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Auszubildende im Verkauf: Unbeliebt bei Schulabgängern wegen langer Arbeitszeiten? dpa
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Auszubildende im Verkauf: Unbeliebt bei Schulabgängern wegen langer Arbeitszeiten? dpa

Gewerblich, technisch, kaufmännisch: Die Bandbreite an Ausbildungen, die Unternehmen in der Region anbieten, ist enorm. Doch viele Lehrstellen in Industrie, Handel und Dienstleistung blieben zuletzt unbesetzt. Manche Berufe scheinen für Schulabgänger nicht mehr attraktiv zu sein.

Rosenheim – Sterben manche Berufe aus, weil sich auf die entsprechenden Ausbildungsstellen kein Schulabgänger mehr bewerben mag? Im Landkreis Rosenheim blieben laut IHK im vergangenen Ausbildungsjahr von 1 503 gemeldeten Ausbildungsstellen 155 unbesetzt; in der Stadt blieben 46 von 752 Stellen frei. Das sagt noch nichts darüber aus, um welche Berufe es sich handelt, für deren Ausbildung sich niemand fand. Industriekaufmann, Kauffrau für Büromanagement oder Mechatroniker waren es bestimmt nicht: Das sind die beliebtesten Berufe, sagen die Statistik sowie diejenigen Unternehmen, welche mit den OVB-Heimatzeitungen über die Ausbildungssituation in ihrem Haus gesprochen haben. Andere dagegen, so sind sich die Ausbildungsleiter einig, sind immer schwerer zu besetzen: Es sind meist diejenigen Lehrstellen, bei denen auch mal in einer zugigen Halle, unter Maschinenlärm und mit Öl an den Händen gearbeitet werden muss. Oder solche, bei denen die Berufsbezeichnung angestaubt klingt und damit auf den ersten Blick wenig attraktiv erscheint, wie Anna Edmaier, Ausbildungschefin bei der Odu GmbH & Co. KG in Mühldorf meint: „Wir haben das Gefühl, dass sich die Jugendlichen heute nicht mehr so explizit mit den jeweiligen Berufsprofilen befassen wie noch vor zehn Jahren“, sagt sie. Beim Mühldorfer Industriebetrieb sorgt man sich um die Ausbildungen zum Oberflächenbeschichter und zum Verfahrensmechaniker: „Der Oberflächenbeschichter beispielsweise ist ein sehr hochwertiger Beruf in der Chemie, der sich aber heute schwer vermitteln lässt, weil sich der Name leider so anhört, als ginge es dabei ums Lackieren.“ Dringend benötigt würden Oberflächenbeschichter in der hauseigenen Galvanik, doch für das laufende Ausbildungsjahr konnten nur zwei der vier Stellen besetzt werden. Berufe, die sich die Jugendlichen nicht erklären könnten, fielen förmlich durch ihr Raster, ist Edmaiers Erfahrung. Sie spüre, dass eine gewisse Flexibilität fehle bei der Berufswahl und dass die Schulabgänger am liebsten auf die gängigsten Berufe setzten, für die es dann zu viele Bewerber und entsprechend begrenzte Lehrstellen gebe: „Nicht jeder kann eben Industriekaufmann oder Mechatroniker werden.“ Gerade für letzteren Beruf gebe es tolle Alternativen, über die sich die Jugendlichen gar nicht von selbst informieren würden: „Statt Mechatroniker könnten die Bewerber beispielsweise auch Elektroniker oder Industriemechaniker werden, die Voraussetzungen sind vergleichbar.“

Klischees über Berufe sind bei Jugendlichen weit verbreitet

Den Eltern komme eine wichtige Rolle zu: Sie sollten ihre Kinder darin unterstützen, über den Tellerrand zu schauen. „Aber das ist heute eine gewaltige Aufgabe, es gibt einen Dschungel an Möglichkeiten, in den man sich richtig einarbeiten muss.“ Das bedeute ein Verlassen der Komfortzone.

So, wie bei Odu kämpft man auch bei Mondi Innocat in Raubling um den Erhalt einer Fachausbildung: Laut Personalleiterin Barbara Brazel ist es zunehmend schwierig, den „Verfahrensmechaniker für Kunststoff und Kautschuktechnik“, wie der volle Titel lautet, auszubilden. „Der Beruf ist kaum bekannt“, erklärt Brazel und dass erst der Einblick in die Praxis den Jugendlichen verständlich mache, was sich hinter der sperrigen Bezeichnung verberge. „Das Produkt, das dabei entsteht, erscheint praktisch nicht in der öffentlichen Wahrnehmung“ und so gehe es eben leider auch dem Beruf des Verfahrensmechanikers.

In der Zentrale von Fliegl Agrartechnik in Mühldorf werden insgesamt 37 Lehrlinge ausgebildet. Am stärksten sei das Büro nachgefragt, sagt Edith Obermeier aus der Personalabteilung. Während die Lehrstellen in Büro, zum Technischen Zeichner und zum Fachinformatiker gut besetzt werden konnten, sei es schwierig, eine Fachkraft für Lagerlogistik auszubilden und Metallbauer - dabei wäre gerade Letzteres für Fliegl besonders wichtig. Obermeier kann es nur vermuten, aber sie schätzt, dass es die Umstände der Metallbauer-Ausbildung selbst sind, die Schüler abschrecken: Man sitze dabei eben nicht am Schreibtisch, sondern arbeite mit den Händen, die durchaus schmutzig würden.

Letzteres ist im Verkauf eher nicht der Fall, trotzdem bestätigt Silke Stichaner, Sprecherin der Rosenheimer Agentur für Arbeit, dass der Einzelhandel große Probleme habe, seine freien Lehrstellen voll zu besetzen. „Kaufmännische Berufe sind schlichtweg beliebter, sie sind höher angesehen, bieten aus Sicht der Bewerber bessere Aufstiegschancen und planbare Arbeitszeiten.“

Bei der Iko Sportartikel Handels GmbH aus Raubling ist man jedenfalls etwas ratlos, weshalb der Ausbildungsbereich Einzelhandel zuletzt wenig Resonanz gefunden habe. Nur drei Ausbildungsstellen konnten besetzt werden, sechs könnten es laut Tessa Irlbacher-Weinmann sein: „Wir bieten den Azubis attraktive Rahmenbedingungen, setzen sie nach ihren Interessensgebieten ein, es gibt Aufstiegsperspektiven“, beschreibt sie einige der Angebote, die doch einem Lehrling zeigten, dass er dem Unternehmen wichtig sei. Trotzdem halte sich in den Köpfen der Schulabgänger das Bild vom Verkäufer, der sich von Montag bis Samstag bis abends die Beine in den Bauch stehe: „Dabei sind die Arbeitszeiten im Verkauf gesetzlich geregelt.“ Damit die Azubis Spaß selbst an normal langen Arbeitstagen hätten, könnten sie dort arbeiten, wo ihre eigene Passion am größten sei. Freilich, sagt Irlbacher-Weinmann, müsste man in der Ausbildung Leistung zeigen: „Das unterschätzen viele Bewerber.“ Gerade im Einzelhandel müsse man nicht nur nett mit Kunden umgehen können, sondern auch rechnen können. Sie hat mehrere Vermutungen, warum sich derzeit, außer fürs Büro, schwer Azubis finden lassen: Da wäre zum einen der Trend, dass sich Schüler immer früher, schon ab der achten Klasse, für ihren weiteren Ausbildungsweg entscheiden – das Karussell drehe sich damit schneller, Betriebe müssten früher als geplant reagieren und für ihre Ausbildungsplätze werben. Selbstkritisch sagt sie: „Wir als Unternehmen müssen wieder aktiver auf die Schulen und die Schüler zugehen, uns darum kümmern, dass vermehrt Schülerpraktika bei uns stattfinden.“ Zum Anderen sieht sie die Tendenz bei den Schülern, einen höheren Bildungsabschluss erzielen zu wollen. Diese wollten weiter zur Schule gehen.

Büro macht am wenigsten Stress, Verkauf heißt Stehen von früh bis spät, in der Montage macht man sich schmutzig: Berufsklischees wie diese scheinen jedenfalls weit verbreitet, auch wenn die Ausbildungsbetriebe sich alle Mühe zu geben scheinen, den Azubis Vorteile zu bieten und für sie attraktiv zu sein. So, wie man sich bei Iko vorgenommen hat, sich wieder stärker um die Schüler schon im Vorfeld zu bemühen, haben die meisten Betriebe Strategien für mehr Bewerber auf Lehrstellen entwickelt.

Azubis wie anspruchsvolle Kunden behandeln

Bei Fliegl lag der Ausbildungsbeginn traditionell stets Anfang August, ein für angehende Azubis unpraktisches Datum, bleibt doch vom Schulende im Juli bis zum Ausbildungsstart kaum Übergangszeit. 2018 sollen die Ausbildungen erst im September beginnen. Bei Mondi Innocat wurde kürzlich erstmals die zweijährige Ausbildung zum Maschinen- und Anlagenführer angeboten, die dem Verfahrensmechaniker ähnelt. „Außerdem können sich die Jugendlichen mehr unter der Bezeichnung vorstellen“, sagt Brazel. Odu ist laut Personalleiterin Gerlinde Dilg in sozialen Netzwerken wie Snapchat und Youtube präsent und setze auf Kinowerbung. „Wir sind dazu übergegangen, in unseren Bewerbern und Azubis Kunden zu sehen, denen wir etwas bieten müssen.“

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