BAYERN-CHEMIE

Weltraum-Schrott vermeiden

Axel Ringeisen, Leiter Marketing und Vertriebbei der Bayern-Chemie: „Kunden in mehr als 20 Ländern sind unsere Abnehmer.“
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Axel Ringeisen, Leiter Marketing und Vertriebbei der Bayern-Chemie: „Kunden in mehr als 20 Ländern sind unsere Abnehmer.“

Aschau/Inn – „Weltraum-Schrott vermeiden ist eine internationale Herausforderung“, sagt Axel Ringeisen, Leiter Marketing und Vertrieb bei der Bayern-Chemie in Aschau/Inn.

Das Unternehmen ist bekannt für seine Raketenmotoren, die vom Tochterunternehmen der MBDA Deutschland in Aschau-Werk mitten im Wald produziert werden.

„Wir sind weltweit die einzige Firma, die den Feststoff-Staustrahlantrieb produziert“, erklärt Ringeisen. Es handelt sich um das Antriebssystem des Luft-Luft-Lenkflugkörpers „Meteor“, der etwa am Eurofighter zum Einsatz kommt.

Das Know-how aus jahrzehntelanger Erfahrung will das Unternehmen nutzen, Geschäftsfelder in der Luft- und Raumfahrttechnik zu erschließen.

Herr Ringeisen, seit 2013 beschäftigt sich die Bayern-Chemie auch mit der Raumfahrt. Wie kam es dazu?

Unser Unternehmen hatte seit Langem Kontakte zu verschiedenen Forschungseinrichtungen, DLR-Instituten (Deutsche Luft- und Raumfahrt, Anm. d. Red.) und Abteilungen der ESA (Europäische Raumfahrtbehörde). Über die Jahre gab es immer wieder vereinzelte kleine Aufträge aus dem Bereich Raumfahrt. Im Jahr 2013 haben wir dann den Raumfahrtmarkt einmal genau unter die Lupe genommen und einige Marktpotenziale für uns entdeckt. Die technischen Anforderungen ans Business Raumfahrt sind ähnlich wie ans Verteidigungsgeschäft.

Wo kann die Bayern-Chemie in diesem Gefüge ihren Platz finden?

Wir tun was gegen Weltraumschrott! Früher hat man Satelliten in Umlaufbahnen geschossen und sich nicht weiter gekümmert, was mit ihnen passiert, wenn sie ihren Zweck erfüllt haben. Aber die alten Satelliten stoßen mit dem schon vorhandenen Weltraumschrott zusammen, so werden die Schrott-Teile immer mehr. Dies ist eine wachsende Bedrohung für alle bereits vorhandenen und zukünftigen Satelliten sowie die Internationale Raumstation ISS.

Wohin führt das, wenn man nichts dagegen unternimmt?

Gemäß der Einschätzung von Experten wird das dazu führen, dass man bereits in wenigen Jahrzehnten die erdnahen Umlaufbahnen nicht mehr nutzen kann. Man spricht vom sogenannten Kessler-Syndrom. Das bedeutet die „kaskadierende Zunahme“ der Zahl kleiner Objekte des Weltraummülls durch zufällige Kollisionen (benannt ist dieses Szenario nach dem US-amerikanischen Astronomen Donald J. Kessler, Anm. d. Red.).

Aber kommen nicht alle Satelliten irgendwann von selbst wieder runter?

Ohne ein gezieltes Bremsmanöver hängt dies von der Flughöhe ab. Bei einer Höhe von 350 Kilometern dauert es beispielsweise ein Jahr, bis ein Satellit runter kommt. Aus 800 Kilometern Höhe dauert es schon 150 Jahre. Das heißt, in dieser Zeit kann sich die Anzahl von Schrottteilchen durch zufällige Kollisionen weiter vermehren.

Wie gefährlich ist Weltraumschrott?

Die Teilchen sind mit Relativgeschwindigkeiten von teilweise zehn Kilometern pro Sekunde unterwegs. Zum Vergleich: Eine Gewehrkugel ist 900 Meter pro Sekunde schnell. Da kann ein Teilchen von ein paar Zentimetern schon die Durchschlagskraft von Panzermunition haben.

Auch kleine Teile verursachen also große Schäden. Das macht die Brisanz des Problems deutlich.

So ist es. Sich um die Vermeidung von Weltraumschrott zu kümmern, ist eine Aufgabe, die nur durch internationale Zusammenarbeit gelöst werden kann und dazu leisten wir unseren Beitrag.

Wie also kann man Weltraumschrott vermeiden?

Man kann die Satelliten nach ihrer Missionszeit gezielt zum Absturz bringen. Sie werden entsprechend programmiert, mithilfe eines Raketenmotors abgebremst. Das heißt, je nach Größe verglühen sie. Oder sie stürzen gezielt in unbewohnter Gegend ab. Ein ganz kleiner Satellit, der faustgroß ist, ein sogenannter „Cube-Sat“, verglüht. Ein großer Satellit ist mit einem Omnibus vergleichbar. Da braucht es einen starken Impuls durch einen Raketenmotor, um einen gezielten Absturz auf eine unbewohnte Gegend, wie etwa ein Seegebiet im Südpazifik, zu erreichen.

Was macht in diesemZusammenhang dieBayern-Chemie genau?

Die Bayern-Chemie entwickelt Raketenmotoren für das sogenannte Deorbiten von Satelliten. Zwar verfügen Satelliten bereits heute über eigene Antriebe. Aber diese Antriebe sind komplex, schwer und werden mit hochgefährlichen und giftigen Flüssigtreibstoffen betrieben. Unsere Antriebe sind Feststoffraketenmotoren. Diese sind technisch einfach, sehr robust und kostengünstig. Eine Versuchsmission hat in der Zwischenzeit bewiesen, dass das Prinzip funktioniert. Einige Satellitenhersteller haben bereits konkretes Interesse an unseren Raketenmotoren bekundet.

Welche technischen Anforderungen meinen Sie?

Wir sind darauf spezialisiert, High-Tech-Produkte zu entwickeln und zu produzieren. Aufgrund von vergleichsweise geringen Stückzahlen – im Vergleich beispielsweise zur Automotivbranche – bei gleichzeitig hoher technischer Qualität gibt es bei uns noch viel Handarbeit, die aber von sehr gut ausgebildeten Spezialisten ausgeführt wird.

Wie wichtig ist die Raumfahrt?

Für Deutschland und natürlich besonders für Bayern ist Innovation der Schlüssel zur Zukunftssicherung. Dabei ist und bleibt die Luft- und Raumfahrt ein ganz wesentlicher Innovationstreiber. Es geht schon lange nicht mehr darum, wie zu Zeiten des Kalten Krieges die Raumfahrt aus Prestigegründen zu betreiben. Heute ist eine moderne Raumfahrt Mittel zum Zweck, um den Einsatz neuer Technologien in Bereichen wie Kommunikation, autonomes Fahren oder Fliegen, Landwirtschaft, Verkehrsplanung oder etwa Katastrophenschutz zu ermöglichen. Die Raumfahrt gezielt zu fördern zeigt wirtschaftspolitische Weitsicht. Deshalb begrüßen wir ganz klar das Bekenntnis der neuen Bayerischen Staatsregierung zum Luft- und Raumfahrtstandort Bayern.

Also hat Bayern auch hier einen starken Standort?

In Deutschland sind über 100 000 Menschen in der Luft- und Raumfahrt beschäftigt. Dabei entfallen etwa ein Drittel allein auf Bayern. Dies verdeutlicht, wie stark Bayern in diesem Bereich aufgestellt ist. Dabei hat die Luft- und Raumfahrt in Bayern starke Wurzeln. Heute ist allgemein anerkannt, dass vor allem Franz Josef Strauß in der Nachkriegszeit sehr viel für den Wiederaufbau der deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie und die Standorte in Bayern getan hat.

Interview: Andrea Klemm

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