Trend geht zum Zweitjob

Zapfen im Zweitjob: Immer mehr Menschen sind auf ein Nebeneinkommen angewiesen. NGG

Rosenheim – Sie kellnern am Wochenende in Cafés, gehen nach Feierabend putzen oder füllen Regale im Supermarkt auf: Immer mehr Menschen in der Region gehen zusätzlich zu ihrer regulären Arbeit einem Minijob nach.

In der Stadt Rosenheim sind es knapp über 4000 Menschen, die eine solche Zweittätigkeit haben, im Landkreis Rosenheim arbeiten laut Arbeitsagentur rund 12 600 Beschäftigte nebenher.

Damit stieg die Zahl der Zweitjobber innerhalb von zehn Jahren im Stadtgebeit um 40 Prozent, im Landkreis betrug der Zuwachs sogar 66 Prozent – deutlich mehr als bei den regulären sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsmöglichkeiten. Besonders verbreitet sind die Zusatzjobs laut der Arbeitsagentur Rosenheim im Gastgewerbe und im Handel, aber auch in Kfz-Werkstätten, in der Immobilienbranche sowie im Dienstleistungsbereich.

Frauenanteilist höher

Nach wie vor arbeiten mehr Frauen als Männer zusätzlich in einem Minijob, auch wenn ihr Anteil leicht sinkt: Im Juni 2014 lag laut den Zahlen der Arbeitsagentur der Frauenanteil unter den Minijobbern in der Stadt Rosenheim bei 63,4 Prozent, bis Juni 2019 ist er auf 60,4 Prozent zurückgegangen. Im Landkreis Rosenheim sank der Anteil von 65,1 Prozent im Juni 2014 auf 62,9 Prozent bis Juni 2019. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass Minijobs vor allem mit Teilzeittätigkeiten kombiniert werden und mehr Frauen als Männer einer Teilzeitbeschäftigung nachgehen.

Zu den Motiven der Arbeitnehmer, nach Feierabend zusätzlich zu arbeiten, hat die Arbeitsagentur keine Informationen. Natürlich werden unter den Zusatz-Jobbern auch solche sein, die die Mühe auf sich nehmen, weil sie sich etwas Besonderes leisten wollen. Vermutlich ist in den meisten Fällen aber wohl ein anderer Grund ausschlaggebend. Denn die gute Wirtschaftslage in der Region, in der faktisch Vollbeschäftigung herrscht, hat auch ihre Schattenseite: Die Lebenshaltungskosten – vor allem die Mieten und Immobilienpreise – sind hoch. Und viele Mini-Jobber brauchen das zusätzliche Geld wohl in erster Linie, um sich das Leben in der Region leisten zu können.

Darauf weist auch eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung hin. Die Sozialwissenschaftler, die im Auftrag der Arbeitsagentur forschen, konnten mit Zahlen belegen, das die Haupttätigkeit von Mehrfachjobbern oft Berufe sind, in denen weniger verdient wird.

Nebenjobs für die Haushaltskasse

So sieht es auch die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, die von besonders vielen Zusatz-Jobs in den Restaurants, Gaststätten und Hotels in der Region berichtet. Gewerkschafter Georg Schneider spricht denn auch von einer Schieflage auf dem Arbeitsmarkt: „Im Schatten des Booms der vergangenen Jahre sind viele sozialversicherungspflichtige Stellen entstanden, die oft kaum zum Leben reichen. Nebenjobs müssen dann die Haushaltskasse aufbessern.“ so der Geschäftsführer der NGG Rosenheim-Oberbayern.

Die NGG sieht auch die Politik in der Verantwortung. Die Zunahme der Zweitjobs sei auch das Ergebnis einer verfehlten Arbeitsmarktpolitik der Nullerjahre. „Mit einer Reform könnte die Bundesregierung Minijobs voll in die Sozialversicherung einbeziehen.“

Die fehlende soziale Absicherung ist auch in den Augen der Arbeitsagentur ein Manko: „Generell begrüßen wir es, wenn der Schritt aus einem Minijob-Arbeitsverhältnis in eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung gelingt, vor allem auch unter dem Aspekt der Sozialversicherungspflicht und der Altersvorsorge“, so Silke Stichaner, Pressesprecherin der Rosenheimer Arbeitsagentur.

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