AKTUELLES INTERVIEW

„Sintflut an Verpackung angehen“

Mit ihrer Gründungsidee gehen Christian und Alexandra Stibane einen neuen Weg im Lebensmitteleinkauf. Eröffnet werden soll im Mai. dpa/aez
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Mit ihrer Gründungsidee gehen Christian und Alexandra Stibane einen neuen Weg im Lebensmitteleinkauf. Eröffnet werden soll im Mai. dpa/aez

Regionale Lebensmittel ohne Plastikverpackungen in fußläufiger Entfernung zum Wohnort einkaufen – was in deutschen Großstädten zum Trend geworden ist, ist bald auch in Rosenheim möglich. Mitten in der Stadt eröffnen Christian und Alexandra Stibane einen außergewöhnlichen Lebensmittelmarkt. Mit ihrem Konzept hatten sie sich auch beim Rosenheimer Gründerpreis beworben.

Mit „Nimm’s lose“ soll ein neuer, besonderer Lebensmittelmarkt eröffnen. Was steckt dahinter?

Christian und Alexandra Stibane: Mit unserer Idee wollen wir unseren Kunden in der Region die Möglichkeit bieten, Lebensmittel und Produkte des täglichen Bedarfs unverpackt zu bekommen. Wir sind der Meinung, dass die Sintflut an Verpackungsmaterial und die damit verbundene Problematik der Entsorgung unbedingt angegangen werden muss. Unsere Lebensmittel werden größtenteils regional produziert. So können wir die nötige Transparenz an den Kunden weiter geben, durch die kurzen Lieferwege den CO2-Abdruck klein halten und – was uns sehr wichtig ist – wir kennen Produzenten und Landwirte persönlich.

Was war Ihre Motivation für dieses Projekt?

Diese Frage zu beantworten, finden wir nicht so einfach, da der ganze Prozess eine Entwicklung war. Meine Frau und ich waren 2003 in Australien und haben dort in der Landwirtschaft gearbeitet. Das hat uns die Augen geöffnet. Zurück in Deutschland haben wir beide angefangen, unsere Gewohnheiten zu ändern. Uns wurde bewusst, wie wichtig es ist, sich regional und auch saisonal zu ernähren. Auch die Verschwendung von Ressourcen wird einem sehr bewusst, wenn man ein Jahr lang sehr minimalistisch gelebt hat.

Idee stößt auf

positive Resonanz

Haben Sie bereits Rückmeldungen bekommen?

Ja, das haben wir und wir sind sehr überrascht über die viele positive Resonanz. Wir haben erst vor einer Woche erfahren, dass wir die nötigen Mittel bekommen haben. Wir haben lange darüber nachgedacht, wann wir an die Öffentlichkeit gehen. Wir wollten keine falschen Hoffnungen wecken, falls uns die Bank den Kredit nicht genehmigt. Schließlich arbeiten wir an dem Projekt schon seit April 2016.

Warum haben Sie sich für Rosenheim entschieden?

Wir sind vor vier Jahren aus München hier in den Landkreis gezogen und haben uns von Anfang an zu Hause gefühlt. Rosenheim ist ein wichtiges wirtschaftliches Zentrum, aber uns ist aufgefallen, dass man in der Innenstadt wenige vernünftige Einkaufsmöglichkeiten hat im Bereich Lebensmittel. Sicher, es gibt die üblichen Ketten. Aber ein Lebensmittelmarkt mit Produkten, die vor unserer Haustür produziert werden und dazu noch unverpackt sind, fehlt komplett! Wir wollten nicht die Anonymität einer Großstadt. Rosenheim hat viele junge Familien mit einem großen Bewusstsein für gute Lebensmittel. Außerdem viele Studenten, aber auch Rentner, die ein ähnliches Konzept noch von den Tante-Emma-Läden kennen.

Welche Produkte wird es zu kaufen geben?

Unser Hauptaugenmerk liegt auf trockener Ware wie Nudeln, Hülsenfrüchte, Reis, Getreide, Gewürze, Tee, Kaffee. Diese Produkte lassen sich sehr gut über unsere Lebensmittelspender aus Glas, Edelstahl und Holz portionieren. Außerdem gibt es Obst, Gemüse, Backwaren und Molkereiprodukte. Besonders stolz sind wir auf die frische Biomilch zum selbst Abfüllen! Zusätzlich kann man frisch gemahlenen Kaffee genießen. Für die Körperpflege haben wir Seifen, Zahnpasta in Tablettenform und Hygieneartikel. Für den Haushalt haben wir Reinigungsmittel im Baukastensystem, Produkte aus Holz und Edelstahl und mehr. Alles in Bioqualität, alles nachhaltig produziert und ohne Verpackungen auf Erdölbasis! Das ist uns sehr wichtig.

Suchen Sie noch Lieferanten aus der Region?

Natürlich! Wir sind immer auf der Suche nach Produzenten aus der Region, auch kleine Betriebe sind willkommen. Wir haben die letzten Monate damit verbracht, die Region ganz genau zu erforschen auf der Suche nach entsprechenden Landwirten und Produzenten.

Regionalität und

eigene Behälter

Was muss ein Kunde mitbringen, wenn er bei Ihnen einkauft?

Zum einen natürlich die Neugier und den Willen, sich auf ein neues Einkaufserlebnis einzulassen. Am besten kommt er mit seinem Jutebeutel, Behälter aus Glas, Holz oder Kunststoff. Am praktischsten sind Zugbeutel, diese passen in jede Tasche und man kann sehr gut Nudeln, Reis, Getreide oder ähnliches mit nach Hause nehmen. Diese Behälter werden vor dem Einkauf bei uns gewogen und nach dem Befüllen wird an der Kasse das Leergewicht wieder abgezogen. So zahlt der Kunde auch nur das, was er braucht. Alle nötigen Behälter, Beutel oder Flaschen können auch bei uns erworben werden.

Gibt es noch etwas, das Sie loswerden wollen?

Wir freuen uns auf viele unterschiedliche Menschen und darauf, ihnen zeigen zu dürfen, welch ein Erlebnis einkaufen sein kann. Wie einfach es eigentlich ist, bewusster mit der Umwelt umzugehen und wieder den Wert seiner Lebensmittel zu kennen und zu schätzen. Nur mit Hilfe der Kunden kann ein solches Projekt langfristig funktionieren. Wir sind der Meinung, dass jeder Einzelne etwas für eine bessere Welt beitragen kann. Denn auch ein Ozean besteht nur aus einzelnen Tropfen! Interview: Martin Aerzbäck

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