Warum die Nachfrage nach regionalen Produkten in Corona-Hochzeiten explodiert ist

Die Kunden schätzen es, dass sie bei den Hofläden wie hier bei Julia Redl aus Kolbermoor auch sehen können, wie die Tiere gehalten werden. Freilandhaltung sorgt für ein glückliches Hühnerleben.Thomae
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Mittags waren die Regale leer: Hofläden kamen während der Corona-Krise der Nachfrage fast nicht nach. Jetzt herrscht wieder Normalität.

Rosenheim – „Wir sind wieder so weit wie zuerst“, sagt Julia Redl aus Kolbermoor. Sie betreibt mit ihrem Mann Franz einen Erlebnisbauernhof an der Staatsstraße beim Postverteilzentrum. Mit dem Beginn der Corona-Beschränkungen war die Nachfrage nach den Produkten aus ihrem Hofladen, vor allem den Eiern, explodiert.

Zuletzt ist der Boom fast so schnell abgeflaut wie er sich aufbaute – das Geschäft läuft wieder so wie in Vor-Corona-Zeiten. Das heißt, dass sie mit den 300 Eiern, die sie anbieten kann, gut über den Tag kommt. In den vergangenen Monaten waren die Regale oft gegen Mittag leer. Kurzerhand die Zahl ihrer 300 Hühner aufstocken, war nicht möglich. Denn dazu benötigt man bei der Freilandhaltung mobile Ställe. Diese bedeuten nicht nur eine Investition – mindestens 40 000 Euro kostet so ein „Hühnerwohnwagen“ – sondern sie haben auch Lieferzeiten von gut einem halben Jahr.

Eierschachteln: 17 Wochen Lieferzeit

Gerade noch Glück mit den Lieferzeiten hatte Josef Rauscher aus der Thalhamerstraße in Au, einem Ortsteil von Bad Feilnbach, denn er hatte rechtzeitig die Schachteln für seine Eier bestellt. Die Lieferzeit bei seinem Verpackungslieferanten war binnen kurzem von acht auf siebzehn Wochen hochgeschnellt. Auf andere Verpackungen auszuweichen war für ihn keine Alternative. Denn er vertreibt die Eier seiner 5000 Freilandhühner nicht nur in seinem Hofladen, sondern auch über die Regro, den Verein zu bäuerlichen Regionalentwicklung, und damit auch in einigen großen Supermärkten. „Dort finden die Leute unsere Eier nicht mehr, wenn die eine andere Verpackung haben.“ Das wäre ungünstig gewesen, denn auch in Supermärkten war die Nachfrage nach Regionalprodukten in der Corona-Hochphase stark angestiegen.

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Die Hofläden, so Rauscher, hatten aber noch einen Vorteil: Sie waren nie überlaufen. Eine Tatsache, die seiner Meinung nach viele bewog, hier einzukaufen. Warum aber ausgerechnet Eier bei den nachgefragten Produkten die Spitzenposition einnehmen, darüber kann er nur spekulieren. Es sei offenbar so, dass der Verbraucher gerade Eier als ein sehr sensibles Produkt ansähe und deshalb auf die Herkunft achten.

Eine Ansicht die Julia Redl bestätigen kann. Sie hat Kunden, die den normalen Eierbedarf zum Kochen im Supermarkt kaufen, sich das Ei fürs sonntägliche Frühstück aber in ihrem Hofladen besorgen. Daneben, so meint sie, war Corona schlicht die Zeit, in der mehr gekocht und gebacken wurde. Dass es sich bei der explodierenden Nachfrage aber nur um ein vorübergehendes Strohfeuer handeln würde, davon sind die Hofladenbetreiber ausgegangen.

Weitere Infos zu regionalen Produkten

Auch Monika Obermair, die mit ihrem Mann Georg in Flintsbach an der Kufsteiner Straße einen Hof bewirtschaftet, hatte sich keine Illusionen gemacht: „Dass der Anstieg mit der Krise zusammenhängt, konnte man daran sehen, dass haltbare Produkte bei uns weggingen wie warme Semmeln, da wurde eindeutig auf Vorrat eingekauft.“ Was die Zukunft anbelangt, so ist sie jedoch optimistisch, dass der eine oder andere Kunde auf Dauer hängenbleiben wird.

Für Monika Obermair zum Beispiel ist ihr Laden nicht nur ein wichtiges Wirtschaftsstandbein, sondern auch ihr Hobby und das sieht man ihm auch an: Liebevoll gestaltet, bietet sie unter anderem auch Eier, Nudeln, Käse und Fleisch an, aber auch Kinderkleidung, die ein Freundn näht. Ihr Laden läift als Selbstbedienungsgeschäft. „Gerade Familien nützen den Einkauf, um ihren Kindern einen Bauernhof zu zeigen.“

Über die Kinder Bewusstsein schaffen

Julia Redl hat aus der Kundennähe sogar ein zusätzliches Standbein gemacht, sie öffnet ihren Erlebnisbauernhof für Schulklassen und Kindergärten und richtet Kindergeburtstage aus. Für sie wie auch für Monika Obermair ist klar: Wer mehr Verbraucher zu regionalem Konsum überreden will, muss ihnen zeigen, wie sorgfältig und achtsam in der Landwirtschaft unseres Landstrichs gearbeitet wird. Das aber ist durchaus ein längerfristiges Vorhaben und geht deshalb am besten über die Kinder.

Eine Sicht, die auch Josef Rauscher bestätigen kann. Er stellt fest, dass immer wieder Kunden zu ihm kommen, die seine Eier zunächst im Supermarkt kauften, auf der Verpackung seine Adresse sahen und auf dem Hof vorbeischauten: „Wenn sie unseren Hof sehen merken sie, dass es unseren Hühnern gut geht. Und dass man sich darauf verlassen kann, dass mit Umsicht produziert und die Tiere artgerecht gehalten werden.“

Interview mit BBV-Geschäftsführer Josef Steingraber

Josef Steingraber ist nicht nur Geschäftsführer des Bauernverbandes in Rosenheim, er bewirtschaftet auch einen Hof und verkauft Rindfleisch aus eigener Zucht.

Was bleibt Ihrer Meinung nach vom Nachfrage-Boom nach der Corona-Zeit übrig?

Josef Steingraber: Für mich hat sich gezeigt, dass die Kunden in der Zeit, in der sie offenbar wieder mehr selbst gekocht haben, durchaus auf Qualität achten. Der Wunsch nach gesundem Essen aus reell produzierten Produkten ist also da. Er müsste jetzt nur noch an die Stellen gebracht werden, in denen in Nicht-Coronazeiten gegessen wird, also an Kantinen und die Gastronomie.

Besteht denn bei den Gastwirten ein Nachholbedarf in Sachen regionaler Einkauf?

Steingraber: Es gibt bereits viele, die darauf achten, und bei denen läuft der Laden auch. Aber es sind eben noch nicht genug. Wenn man deshalb beim Essengehen oder in der Kantine öfter mal freundlich nachfragen würde, woher denn die verarbeiteten Produkte kommen, dann würde das, da bin ich sicher, auf Dauer schon einiges bewirken.

In den Regalen der Supermärkte hat sich da ja schon einiges getan.

Steingraber: Richtig, wenn man auch aufpassen muss. Der Kunde achtet verständlicherweise beim Einkauf auch auf den Preis. Wenn er dann ein Produkt sieht mit der Aufschrift „Bio“, das kaum teurer ist, als das ohne diese Qualifikation, dann greift er zu Bio und glaubt, damit einen Beitrag für die heimische Landwirtschaft getan zu haben.

Hat der Kunde das denn nicht?

Steingraber: Nein, weil günstige Bio-Produkte oft aus anderen Ländern Europas oder sogar aus Nicht-EU-Ländern kommen. Dort sind die Vorschriften aber viel weiter gefasst als bei uns, zudem kommt der Transportweg hinzu. Wer wirklich etwas für Umwelt und heimische Landwirtschaft tun will, ist besser bedient, wenn er auf die regionale Herkunft der Produkte achtet. Da muss dann nicht einmal Bio draufstehen, denn in unserer Region kann man auch bei den konventionellen Betrieben sicher sein, dass umweltbewusst und auf das Tierwohl achtend produziert wird. Interview: Johannes Thomae

Josef Rauschers Hofladen-Kunden kommen zum Teil über den Umweg Supermarkt. Josef Steingraber

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