Der Otto Lilienthal von Kragling: Tomas Pellicci baut seit 35 Jahren Hängegleiter

Stoffrollen in knalligen Farben finden sich in der Werkstatt zuhauf.

Vor allem im Sommer sieht man sie mit Paraglidern am Himmel schweben: Drachenflieger starten von den heimischen Bergen aus zu Rundflügen. Einer von ihnen ist Tomas Pellicci. Der 69-Jährige fliegt aber nicht nur, er baut die Hängegleiter in einer Werkstatt im Stephanskirchener Ortsteil Kragling.

Stephanskirchen – Der 23. Mai ist offenbar ein guter Geburtstag für Erbauer von Fluggeräten. An diesem Datum im Jahr 1848 kam Otto Lilienthal zur Welt, der erste Mensch, der erfolgreich Gleitflüge mit einem Flugapparat durchführte. 102 Jahre später, am 23. Mai 1950, erblickte Tomas Pellicci das Licht der Welt. Auch sein Leben steht ganz im Zeichen der Aerodynamik. Seit 35 Jahren baut er in seiner Werkstatt im Stephanskirchener Ortsteil Kragling Hängegleiter der Marke „Ikarus“.

Mit dem Hängegleiter über den See

„Den Anfang nahm meine Flugleidenschaft weit weg von hier“, erzählt Pellicci im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. „Ich bin mit Anfang 20 nach Australien ausgewandert. Dort habe ich zum ersten Mal einen Hängegleiter gesehen und ausprobiert.“ Allerdings nicht so, wie man das eigentlich macht – die Flugbegeisterten im australischen Outback ließen sich von einem Motorboot über einen See ziehen. „Auf die Idee, dass man damit einen Berg runterfliegen könnte, sind wir gar nicht gekommen. Wir haben den Gleiter sogar immer von einem Hügel runter zum See getragen“, erinnert sich der 69-Jährige lachend.

3,10 Meter Deckenhöhe hat Tomas Pellicci in seiner Werkstatt im Stephanskirchener Ortsteil Kragling, die er angesichts der Ausmaße seiner Fluggeräte auch unbedingt braucht. schlecker (3)/maier

1973 kam Pellicci zurück in die Heimat, und zwar mit dem Flugvirus im Gepäck. Auch hier habe er nach einem See fürs Fliegen gesucht, die Berge direkt vor seiner Nase ignorierte er völlig. „Da war ein Brett vor dem Kopf“, sagt er heute. Dieses wurde am 11. April 1973 entfernt: An diesem Tag flog der Kalifornier Mike Harker, der als Soldat in Deutschland stationiert war, mit einem Hängegleiter von der Zugspitze. Die von großem Medienecho begleitete Geburtsstunde des europäischen Drachenflugs wurde für Pellicci zum Erweckungserlebnis, von da an ging es von Bergspitzen zu Tal.

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Beim Fliegen allein blieb es jedoch nicht. Sein Fluglehrer Manfred Buchheimer hatte eines Tages Probleme mit einem neuen Modell der Firma „Ikarus“, „das flog einfach nicht richtig“, erinnert sich Pellicci. Auf Basis seiner Aerodynamik-Kenntnisse aus dem Flugzeug-Modellbau habe er sich den Hängegleiter angeschaut und Korrekturen am Profil vorgenommen. Das Resultat: Der Gleiter flog problemlos, Pellicci wurde Mitarbeiter in der Flugschule. Nebenberuflich, denn eigentlich arbeitete er als Elektriker.

Ein-Mann-Betrieb startet im Garten

Anfang der 80er-Jahre wurde das Hobby zur Hauptaufgabe. „Ikarus“, damals in Aidlingen bei Böblingen beheimatet, wollte das Geschäft mit Hängegleitern in Lizenz abgeben. „Da meinte Manfred: Das wäre doch etwas für dich.“ Das fand Pellicci auch und wurde Ein-Mann-Unternehmer. Mangels Werkstatt baute er seine Gleiter zunächst im heimischen Garten unter freiem Himmel zusammen – auf Dauer keine zufriedenstellende Lösung. 1984 fand er das ideale Gebäude für seine Werkstatt in Kragling, seither ist er dort Mieter der Firma Aßbichler im Keller einer Halle.

Aerodynamische Testsmacht Tomas Pellicci (rechts) mangels Windkanal gerne im Winter auf dem Simssee.

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Wenn man Pellicci dort besucht, taucht man ein in eine Welt, die an Daniel Düsentrieb erinnert. An den Wänden hängen, liegen und stehen Werkzeuge, Komponenten, Kleinteile sowie Stoff- und Folienrollen. Zwei alte Nähmaschinen warten darauf, dass ihr Besitzer sie anschaltet und Bespannungen für Tragflächen anfertigt. Alles hat seinen Platz, der Werkstattmeister kennt jeden Zentimeter seines Reichs.

Jedes eingesparte Gramm zählt

„Die Drachen von heute haben mit denen aus den ersten Jahren nicht mehr viel zu tun, wenn man mal von der Form absieht“, sagt Pellicci. Vor allem das Gewicht hat sich dank moderner Materialien deutlich reduziert. Kohle- und Glasfaserstäbe durchziehen die Flügel, jedes eingesparte Gramm ist laut Pellicci wichtig – und das kostet: „Ein Gramm weniger Gewicht erkauft man mit einem Euro.“

Das Innenleben eines Hängegleiters besteht aus ultraleichten Komponenten.

Die Gewichtsreduktion führt bei modernen Hängegleitern so weit, dass sie keine 30 Kilo mehr auf die Waage bringen. „Ein Hochleistungsmodell liegt bei etwa 27, ein Einsteigermodell gerade mal bei 23 Kilogramm“, erläutert Pellicci. Der Preis für einen Drachen liegt, je nach Modell und Ausstattung, zwischen 5000 und 6500 Euro. Etwa sechs bis acht Stück baut und verkauft Pellicci pro Jahr. Nach fünf Jahren ist die erste technische Überprüfung fällig, danach dann alle zwei Jahre. Zehn Jahre könne man so einen Drachen schon fliegen, sagt Pellicci, oder auch länger. Es hänge vor allem davon ab, wie oft man fliege und den Gleiter der UV-Strahlung aussetzt.

Mit dem „Grashüpfer“ den Hang hinab

Wer mit dem Fliegen anfangen möchte, ist beim Drachenbauer ebenfalls richtig. Er hat einen Fluglehrer an der Hand und einen speziellen Hängegleiter für Anfänger entwickelt, den „Grashüpfer“. Mit dem schweben die Schüler bei Apfelkam nahe Rohrdorf zunächst einen Übungshanghang hinunter. „Da kann nichts passieren und man lernt es recht schnell“, sagt Pellicci. Wenn das Wetter passt, könne man nach ein bis zwei Monaten den Flugschein in der Hand haben.

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Pellicci selbst zieht es auch, so oft es geht, aus seiner Werkstatt in die Berge, um seiner Flugleidenschaft nachzugehen. Möglichst lange Distanzen zurückzulegen, sei nicht sein Ding. „Ich bin ein Rumgurker“, sagt er über sich selbst. Ab und an ist er mit seinem Freund Willi Dirmhirn unterwegs, der auch mit 80 Jahren nicht vom Fliegen lassen kann. „Immerhin fliegt er einen Drachen mit von mir entwickelten Landeklappen“, grinst Pellicci.

Sehr gerne fliegt Pellicci bei schönem Wetter ins Salzburger Land. Nahe Hallein, direkt an der Autobahn, gibt es eine Wiese, die er zur Landung ansteuert. Nicht weit entfernt wohnt eine Familie, die ihn inzwischen gut kennt und bei sich warten lässt, bis ihn jemand abholt. „Die sagen schon, Herr Bellicci, Sie wissen ja, wo das Telefon ist und das Bier steht.“

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