FFP2-MASKEN

Schuld ist Brüssel: Ein FFP2-Hersteller aus Bernau und sein Wettlauf mit der Zeit

Unternehmer Gregor Jell aus Bernau mit wiederverwendbaren Alltagsmasken aus Biokunststoff, die seine Mitarbeiter derzeit in Waldkraiburg herstellen. Links hält er eine Einweg-FFP2-Maske, die er momentan nur vertreibt. So schnell es geht, will er selbst mehrfach nutzbare FFP2-Masken aus seinem Bio-Material produzieren.
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Unternehmer Gregor Jell aus Bernau mit wiederverwendbaren Alltagsmasken aus Biokunststoff, die seine Mitarbeiter derzeit in Waldkraiburg herstellen. Links hält er eine Einweg-FFP2-Maske, die er momentan nur vertreibt. So schnell es geht, will er selbst mehrfach nutzbare FFP2-Masken aus seinem Bio-Material produzieren.
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Gregor Jell aus Bernau will wiederverwendbare FFP2-Masken aus Biokunststoff produzieren. Vorher muss er sie prüfen lassen. Doch es gibt nicht genügend deutsche Prüfinstitute, die dafür von der EU die Erlaubnis haben. Das Rosenheimer ift arbeitet an einer solchen Zulassung – doch Brüssel schiebt Prüfer und Hersteller auf die lange Bank.

Waldkraiburg/Bernau – FFP2-Masken sollen nun in Bayern beim Einkaufen und in öffentlichen Verkehrsmitteln getragen werden – möglich, dass andere Bundesländer noch nachziehen. Doch abgesehen von der Frage, wie man so schnell an die rasch vergriffenen Masken herankommt, ärgern sich Bürger zunehmend darüber, dabei meist auf Produkte aus Fernost zurückgreifen zu müssen, deren Materialien und Qualität nicht unumstritten ist (wir berichteten im Lokalteil der Chiemgau-Zeitung).

Warten auf die Freigabe aus Brüssel

Ein regionaler Unternehmer, der dies ändern will, ist Gregor Jell aus Bernau. Der Geschäftsführer der gleichnamigen Dienstleistungsfirma ist soeben in die Produktion von qualitativ hochwertigen, wiederverwendbaren Alltagsmasken aus Bio-Kunststoff eingestiegen, die er im eigenen Onlineshop „Hyggyconcept“ verkauft: „Jetzt setzen wir alles daran, so schnell wie möglich auch waschbare FFP2-Masken aus Biokunststoff herzustellen.“ Abgesehen von der Frage, wie groß der tatsächliche Bedarf an den speziellen Schutzmasken in der Region und darüber hinaus ist, hat Jell jedoch noch mit einem weiteren Problem zu kämpfen: „Für eines unserer Modelle, die wir als FFP2-Variante anbieten wollen, haben wir eine Vorzulassung in Wien erreicht. In Deutschland aber ist eine Zulassung für Hersteller aktuell ein langer, intensiver Zulassungsprozess, der mehrere Wochen bis Monate dauert.“

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Ein Wettlauf mit der Zeit also, was das Pandemiegeschehen anbelangt und die Konkurrenz. Der Grund: Es gibt zu wenige deutsche Institute, die auch FFP2-Masken prüfen dürfen. Zum Beispiel das ift in Rosenheim, das gerade unter Hochdruck an seiner Notifizierung als Prüf- und Zertifizierungsstelle für die sogenannten partikelfiltrierenden Halbmasken arbeitet. „Wir würden gern mit dem ift als Prüfinstitut vor Ort zusammenarbeiten und es begrüßen, wenn es rasch eine Freigabe aus Brüssel erhalten würde“, sagt Jell. „Mehr Planungssicherheit seitens der Politik wäre gut.“

Sechs Monate Forschen am Material

Mit dem ift sei man im Austausch, wie es weitergeht. Im Interview auf dieser Seite erklärt das ift, wo die Hürden bei der FFP2-Prüfzulassung derzeit liegen. Im Moment hat Jell Einweg-FFP2-Masken im Online-Angebot, die er woanders zukaufen muss: „Zumindest ist es Ware made in Germany.“ Die Herstellung der normalen Bio-Kunststoffmasken aus dem Hause Jell findet derzeit in Waldkraiburg statt. Dafür schickt Jell eigene Mitarbeiter: „Wir könnten bei größerem Bedarf auch in Prien und Bernau produzieren.“

Das freut Bürgermeisterin Irene Biebl-Daiber: „Es ist erfreulich und auf jeden Fall zu unterstützen, wenn ein Unternehmen vor Ort dazu beiträgt, die Welt ein wenig umweltfreundlicher zu gestalten.“ Auch sie hofft, dass der Zulassungsprozess sich beschleunigt. Bei Hyggyconcept ist man überzeugt, dass auch die normalen Masken noch länger zu unseren Alltag gehören werden und sich daher der Aufwand für die Hersteller lohnt. „Wir haben sechs Monate in die Erforschung unseres Biokunststoffes gesteckt“, erzählt Jell, und dass die Basis dafür Zuckerrohr aus Brasilien sei – dort produziert ein Partnerbetrieb das Material. Einen mittleren fünfstelligen Betrag hat Jell bereits investiert. In Bernau wurde das spezielle Spritzgussverfahren für die Maskenproduktion entwickelt: „Die Herausforderung dabei ist, dass der Stoff weich ist für Aufliegekomfort, gleichzeitig aber zuverlässig abdichtet.“

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Die Geometrie sei auch nicht zu vernachlässigen: „Sie muss optisch ansehnlich sein, aber innerlich stabil, damit die Maske nicht in sich zusammenfällt.“

Waschbar und für Brillenträger geeignet

Die wiederverwendbaren Masken hätten eine Garantie von zwei Jahren und könnten bei 60 Grad in der Spülmaschine gewaschen werden. Dasselbe Konzept verfolgt Jell bei den FFP2-Masken: Seine eigenen sollen aus Biokunststoff sein, waschbar und damit wiederverwendbar: „Solche gibt es auf dem Markt derzeit nicht.“ Man sei mit Firmen aus der Region in Kontakt, die Interesse an den FFP2-Masken zeigen: Gebraucht würden diese nicht nur aus Infektionsschutzgründen, sondern, weil sie Staub filtern und besonders für Träger von Brillen und Schutzbrillen geeignet seien. Bestellen können aber auch private Verbraucher bei Hyggyconcept. Jetzt heißt es: warten und hoffen, dass bald ein hiesiges Institut die Masken testen darf. Die ganze Forschungsarbeit am Biokunststoff, sagt Jell, sei eine Investition in die Zukunft, unabhängig von den Masken und politischen Entscheidungen.

FFP2-Maskenproduktion in Deutschland - in der Regel Einweg

Schon im vergangenen Herbst sollte laut dem Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) Deutschland in der Lage sein, innerhalb eines Jahres 2,5 Milliarden Masken zu produzieren – zusätzlich zur laufenden Maskenherstellung.

Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat dazu bereits im Frühjahr 2020 Förderprogramme auflegen lassen. Zuletzt war im Deutschen Ärzteblatt sogar die Rede davon, dass deutsche Produzenten bis Ende Juni 2021 bis zu sieben Milliarden Masken jährlich in zertifizierter Qualität zusätzlich herstellen sollen. Dazu zählen FFP2, FFP3 und medizinische Gesichtsmasken. Laut Altmeier sei ein Ziel, unabhängiger von der (Einweg-)Maskenproduktion in China zu werden. Auch um gesteigerte Filterfliesmengen ging es, nach Altmeier soll es davon 4000 Tonnen jährlich mehr geben. Zu den großen deutschen Maskenherstellen zählt Innovatec aus Troisdorf; in Bayern produzieren zum Beispiel SWS Medicare aus Altheim, Zettl aus Weng und die Deutsche Maskenfabrik aus Grafing. Letztere gehört zu den vom BMWi geförderten Masken-Produzenten. Dort ist ein neunköpfiges Team in der Lage, 40 FFP2-Einweg-Masken pro Minute herzustellen.

Nebenschauplatz:Biokunststoffe

Gregor Jell kann auf ein Netzwerk von Experten zurückgreifen, die sich mit der Entwicklung innovativer, nachhaltiger Kunststoffe befassen: „Trotzdem hatte niemand auf Anhieb eine Lösung für flexible Formen wie Masken parat“, so der Unternehmer. Er selbst engagiert sich beim Bundesverband Mittelständische Wirtschaft BVMW) in der Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit. „Es bedarf politischer und rechtlicher Rahmenbedingungen, die eine nachhaltige Wirtschaftsweise fördern. Es hat sich gezeigt, dass Umweltschutz und wirtschaftlicher Erfolg kein Widerspruch in sich sind“, so der BVMW. So setzt man sich dafür ein, dass Gesetze im Sinne der Nachhaltigkeit ausgelegt werden. Und dafür, dass sich Ingenieure untereinander austauschen können. „Lobbyarbeit im positiven Sinne“, sagt Jell.

Geht es um Biokunststoff, so gibt es noch weitere Initiativen: Erst im vergangenen Sommer wurde das Europäische Forschungsnetzwerk für Biokunststoffe gegründet. Von 2021 bis 2027 an will die EU verstärkt Forschungsprojekte in dieser Richtung fördern. 2017 hat sich auch das Bundesforschungsministerium dafür eingesetzt, dass bis 2022 45 Prozent mehr Bioplastik auf dem Markt ist.

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