AKTUELLES INTERVIEW MIT IHK-PRÄSIDENT DR. EBERHARD SASSE

„Priorität liegt bei ,Triple A‘“

Im Redaktionsgespräch sprach IHK-Präsident Dr. Eberhard Sasse nicht nur die Ausbildung, sondern unter anderem auch das Thema Integration an. duc
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Im Redaktionsgespräch sprach IHK-Präsident Dr. Eberhard Sasse nicht nur die Ausbildung, sondern unter anderem auch das Thema Integration an. duc

Die bayerische Wirtschaft ist so fulminant ins neue Jahr gestartet wie noch nie. Das gilt auch für die Unternehmen in der Region, sagt IHK-Präsident Dr. Eberhard Sasse im Redaktionsgespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. Und das trotz internationaler Herausforderungen und Fachkräftemangel.

Herr Dr. Sasse, die bayerische Wirtschaft ist mit dem Start ins Jahr zufrieden. Welchen Eindruck haben Sie von der heimischen Wirtschaft?

Es geht den Betrieben in der Region sehr gut! Wir sind in einer Phase, in der man sich sogar fragt, ob es noch eine Steigerung geben kann. Wenn man jedoch die ganze Weltwirtschaft anschaut, ist die Stimmung wegen des Brexit und wegen der neuen US-Regierung verhalten. Insgesamt gibt es viel Optimismus und ein paar große Sorgen.

Welche Sorgen meinen Sie?

In so gut wie allen Branchen brummt es. Wir exportieren, die Auftragsbücher sind gefüllt. Deswegen haben wir praktisch Vollbeschäftigung in Oberbayern und einen Fachkräftemangel, der immer schlimmer wird. Hinzu kommt die Situation mit den Flüchtlingen – und ich sage bewusst nicht Krise, denn das ist es nicht.

Laut Konjunkturbericht für die Region Südostoberbayern zu Jahresbeginn wird der Fachkräftemangel unangefochten als Risiko Nummer eins genannt. Woher kommt diese Einschätzung?

Ein großes Problem ist, dass die Bildungswege nicht auf den Arbeitsmarkt ausgerichtet sind. Es fehlen in den Betrieben vor allem die beruflich Hochqualifizierten, die Meister, Techniker, Fachwirte. Das Verhältnis von Hochschule zu Berufsschule hat sich in den vergangenen Jahrzehnten schleichend in Richtung Akademisierung verschoben. Mittlerweile haben wir in Bayern eine Quote von 40 Prozent Berufsschülern und 60 Prozent Studenten. Was die Gesellschaft braucht, sind aber vor allem die praktisch aus- und weitergebildeten Fachkräfte. Für die Fabriken und Werkhallen, die man in der Region sieht, brauchen Unternehmen qualifizierte Mitarbeiter. Und wenn man sich anschaut, was die Auszubildenden heute alles lernen, ist das sehr anspruchsvoll und mit höchstem Respekt zu bewerten. Das Erfolgsmodell Ausbildung muss auch in Deutschland wieder einen Ruf wie Donnerhall bekommen. Das ist für unsere Betriebe überlebenswichtig. So etwas wie den deutschen Facharbeiter gibt es zum Beispiel in den USA nicht. Deswegen hat etwa die Wacker Chemie AG an ihrem neuen Standort in den USA mehrere Millionen Euro in ein Seminarzentrum investiert, wo sie die eigenen Mitarbeiter nach deutschem Vorbild ausbilden kann.

Wertigkeit der Ausbildung aufzeigen

Wie kann sich die IHK hier einbringen?

Wir müssen Eltern und Lehrern klarmachen, dass das Heil nicht allein in der akademischen Ausbildung liegt. Zum Beispiel mit unserer Werbekampagne „Elternstolz“ oder der Aktion „Azubi-Scouts“, in der die Azubis in die Schulen gehen und Berufe vorstellen. Auch die große Ausbildungsmesse IHK-jobfit! ist nicht zu vergessen, die heuer am 20. Mai in Rosenheim stattfindet. Wir müssen den Wert einer Ausbildung hervorheben, denn die duale Ausbildung garantiert eine sichere Karriere. Es wird jedoch Zeit brauchen, das Verhältnis zwischen Hochschulabsolventen und Facharbeitern mit den Erfordernissen des Marktes in Einklang zu bringen. Und alle müssen sich an die eigene Nase fassen – wobei meine jüngste Tochter zwar studiert hat, aber nun eine Lehre machen will, bevor sie ins Familienunternehmen einsteigt.

Auch die politischen Rahmenbedingungen werden von der heimischen Wirtschaft immer wieder als Risiko genannt. Welche sehen Sie zurzeit ganz konkret?

Wir haben insgesamt herausfordernde Rahmenbedingungen: schwierige transatlantische Beziehungen, den Brexit, Wahlen in den Niederlanden und auch Frankreich. Diese Unsicherheiten sind für uns als Exportland eine Bedrohung.

Welche Herausforderung ist für Sie die größte?

Wir müssen uns selbst für die Zukunft stärken. Bislang haben wir viel geredet, jetzt gilt es anzupacken. Wir müssen die Digitalisierung vorantreiben und auch die Energiewende mit Maß und Ziel weiterbringen. Außerdem müssen wir auf eGovernment setzen. Schaut man sich die Digitalisierung in der öffentlichen Verwaltung an, sind die „best-practice“-Beispiele in den baltischen Staaten oder Luxemburg. Hier sind wir weit zurück. Der Schutz von Arbeitsplätzen ist wichtig und richtig. Noch wichtiger ist aber die Sicherheit des Arbeitsplatzes und die wird nur geschaffen durch Investitionen in die Zukunft. Wenn der Druck von außen so groß ist, darf das nicht zulasten der Wirtschaftskraft gehen. Es nützt nichts, wenn es nicht bezahlt werden kann.

Diese Argumentation gibt es schon länger.

Solange die Steuereinnahmen sprudeln, denkt kein Politiker an Reformen, eher im Gegenteil.

Potenzial, weltweit

in Führung zu gehen

Wo sehen Sie die Wachstumsmärkte der Zukunft und wie begleiten Sie diese?

Unsere Industrie ist auf vielen Wachstumsmärkten zu Hause. Dazu gehört der Automobilbereich ebenso wie der Maschinen- und Werkzeugbau, aber auch die chemische Industrie. All diese Branchen sieht man hier in der Region. Die deutsche Industrie hat die Fähigkeit, sich weiterzuentwickeln und sich so zukunftsfähig zu machen. Im Bereich des autonomen Fahrens sehe ich auch viel Potenzial für unsere Unternehmen. Und vielleicht hat der schnelle Ausstieg aus der Atomenergie zur Folge, dass wir bei den erneuerbaren Energien in die Führerschaft gehen. Da sehe ich die großen Treiber für die Zukunft – ebenso wie in unserem dualen Ausbildungsmodell.

Ein Thema, das Unternehmen in der Region umtreibt, ist der Brennerbasistunnel. Während sich vielerorts Bürger dagegen positionieren, wartet die Wirtschaft auf die Strecke. Welche Priorität genießt die Verbindung für Sie?

Die Priorität liegt ganz klar bei „Triple A“. Wir hinken beim Ausbau hinter unseren Nachbarn hinterher und brauchen die Strecke, sonst haben wir hier einen Flaschenhals. Hintergrund sind die europäischen Achsen: von den Adria-Häfen durch die Alpen nach Deutschland bis zu den Nordseehäfen. Die Bedeutung geht also deutlich über Rosenheim hinaus.

Ein Aspekt, der zu Unrecht ins Hintertreffen geraten ist, ist der Umweltschutz. Wenn wir unsere ehrgeizigen Ziele erreichen wollen, müssen wir Güter von der Straße auf die Schiene verlagern. Die Gütertransporte auf der Schiene von Deutschland nach Italien sollen auch deswegen bis 2030 um 66 Prozent steigen.

In der Region kommt jedoch folgende Befürchtung hinzu: Der Güterverkehr wird hergebracht, und gleichzeitig wird Rosenheim von der neuen Achse und den Fernverbindungen abgeschnitten.

Das stimmt, diese Befürchtung gibt es. Die IHK unterstützt den Planungsdialog und wünscht sich eine Lösung, die Rosenheim im Personenfernverkehr nicht vom Netz abschneidet und auch für Lärmschutz an den ausgebauten Trassen sorgt.

Sie haben die Flüchtlingssituation bereits angesprochen. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass wir das meistern? In den IHK-Regionalausschüssen herrscht durchaus Skepsis.

Wir haben Flüchtlinge im Land und damit müssen wir umgehen. Dabei müssen wir trennen zwischen jenen, die Flüchtlinge sind und eine Bleibeperspektive haben, und jenen, die kein Bleiberecht haben. Wir müssen uns auf diejenigen konzentrieren, die länger bleiben werden. Das ist ein langer, aber machbarer Weg. Es gibt den flächendeckenden Sprachunterricht, ein unendliches Heer an Freiwilligen und viele Unternehmen, die Flüchtlinge ausbilden wollen. Was wir nicht bewältigen können, ist ein weiterer, ungehinderter Zuzug.

Die Machbarkeit sehen viele Unternehmen in der Region auch. Es bleibt jedoch die Unsicherheit der Bleibeperspektive.

Mit dem 3+2-Modell gibt es eine klare Linie für die Flüchtlinge aus den Ländern mit hoher Anerkennungsquote. Wenn das Angebot einer Lehre da ist, kann der Flüchtling die Ausbildung abschließen sowie noch zwei weitere Jahre Berufserfahrung sammeln. In strittigen Fällen entscheiden die Behörden von Fall zu Fall. Diese Zusicherung haben wir. Das ist im Einzelfall sehr aufwendig für die Betriebe. Der Dialog mit den Behörden ist gefragt.

Integrationsberater zur Unterstützung

Welche Unterstützung bietet die IHK?

Wir haben ein Integrationsteam mit sechs Mitarbeitern aufgebaut. Eine von ihnen ist einmal die Woche in der Geschäftsstelle in Rosenheim und berät Unternehmer. Sie hat Erfahrungswerte, für welche Länder es eine Zustimmung seitens der Ämter für einen Lehrvertrag gibt und bei welchen nicht. Damit ist besonders kleineren Unternehmen geholfen.

Einige Volkswirte sind überzeugt, Integration würde besser gelingen, gäbe es den Mindestlohn nicht. Wie stehen Sie dazu?

Die Möglichkeit, für Übergangszeiten bei bestimmten Tätigkeiten den Mindestlohn auszusetzen, gibt es bereits. Aber wozu führt das? Der Mindestlohn liegt bei 8,84 Euro – der tarifliche Mindestlohn für eine ungelernte Reinigungskraft bei zehn Euro. Wenn man sich überlegt, was das Leben in Oberbayern kostet, muss man über 8,84 Euro nicht reden.

Es ist bei uns Tradition, dass am Ende des Redaktionsgesprächs unser Gast ein Thema anschneidet. Welches liegt Ihnen besonders am Herzen?

Die staatliche Regelungswut ist eines der Hauptprobleme für die Wirtschaft. Wir haben eine unheilbare Tendenz zur Gängelung und der Staat übernimmt Aufgaben, für die eigentlich jeder Einzelne verantwortlich ist. Wenn der Staat bis in jedes kleinste Detail vordringen will, hat das für mich etwas Kontrollierendes. Den Selbstständigen und Unternehmern, das sind 4,5 Millionen Menschen in Deutschland, wird so viel Misstrauen entgegengebracht. Alle stehen unter Generalverdacht. Zum Beispiel die genaueste Dokumentation der Arbeitszeiten. Dies zu regeln sollte dem Unternehmer und seinen Angestellten überlassen sein. Wenn es schwarze Schafe gibt, muss man in Einzelfällen Abhilfe schaffen. Es braucht da keinen Regelungswahn für jeden und alles.

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