsten Ort sein, am Vorabend das Hotel für den nächsten Tag buchen. Ich habe mich nicht treiben lassen. Mein Ziel war das Ankommen, nicht der Weg. Heute bin ich schlauer. Und ich weiss, dass ich die Reise eines Tages zu Ende zu bringen werde.

Wie haben Sie doch noch zu neuer Inspiration gefunden?

Nach der gescheiterten Pilgerreise habe ich die „Erleuchtung“ im Kloster gesucht, ein lang gehegter Wunsch. Im Benediktinerorden Münsterschwarzach war kurzfristig noch ein Zimmer frei. Ich habe auch diesen Aufenthalt zunächst komplett durchplanen wollen und die Sekretärin dort ständig angerufen und gefragt: Wenn dieser Kurs aus ist und der nächste auch, was mache ich dann? Erst hat sie mir gesagt: „Herr Deitmar, die Leute kommen zu uns, weil sie Ruhe suchen, und keinen Robinson Club.“ Schlussendlich hat sie mir einen Termin mit einem Mönch vermittelt, der vor seinem Klosterleben Wirtschaftsprüfer und Steuerberater war. Daraus wurden fünf sehr intensive Gespräche. Diese Begegnungen haben mich so fasziniert, dass ich im Herbst noch einmal zu einem Coaching im Kloster Nütschau nahe Hamburg gereist bin. Danach stand fest, dass ich mich mit meinem Wissen als Berater selbstständig machen wollte.

Ihre Branche hat den Ruf, dass es dort teils recht unbarmherzig zugeht. Jobs in Hotels sind anstrengend, der Wettbewerb ist hart. Was fasziniert Sie am Metier?

Man muss das mögen, braucht Leidenschaft und Passion. Faszinierend finde ich das unglaubliche Spektrum, das die Arbeit im Hotel bietet. Man muss präsent sein, sich gut mit Betriebswirtschaft, Verkauf und Marketing auskennen und sich um die Gäste und mehr denn je um die Mitarbeiter kümmern. Das Thema Fachkräftemangel ist bei uns ein Dauerbrenner. Mir hat die Branche die Welt eröffnet: Bei uns ist es üblich, ein paar Jahre von Hotel zu Hotel zu wechseln, international Erfahrungen zu erlangen. Man sammelt Referenzen, wie andere Leute Briefmarken.

Welche Pläne haben Sie fürs „Hotel Lindner“?

Die Familie Greither-Lindner hat in den vergangenen Jahren immer wieder und umfangreich in das Hotel investiert, baulich ändert sich also nichts. Was ich anpacken möchte, ist, das Haus zu einem kulinarischen und gesellschaftlichen Treffpunkt zu machen. Wir arbeiten daran, einen exzellenten Küchenchef für das Hotel Lindner zu gewinnen. Mir schwebt für die „Stub’n“ eine ungekünstelte, Alpenländische Hochküche aus regionalen Produkten vor. Bio bleibt das Grundkonzept. Es muss keine Sterneküche sein, aber 14 oder 15 Gault-Millau-Punkte wären schön. In der Schwemme wird es eine gute traditionelle Wirtshausküche geben.

Und im Hotelbereich?

Ich will das Segment der Privatgäste wieder beleben. Man hat sich in den vergangenen Jahren – nicht nur im Hotel Lindner, sondern vielerorts – hauptsächlich auf die Firmen- und Tagungsgäste konzentriert. Dieses Segment wollen wir auch zukünftig ansprechen, wobei der Preiskampf in diesem Bereich sehr hart ist. Ich möchte darüber hinaus, dass es sich auch für privat Reisende lohnt, für das Hotel Lindner von der A8 abzufahren. Wir haben momentan eine sehr gute Auslastung der Zimmer von etwa 70 Prozent, am Zimmerpreis hingegen kann man noch ein bisschen drehen. Im Augenblick sind wir für das, was wir bieten, aus meiner Sicht noch zu günstig.

Geben Sie uns noch einen Ausblick auf die Hotelbranche. In welche Richtung entwickelt sie sich gerade?

Es gibt einen ganz deutlichen Trend zu Individualisierung. Austauschbare Massenprodukte sind out. Erfolgreich sind zum Beispiel die „25hours Hotels“, die ganze Lebenswelten entwerfen und die im Moment in vielen Metropolen eröffnen. Zum anderen Traditionshäuser mit Geschichte, wie das Lindner, Hotels in der „Nische“, die es schaffen ihr Konzept immer wieder dem Zeitgeist anzupassen und dabei nicht ihren Charme verlieren.

Interview: Elisabeth Sennhenn

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