INTERVIEW: NACHFOLGE DURCH TÖCHTER UND KÄUFERINNEN

Im Vordergrund steht die Kompetenz

Ingrid Obermeier-Osl ist Vizepräsidentin der IHK und ist selbst Nachfolgerin im Holzwerk Obermeier, das von ihren Eltern gegründet wurde. re

– Um die Übergabe und Nachfolge in Familienunternehmen geht es morgen, Donnerstag, beim „Aktionstag Unternehmensnachfolge“, zu der Industrie- und Handwerkskammer gemeinsam nach Erharting einladen (Bericht folgt).

Ingrid Obermeier-Osl gehört zu den Initiatorinnen; die Unternehmerin aus Schwindegg führt ein Holzwerk mit 185 Mitarbeitern und leitet den IHK-Regionalausschuss Altötting-Mühldorf. Ein Schwerpunkt des Aktionstags liegt auf der Nachfolge durch Töchter und Käuferinnen.

Hat das einen bestimmten Hintergrund, warum es morgen konkret um die weibliche Nachfolge geht?

Bei 30 Prozent der Unternehmen in München und Oberbayern steht mittlerweile eine Frau an der Spitze. Gemessen an der Vergangenheit ist das zwar ein Fortschritt, aber noch mit viel Luft nach oben. Das gilt auch bei den Betriebsnachfolgen, bei denen der Frauenanteil ähnlich hoch ist. Im Bund sind es übrigens nur 15 Prozent. Das volkswirtschaftliche Potenzial von Frauen als Nachfolgerinnen ist also enorm. Der IHK-Aktionstag soll aber alle Betroffenen – Frauen wie Männer – sensibilisieren, das Thema anzugehen. Allerdings ist das umso wichtiger, wenn in bestimmten Branchen Frauen als Nachfolgekandidatinnen leider immer noch als unkonventionell erscheinen. Ganz egal, ob es sich dabei um Töchter, Nichten, Mitarbeiterinnen oder externe Interessentinnen als mögliche Nachfolger handelt.

Sie sind Unternehmerin. Sehen Sie für Frauen heute noch Eintrittshemmnisse in die Führung?

Rollenbilder verändern sich nur langsam. Genderthematik und Gleichstellung haben sich als gesellschaftspolitische Themen längst etabliert. Die starke Rolle der Frau als Entscheiderin in Betrieben und Vorständen ist aber noch nicht vollständig in den Köpfen der Menschen angekommen. Ich bin sehr zuversichtlich, dass sich diese Situation mit der Zeit weiter zum Positiven ändern wird. Trotz allem dürfen wir aber ebenfalls nicht vergessen: Frauen sind nach wie vor stärker von Doppelbelastung betroffen als Männer, Stichwort Pflege und Kinder. Dies gilt umso mehr für Unternehmerinnen, die ja keine „9-to-5“-Jobs haben und mehr Verantwortung tragen als angestellte Frauen. Führung und Selbstständigkeit müssen Frauen außerdem zu allererst selbst wollen und sich zutrauen. Dafür müssen Frauen dann doch noch mehr „kämpfen“ und sich beweisen als Männer.

„70 Prozent der Familienunternehmer wünschen sich nach wie vor Söhne als Nachfolger.“

Würden Sie sagen, Führung hat eine Geschlechterkomponente?

Frauen führen durchaus anders als Männer. Eine IHK-Studie hat ergeben, dass zwar beide Geschlechter gleichermaßen in der Geschäftsidee, der Strategie und der unternehmerischen Leidenschaftlichkeit die zentralen Erfolgsfaktoren für den Betrieb sehen. Frauen setzen aber mehr auf Soft-Skills und Empathie. Der Mensch steht im Mittelpunkt ihrer unternehmerischen Philosophie. Neben der eigenen Intuition setzen sie bei der Führung aber ebenfalls auf eine Abwägung, in die sie Faktoren wie ihre Mitarbeiter oder kritisch reflektierte Erfahrungen der Vergangenheit einbeziehen. Letztendlich zählt aber für das Unternehmen und seine Beschäftigten doch vor allem, dass es erfolgreich geführt wird.

Nachfolge scheint noch ein überwiegend männliches Thema zu sein. Töchter tun sich wohl in der Nachfolge schwerer, weil sie oft anders sozialisiert wurden als die Söhne. Was würden Sie Unternehmern und ihren Töchtern raten?

Die beste Nachfolgelösung zu finden, muss für die Betriebe im Fokus stehen. Da spielt es keine Rolle, ob Sohn oder Tochter das Familienunternehmen übernimmt. Er oder sie muss qualifiziert und geeignet sein, die Nachfolge in die Lebensplanung passen. Wenn ein Familienunternehmer abwägt, und sich nicht für die Tochter entscheidet, dann wohl doch eher wegen der enormen Belastung, die Unternehmen und Familie mit sich bringen. So zeigt es meiner Ansicht nach die Realität. Tatsächlich wünschen sich laut dem Institut für Mittelstandsforschung 70 Prozent der Familienunternehmer nach wie vor Söhne als Nachfolger. Das ändert sich aber zum Glück. In der „Generation Y“ sind bundesweit 47 Prozent der Nachfolgenden weiblich, in der vorhergehenden „Generation X“ waren es erst 33 Prozent, so das Wittener Institut für Familienunternehmen.

„Soziale Aspekte erleichtern Frauen die Entscheidung für die Nachfolge“

Was die Entscheidung zur Nachfolge erleichtert: Wenn in Kindheit und Jugend beispielsweise am gemeinsamen Esstisch nicht nur betriebliche Schwierigkeiten und Herausforderungen besprochen werden, sondern ebenso die Vorteile und schönen Aspekte des Unternehmertums. Dazu gehören ganz besonders der unternehmerische Freiraum und die gesellschaftliche Verantwortung, aber auch die soziale Aufgabe, Arbeitsplätze zu schaffen und Existenzen zu sichern. Das sind Aspekte, die gerade weibliche Nachfolgerinnen ansprechen.

Wie sieht es mit dem Anteil der Frauen in Führung in der Region Altötting-Mühldorf aus beziehungsweise mit Unternehmerinnen, Nachfolgerinnen?

Die Quote von 30 Prozent weiblicher Geschäftsführerinnen in den Unternehmen in München und Oberbayern kann sicherlich auch für den regionalen Kontext angenommen werden. Auf alle Fälle kenne ich selbst einige Frauen in unserer Region, die seit Jahren in der Führung mittelständischer Unternehmen sind und diese erfolgreich und zukunftsorientiert führen. Interview: Elisabeth Sennhenn

Sonja Gehring, IHK re

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