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Interview mit dem Bayern LB-Chef

Die Gründe für die hohe Inflation: „Ukraine-Krieg ist auf Jahre ein Dämpfer“

Die gestiegenen Spritpreise sind nur einer von vielen Gründen für die Inflation.
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Die gestiegenen Spritpreise sind nur einer von vielen Gründen für die Inflation.
  • VonThomas Stöppler
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Im Mai stieg die Inflationsrate laut Statistischem Bundesamt auf 7,9 Prozent und legte damit noch ein Stück weit zu. Das wirkt sich auch stark auf die bayerische Wirtschaft und die Betriebe in der Region Südostoberbayern mit ihren zahlreichen Mittelständlern und Global Playern aus.

München/Region - Die Bayerische Landesbank (LB) mit Sitz in München ist die Hausbank des Freistaates Bayern und Spitzeninstitut für die bayerischen Sparkassen. Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen erklärt LB-Chef Dr. Jürgen Michels, was die Gründe für die höchste Inflation seit der Ölkrise sind, warum jetzt die Zinsen steigen und selbst nach einem möglichen Ende des Ukraine-Kriegs die Probleme weiter existieren werden.

Herr Dr. Michels, im Mai lag die Inflation in Deutschland bei fast acht Prozent. Liegt das nur am Ukraine-Krieg?

Dr. Jürgen Michels: Nein, das hat eine Vorgeschichte und vieles der derzeitigen Entwicklung hat auch etwas mit der Pandemie zu tun, wo in vielen Bereichen die Lieferketten unterbrochen waren. Zudem haben sich hohe Ersparnisse aufgetürmt, da die Läden geschlossen hatten und die Einkommen stabil blieben. Das hat sich irgendwann entladen und gleichzeitig kamen dann nicht funktionierende Lieferketten und eine hohe Nachfrage zusammen. Das hat die Preise nach oben katapultiert. Das wäre eigentlich ausgelaufen, aber dann kam der Krieg und das Ganze hat sich verselbstständigt.

Welche Rolle spielt dabei die aktuelle Zinspolitik der EZB?

Dr. Michels: Die geldpolitischen Zügel waren sehr locker – sowohl was die Zinsen angeht als auch die Liquidität, also war viel Geld im Umlauf. Da besteht dann die Gefahr, dass wir nicht nur einen kurzen Anstieg haben, sondern dass das zu einem längerfristigen Problem werden kann.

Dr. Jürgen Michels, Chef der Bayerischen Landesbank.

Aber die EZB hebt ja nun den Leitzins an. Kann so die Inflation gestoppt werden?

Dr. Michels: Also deshalb wird der Ölpreis nicht sofort nach unten gehen und auch das Sonnenblumenöl wird nicht billiger. Aber was es bringen wird, ist eine Verschlechterung der Finanzierungskonditionen. Ein kleiner Schritt wird da auch noch nicht viel machen, aber wir erwarten hier durchaus eine ganze Serie von Zinsschritten bis Herbst 2023, wo wir dann bei einem Zinssatz von 1,25 Prozent sind, die sich dann in einer Verlangsamung in der Nachfrage bemerkbar machen. Mit einer gewissen Zeitverzögerung wird es auch zu einem Rückgang der Inflation führen.

Also kurzfristig macht das erst einmal nichts?

Dr. Michels: Kurzfristig wird es an der Inflationsseite wenig oder nichts bringen. Aber jeder Einzelne wird etwas merken. Diejenigen, die jetzt Verwahrentgelt zahlen müssen, können sich darauf einstellen, dass das wegfallen wird. Und vielleicht gibt es dann auch im kommenden Jahr wieder positive Zinsen auf die Sparbücher.

Aber für Menschen, die gerade ihr Sparbuch auflösen, um zu bauen, die müssen doch dann auf ihre Baukredite höhere Zinsen zahlen?

Dr. Michels: Ja, aber wir haben schon gesehen, dass die Zinsen für Baufinanzierung sich nicht nur an der EZB, also den kurzfristigen Zinsen, orientieren. Also dort schaut man, was bei den längerfristigen Zinsen passiert, wie etwa die zehnjährigen Bundesanleihen. Daher sind die Zinsen für die Baufinanzierung seit Anfang des Jahres schon um circa zwei Prozentpunkte gestiegen und auf ein Niveau von etwa drei Prozent. Und da wird sich wohl auf absehbare Zeit nicht so viel daran ändern.

Noch mal kurz zurück zur Inflation: Eigentlich hatten die Deutschen doch in der Pandemie viel gespart. Können diese Rücklagen die Inflation nicht etwas auffangen?

Dr. Michels: Kurzfristig ja, aber wie lange das anhält wissen wir ehrlich gesagt nicht. Ich gehe davon aus, dass es über den Sommer noch hält, dann aber weniger wird. Denn das, was wir jetzt an alltäglichen zusätzlichen Ausgaben für Lebensmittel, für Benzin, fürs Heizen aufbringen müssen ist das eine. Das andere ist, dass viele der Ersparnisse genutzt werden, um sich endlich wieder einen Urlaub zu gönnen.

Müssen dann nicht eigentlich auch die Löhne steigen?

Dr. Michels: Ja, das ist erst mal ein ganz berechtigtes Anliegen. Denn jeder will für die Inflation kompensiert werden. Aber so verständlich das ist, so gefährlich ist das auch. Die Abschlüsse, die wir in letzter Zeit hatten, mit vielen Einmalzahlungen, sind ein guter Ansatz. Denn wenn die Löhne dauerhaft steigen, besteht die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale. Das heißt: Für die Unternehmen gehen die Kosten aufgrund der Löhne nach oben und deswegen werden die Preise wieder angehoben und das schaukelt sich dann nach oben. Dadurch entsteht gerade für die Haushalte, die keine Lohnerhöhungen bekommen, wie Rentner oder Hartz-IV-Empfänger, eine große Kluft. Am Ende des Tages sind diese Inflationsraten immer für die schlimmer, die nicht sparen können.

Der Krieg in der Ukraine wird ja irgendwann vorbei sein. Kriegen wir dann wieder vier Prozent Wirtschaftswachstum und ein Ende der Inflation?

Dr. Michels: Wenn man Corona und die Ukraine jeweils als wirtschaftlichen Schock sieht, dann ist mit Impfen und all den Sachen, die wir haben, die Pandemie hoffentlich weitgehend durch. Der Krieg in der Ukraine hat viel weitergehende Effekte. Unsere globale politische Weltordnung hat sich verändert und wir werden nicht mehr zurückgehen. Wir werden nicht mehr mit jedem Land beliebig Handel treiben. Das hat zur Folge, dass das Geschäftsmodell Deutschland, das auf offene Märkte, auf Globalisierung ausgerichtet war, schwieriger sein wird. Insofern glaube ich, dass dieser Krieg auf Jahre, vielleicht auf Jahrzehnte einen dämpfenden Effekt auf die deutsche Wirtschaft haben wird.

In einem Vortrag haben Sie von Blockbildung gesprochen. Kann man sich das vorstellen wie im Kalten Krieg?

Dr. Michels: Ja, aber es wird ein bisschen anders sein. Da hatten wir ja zwei Spieler: Die USA und Russland. Jetzt kommt eine andere Größe mit rein: Das ist China. Der Kalte Krieg war in erster Linie militärisch. Jetzt ist die Situation getrieben von dem Verhältnis USA zu China und man ist militärisch noch nicht in einer Kalten-Krieg- Situation. Die wirtschaftlichen Abhängigkeiten sind noch zu groß, um einen stählernen Vorhang einzuführen, aber es wird nach und nach eine Separierung geben. Und man wird mehr und mehr innerhalb der Blocks eigene Regeln schaffen, das macht es für ein Land wie Deutschland, das in beide Blöcke exportiert, sehr schwierig. Entweder wird es teilweise unmöglich oder sehr viel teurer.