„Es wird kein Weg an der Digitalisierung vorbeiführen“

Digitalisierung in Unternehmen bedeutet mehr als nur die Einführung neuer Technologien. Firmen müssen sich auf vier Ebenen wandeln. Das hat auch immer Auswirkungen auf die Mitarbeiter. Wiesböck/Hess

Digitalisierungsexperte Florian Wiesböck erklärt im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen, wie sich die Digitalisierung auf Unternehmen, vor allem aber auch auf die Mitarbeiter auswirkt. Dass die fortschreitende Technik die menschliche Arbeitskraft überflüssig macht, glaubt er nicht: „Den Menschen wird es immer brauchen.“

Rosenheim – Digitalen Wandel schaffen – wie Unternehmen diesen Schritt richtig gehen, darüber referiert Wirtschaftsinformatiker Dr. Florian Wiesböck am Donnerstag, 19. März, bei der Info-Veranstaltung für Unternehmen „Inside New Work – Moderne Arbeitswelten in der Praxis“. Wiesböck promovierte an der Ludwig-Maximilians-München und gründete im Oktober 2019 gemeinsam mit seinem Doktorvater Professor Dr. Thomas Hess die Firma HW Digital Consulting. Sie beraten Firmen rund um das Thema Digitalisierung.

Herr Wiesböck, welche Motivation steckt hinter Ihrem Vortrag und was wollen Sie Unternehmern näher bringen?

Florian Wiesböck: In dem Vortrag geht es um ein Thema, das letztlich auch die Arbeitnehmer beschäftigt: Nämlich welche Voraussetzungen Unternehmen schaffen müssen, damit digitaler Wandel überhaupt funktioniert. Unternehmen müssen sich in vier Bereichen verändern. Zum einen muss sich die Unternehmenskultur wandeln. Mehr Innovationsgeist, aber auch digitale Mentalität und Offenheit gegenüber neuen Technologien muss her. Dann muss ein Unternehmen neue Kompetenzen aufbauen, also den Zugang zu neuen Technologien für Mitarbeiter schaffen. Zudem müssen sie ihre Organisationsstruktur ändern und neue Formen der Zusammenarbeit entwickeln, sei es in übergreifend arbeitenden Teams oder neuen Managementrollen. Und es wird sich die IT-Landschaft verändern. All das betrifftnicht nur das Unternehmen, sondern auch immer die Arbeitnehmer.

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Die Diskussion rund um die Digitalisierung führt häufig zu einer Art Generationenkonflikt. Warum bleiben Ältere häufig auf der Strecke?

Florian Wiesböck: Der große Unterschied ist, ob man mit digitalen Technologien, zum Beispiel dem Smartphone oder mit verschiedenen Medien im Internet wie Streaming-Diensten oder Ähnlichen groß geworden ist oder nicht. Jüngere kennen die Welt gar nicht anders und die ältere Generation hat ihr halbes Leben ja ohne diese Kanäle und Technologien verbracht. Jüngere Generationen haben daher ein ganz anderes Verständnis dafür, wie man solche Technologien einsetzt. Das soll aber nicht heißen, dass die ältere Generation keinen Zugang dazu findet.

Welchen Herausforderungen müssen sich Arbeitnehmer stellen?

Florian Wiesböck: Man muss sich als Arbeitnehmer bewusst sein, dass man sich wohl oder übel mit digitalen Technologien auseinandersetzen muss. Und fairerweise muss man auch sagen, dass ein großer Teil, auch die ältere Bevölkerung, im Alltag durchaus digitale Medien wie Google Maps oder Whatsapp nutzt. Sofern man diese Bereitschaft im Alltag schon hat, muss man sich auch dafür öffnen, diesen Schritt im Unternehmen zu gehen. Sofern der Arbeitgeber keine Hilfestellung bietet, muss man sich selbst dazu aufraffen und sich damit beschäftigen. Das klingt hart, aber es wird kein Weg daran vorbeiführen.

Wie können die Arbeitsgeber ihre Angestellten dabei unterstützen?

Florian Wiesböck: Wenn sich ein Unternehmen dazu aufmacht, den digitalen Wandel anzugehen, dann spürt man relativ schnell – wenn alles vernünftig angegangen wird und ein Unternehmen die entsprechenden Hilfestellungen leistet –, dass es funktioniert. Dazu gehören Schulungen und Offenheit gegenüber den Mitarbeitern. Manche sind verschlossen und der Arbeitgeber muss ihn vielleicht erst überzeugen, mit der neuen Struktur umzugehen. Wenn das Arbeitsgeber aber strukturiert und sinnvoll angehen, dann verlieren auch Mitarbeiter, die keine „Digital Natives“ sind, die Angst, den angestrebten Wandel hinzubekommen.

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Viele Menschen befürchten, dass sie ihren Job verlieren könnten, weil sie durch Maschinen ersetzt werden. Wie kann man ihnen diese Angst nehmen?

Florian Wiesböck:  Künstliche Intelligenz ist etwas, das noch in weiter Ferne steht, aber immer näher kommt. Dahinter steckt viel sogenanntes Machine learning, also Maschinen lernen automatisiertes Verhalten. Beispiel: Bilderkennung. So können später Maschinen beispielsweise Fehler bei Bauteilen in der Produktion erkennen. Und der Mensch muss lernen, wie er mit diesen Maschinen umgehen kann. Diese erstezen den Menschen nicht, es wird sich nur verschieben. Es ist auch nicht das erste Mal, dass eine Technologie menschliche Tätigkeiten ersetzt. Es gibt viele wissenschaftliche Studien, die belegen, dass es künftig eher eine Verschiebung als einen Wegfall der Arbeit geben wird. Man muss die Alternativen, die durch digitale Technologien entstehen, aufzeigen, denn sie sind nur Hilfestellungen. Den Menschen wird man immer brauchen.

Mangelt es in dieser Angelegenheit an Transparenz?

Florian Wiesböck: Viele Unternehmen haben selbst noch gar kein klares Bild, was diese Technologien im Unternehmen auslösen werden. Daher glaube ich nicht, dass es an mangelnder Transparenz liegt, sondern eher an Unklarheit.

Ist der digitale Weg immer der umweltfreundlichere?

Florian Wiesböck: Das ist ein sehr wichtiger Punkt. Der globale IT-Sektor hat mittlerweile einen größeren CO2-Ausstoß als die globale Luftfahrtindustrie. Server-Farmen brauchen sehr viel Energie. Wann immer man eine Serie streamt oder eine Google-Anfrage startet, entsteht sehr viel CO2. Das ist nicht zu vernachlässigen. Deswegen ist Digitalisierung auch ein ganz klares Klimathema. In der Forschung gibt es einen Strang, der sich mit „grüner IT“ beschäftigt. Server sollten an Stellen sein, wo sie energiefreundlich bewirtschaftet werden können. Deswegen gehen viele in den Norden. Server-Farmen werden häufig im Meer versenkt, wo es konstante Temperaturen gibt oder Energie aus Wasserkraft gewonnen werden kann. Auch mit Home Office und Videoconferencing könnte man CO2 reduzieren kann, dadurch, dass immer weniger Pendelwege zurückgelegt würden oder man sich Geschäftsflüge für Meeting von ein bis zwei Stunden sparen würde. Das könnte man über digitale Technologien lösen.

Gibt es etwas, bei dem sie sagen, das ist „digitaler Schwachsinn“?

Florian Wiesböck: Digitaler Schwachsinn ist für mich, wenn man sich aufmacht, alles zu digitalisieren, was es zu digitalisieren gibt. Man muss sich schon die Frage stellen: Macht das überhaupt Sinn? Viele denken, sie müssten alle Dokumente online in digitaler Form haben, aber das ist nicht immer der Fall. Interview: Tina Blum

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