Eggstätter rettet mit Schneewaage Dächer vor Einsturz

Frühzeitig gewarnt, besser geräumt

Roofguards-Gründer Tom Rosshuber(rechts) mit der Schneewaage und Dr. Michael Gebhardt von der Umweltforschungsstation Schneeferner Haus auf der Zugspitze: Hier kam das System zur Schneelastmessung aus Eggstätt auch schon zum Einsatz, für eine Testmessung. re

Eine digitale Schneewaage aus Eggstätt misst deutschlandweit auf den Dächern von Unternehmen und öffentlichen Betrieben die Schneelast. Gerade erst konnte so verhindert werden, dass ein Schwimmbad schließen musste.

Eggstätt/Bad Reichenhall – Die Schneemassen der vergangenen Tage und vor allem das, was sich davon auf den Dächern in der Region türmte, holen auch wieder das Drama in Erinnerung, das sich 2006 in Bad Reichenhall ereignete: Unter der Last des tonnenschweren Schnees stürzte damals das Dach der dortigen Eishalle ein. Wenige Minuten, bevor es geschlossen werden sollte. Drei Erwachsene und zwölf Kinder starben, 34 Menschen wurden verletzt. Bis heute ist die Stadt traumatisiert.

Der Einsturz der Eishalle war für den diplomierten Geografen Tom Rosshuber, gebürtiger Altöttinger, der Auslöser für seine Idee einer digitalen Schneelastmessung auf Dächern. Damals noch bei einem mittelständischen Hallen- und Gewerbebauspezialisten beschäftigt, trieb ihn die Frage an, wie zeitgemäß und aussagekräftig die herkömmliche Methode ist: „In den meisten Fällen wird dabei ein Rohr in den Schnee gestochen und anhand der entnommenen Probe die Menge auf dem Dach hochgerechnet. Ich wollte ein digitales System entwickeln, das exakter misst.“

Unnötiges Räumen werden vermieden

Es reiche nicht, zu wissen, dass auf dem Dach 20 Zentimeter Schnee liege. Entscheidend sei das Gewicht des Schnees pro Quadratmeter, und das könne je nach Aggregatzustand sehr unterschiedlich sein. „Zehn Zentimeter frischer Pulverschnee wiegt rund zehn Kilo pro Quadratmeter, Nassschnee bis zu 40 Kilo. Kommt Eis dazu, wiegt das Ganze schnell mehr als das Doppelte“, erklärt der leidenschaftliche Klimaforscher und Techniker.

Rosshuber konstruierte eine digitale Schneewaage und meldete 2007 als Erster ein deutsches Patent darauf an. Heute ist das System eine hochmoderne Internet-of-Things-Entwicklung, für das es am ganzen Markt nur einen Mitbewerber gibt. Das Original von roofguard erkenne man aber zum Beispiel an den drei Messzellen, die garantierten, dass selbst beim Ausfall einer Zelle zuverlässig Daten gesendet würden, so Rosshuber. Vom Hamburger Flughafen über die Deutsche Bahn bis hin zu zahlreichen internationalen Konzernen reicht heute die Liste derjenigen Unternehmen, die auf die Schneewaage aus Eggstätt setzen. Auch kommunale Einrichtungen wie das Bayerische Staatsbad in Bad Reichenhall und die Bäder Burghausen vertrauen da rauf.

Deren Leiter Markus Günth ner hat aufgrund der Daten, die ihm roofguard vom Hallenbad-Dach schickte, vergangenen Donnerstagmorgen dessen Räumung veranlasst – zehn Stunden dauerte die Aktion, aber ohne dass das Bad geschlossen werden musste. „Zum Glück“, sagt er, „unter der Woche würde das einen Ausfall an Eintritten von rund 5000 Euro bedeuten, am Wochenende 9000 Euro, das würde sich schwer defizitär auswirken.“

Die Software meldet Grenzwerte und alarmiert, wenn 80 Prozent der zulässigen Höchstlast erreicht sind, erklärt Tom Rosshuber einige Funktionen: „Der Gebäudebetreiber kann anhand des Wetterberichts rechtzeitig einschätzen, ob er das Dach räumen lassen muss oder ob vielleicht Tauwetter angesagt wird und er sich keine Sorgen machen braucht.“

Messen per Hand ist nie objektiv

Unnötige und voreilige Räumungen könnten so vermieden werden: „Bei einer großen Gewerbehalle kostet das rasch eine sechsstellige Summe.“ Muss tatsächlich geräumt werden, wie beim Burghausener Hallenbad, könne dies mit guter Zeitplanung und organisiert geschehen, statt wie ohne exakte Datenkenntnis überstürzt: „Wenn Gefahr in Verzug ist und ein Hilfstrupp sofort aufs Dach muss, wird ohne Rücksicht auf Verluste der Schnee weggefräst. Dabei können Dachfenster, Elektroinstallationen oder die Dachhaut beschädigt werden“, weiß Rosshuber aus Erfahrung.

Für Markus Günthner von den Burghausener Stadtwerken war das Zeitmanagement der Räumung ein Vorteil; vor allem sei die Schneewaage aus Eggstätt eine Hilfe, weil das umständliche manuelle Messen entfalle: „Früher musste immer einer aus dem Team einen Quadratmeter Schnee vom Dach ausstechen, in Eimer füllen und abmessen. Oder ein exakt zehn mal zehn Zentimeter großes Stück wiegen und das Ergebnis mit Hundert multiplizieren.“ Diese Daten seien nie komplett objektiv gewesen, im Gegensatz zu jetzt.

Der in der Region produzierte Schneelastwächter steht auf dem jeweiligen Dach, er braucht dort nicht kompliziert installiert werden. Die zugehörige Software sendet ununterbrochen Daten an einen eigenen Server. Die Nutzer rufen diese über eine Onlineplattform ab und sind so immer im Bilde, was sich „oben“ tut: Die dauernde Datenübertragung ist Rosshuber zufolge deshalb so wichtig, weil gerade bei extremen Wetterlagen wie in den vergangenen Tagen („sie werden sich in Zukunft noch häufen“) die Schneemenge innerhalb von ein bis zwei Stunden rasant zunehmen könne: „In kurzer Zeit kann es brandgefährlich werden und die Gefahr eines Dacheinsturzes wächst.“ Haben produzierende Unternehmen Mitarbeiter und Waren in Millionenwert zu schützen, geht es bei Discountern oder Hallenbädern um das Leben von Hunderten von Menschen.

Künstliche Intelligenz ab Ende 2019

Auch wenn es eine IoT-Anwendung ist, versichert er, reiche für die Schneewaage sogar der alte 2G Mobilfunkstandard aus, auch die manchmal schlechte Breitbandversorgung auf dem Land ist also kein Hindernis für das System. Bei kurzfristigen Stromausfällen schicke es eine Warnung an den Nutzer. Rosshuber entwickelt seine digitale Schneewaage laufend weiter, im Moment um eine Künstliche-Intelligenz-Komponente. „Ende nächsten Jahres kann das System aktuelle Wetterdaten einbeziehen und den Tag errechnen, an dem eventuell der Grenzwert der Schneelast erreicht ist. Man hat dann noch mehr Zeit, zu reagieren.“

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