Ruhpolding: Innungsschreinerei Bernhard Kecht hört nach 35 Jahren auf – Mitarbeiter zogen bis zum Schluss mit

Enkel Maxi (9) genießt es, wenn sich Opa Bernhard jetzt mehr Zeit für Basteleien nimmt. Vielleicht springt dabei mal der Schreiner-Funke auf die nächste Generation über. Nach 35 Jahren schließt Bernhard Kecht seine Innungsschreinerei. Schick

„Ich kann es immer noch nicht ganz glauben, dass die Maschinen nicht mehr laufen“, sagt Bernhard Kecht und schaut sich im hellen, großräumigen Betriebsgebäude um. Es riecht angenehm nach Holz. Unüberhörbar schwingt etwas Wehmut in seinen Worten mit.

Ruhpolding – Über 20 Lehrlinge hat er hier ausgebildet, der Innungsbetrieb mit den top ausgebildeten und motivierten Schreinern war weit über die Landkreisgrenzen bekannt, die Auftragsbücher bis zum Schluss voll.

Kecht macht den Betrieb für immer dicht

Noch heute erinnern sich die Holzwürmer aus dem Landkreis gern an die Schreinerrennen der Innung, die er organisierte. Doch vor gut zwei Monaten hat der diplomierte Schreinermeister mit Fachrichtung Innenarchitektur den Betrieb für immer dicht gemacht.

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Grund: Das Rentenalter hatte ihn eingeholt und es fehlte ein potenzieller Nachfolger. Mit seiner endgültigen Entscheidung, die Tore für immer zu schließen, ist Bernhard Kecht allerdings in ‚guter Gesellschaft‘.

Digitalisierung, Auflagen und Bürokratie machen dem Schreiner das Leben schwer

Nach Schätzungen der Handwerkskammer München stehen in den nächsten Jahren allein im Freistaat 23.000 Handwerksbetriebe vor einem Generationenwechsel, der erst vollzogen werden muss. Gleichzeitig geht die Zahl derjenigen, die eine berufliche Selbstständigkeit anstreben und somit ein gewisses Risiko eingehen, kontinuierlich zurück. Hinzu kommt, dass die technische Entwicklung immer schnelllebiger wird.

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Immer mehr Digitalisierung, behördliche Auflagen und der damit einhergehende Bürokratismus erfordern viel Zeit, die letztlich bei der Angebotserstellung und Kundenberatung fehlt. Gerade Kunden mit seinen kreativen Ideen zu überzeugen war seine Stärke, ebenso wie der Umgang mit Architekten und Bauherrn.

Kecht ist seinen Mitarbeitern dankbar

Nachdem sein Sohn beruflich in München tätig ist und verpachten der Schreinerei keine Option darstellte, entschloss sich Bernhard Kecht, ein halbes Jahr vorher den Betrieb zu schließen. Seinen Mitarbeitern rechnet er es im Nachhinein hoch an, dass sie bis zum Schluss mitzogen, um die anstehenden Aufträge fristgerecht ausführen zu können.

Von seinem Schritt hatte er sie so frühzeitig informiert, sodass die beiden Handwerker mittlerweile in heimischen Firmen eine berufliche Bleibe fanden. Sich mit der Situation abzufinden war für ihn, wie für viele Firmeninhaber in derselben Lage auch, anfangs nicht ganz leicht, sagt Kecht, der in all den Jahren von seiner Frau Inge tatkräftig unterstützt wurde.

Schwankungen der Konjunktur

Noch dazu, wenn man den Betrieb von bescheidenen Anfängen an zu einem angesehenen Handwerksunternehmen aufgebaut und durch alle Konjunkturschwankungen durchgeboxt hat. „Da kommt man dann schon ins Grübeln, wenn der finale Augenblick da ist, schließlich steckt ja eine Menge Herzblut mit drin,“ beschreibt der 68-jährige Neu-Rentner seine Gefühle.

Dass im neuen Lebensabschnitt Langeweile aufkommt, darüber braucht er sich keine Gedanken machen. Denn da wartet schon die kleine Landwirtschaft mit Alm, außerdem das unter Denkmalschutz stehende Bauernhaus, in dem er aufgewachsen ist und das in den nächsten Jahren umfassend renoviert werden will, sowie eine Handvoll Enkel, die sich freuen, wenn der Opa mehr Zeit für sie hat. Vielleicht reift unter ihnen ja mal unverhofft die nächste Schreiner-Generation heran. Wer weiß…

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