AKTIONÄRE GEGEN AUFSICHTSRAT UND VORSTAND

Nicht entlastet und abberufen

Zur Zeit heftig umstritten:Dr. Peter Ramsauer vor seiner Abberufung aus dem SKW-Aufsichtsrat.dpa
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Zur Zeit heftig umstritten:Dr. Peter Ramsauer vor seiner Abberufung aus dem SKW-Aufsichtsrat.dpa

Ein ehemals regionales Metallunternehmen, das seit Jahren in der finanziellen Krise steckt, Querelen im Vorstand und ein Großaktionär sowie Aufsichtsratsmitglied, das öffentlich gegen seine Kollegen schießt – mittendrin im Geschehen Ex-Bundesverkehrsminister Dr. Peter Ramsauer. Bis vor Kurzem jedenfalls.

München/Trostberg – Am 18. Mai war für vier der Aufsichtsratsmitglieder der SKW Stahl-Metallurgie Holding AG alles vorbei. Sie wurden auf einer gerichtlich angeordneten Hauptversammlung in München von den Aktionären abberufen, unter ihnen auch Peter Ramsauer, CSU-Politiker aus dem Landkreis Traunstein. Ramsauers Abberufung erhielt 99 Prozent Zustimmung, so sieht es auch bei den anderen Aufsichtsräten aus. Vertreten waren etwa 50 Aktionäre und damit knapp 52 Prozent der Stimmrechte. Ausgegeben sind derzeit über 6,5 Millionen Stückaktien. Die vier Aufsichtsräte schieden aus ihren Ämtern, ohne von der Versammlung entlastet worden zu sein.

Viele Akteure, sonderbare Verkäufe

Volker Stegmann, Dr. Alexander Kirsch und Titus Weinheimer, die abberufenen Aufsichtsräte, gaben unmittelbar danach jeweils ein Statement dazu ab. Sie fühlen sich von ihrem ehemaligen Organmitglied und Großaktionär Olaf Marx – der die Hauptversammlung erstritt und die Abberufung der Vier im Vorfeld mit Vehemenz gefordert hatte – „unprofessionell, unkollegial und obstruktiv“ behandelt (Zitat Weinheimer).

Einer war erst gar nicht zur Versammlung gekommen und hat in den Tagen danach auch kein Wort zu ihrem Ausgang verlauten lassen: Ramsauer. Angeblich hatte er zeitgleich einen nicht verschiebbaren, politischen Termin.

Er, der 2016 auf Vorschlag des ehemaligen Großaktionärs und Münchener Lobbyisten Klemens Joos gemeinsam mit Volker Stegmann in den Aufsichtsrat kam, gehörte bis zuletzt einem dreiköpfigen Refinanzierungsausschuss innerhalb des Aufsichtsrats an. SKW ist insolvent, hat vor Kurzem erst einen Rettungsvertrag mit einem Investor aus den USA geschlossen.

Die Geschichte von SKW, bis 2016 in Unterneukirchen bei Trostberg angesiedelt, ist wechselhaft (siehe Infokasten). Seit Bekanntwerden der Krise des Unternehmens im Jahr 2014 haben die SKW-Aktionäre eine Berg- und Talfahrt mitgemacht. Unter ihnen der Münchener Aktionär Marx, der bisweilen auf einen Anteil von fast 20 Prozent kam.

Ein Verkauf an den US-Investor, Speyside Equity, wie es Alleinvorstand Kay Michels und der Aufsichtsrat beschlossen haben, bedeutet jedoch: Alle Aktionäre verlieren ihre Anteile, an Speyside gehen gut 95 Prozent des Unternehmens. Aus Sicht der SKW, so ein Sprecher des Unternehmens, sei dies der einzig mögliche Weg, vom 70-Millionen-Euro-Schuldenberg runterzukommen.

Die Suche nach einem Investor hatte sich die Jahre über als schwierig erwiesen – SKW saßen jedoch die Banken im Nacken, die 2017 die Bedingung aufstellten, auf einen Teil ihrer Forderungen zu verzichten, wenn unter anderem frisches Eigenkapital eingebracht würde. Ausgerechnet in dieser heißen Phase stößt Eigner Joos den Großteil seiner SKW-Beteiligung ab, fährt seinen Aktienanteil von angeblich vormals 14 auf knapp drei Prozent herunter, der SKW-Kurs bricht kurzfristig ein. Von Joos´ Münchener Beratungsunternehmen Eutop heißt es dazu lediglich, Aktiengeschäfte seien Joos´ Privatsache, man kommentiere „grundsätzlich nichts“.

Marx dagegen stockt auch während der Krisenzeit seine Anteile weiter auf, sitzt im Aufsichtsrat. Er will sogar Eigenkapital einbringen: 20 Millionen Euro, wie er gegenüber den OVB-Heimatzeitungen bestätigt. „Das hätte SKW nicht gerettet, wäre aber ein Signal an die Banken gewesen“, so Marx.

Vorstand und Aufsichtsrat lehnen Marx´ Angebot ab, im Aufsichtsrat herrscht da laut Marx schon längst eine stark angespannte Stimmung („Dort gibt es keine Diskussionskultur“).

Gegen Vorstand und Aufsichtsrat

Kurz vor der jüngsten Aktionärsversammlung berichtet Marx unserer Zeitung, der Aufsichtsrat habe sich schon rund ein Jahr nicht mehr getroffen. Dass sein Geld abgelehnt und am 1. Dezember 2017 die Insolvenz in Eigenverwaltung beantragt wird, passt für den Münchener Unternehmer ins Bild. Die Liste seiner Vorwürfe gegenüber Vorstand und Aufsichtsräten ist lang: „Fortwährender Rechtsbruch“, etwa gegen EU-Recht, weil eine Kapitalmaßnahme nicht ohne Aktionärsmehrheit durchgerungen werden könne, vergangenes Jahr aber zwei Aktionärsversammlungen kurzfristig abgeblasen worden seien. Weiter „Flucht in die Insolvenz“ sowie eine „Enteignung der Aktionäre“.

Umgekehrt wirft SKW Marx vor, mühsam ausgearbeitete Refinanzierungspläne zu torpedieren, den Aufsichtsrat aufzumischen.

Vor allem aber habe er bislang keinen brauchbaren Gegenvorschlag zur Refinanzierung erbracht: 20 Millionen Euro seien schön und gut, doch was sei mit den restlichen rund 50 Millionen Euro, die man erst den Banken, nun Speyside schulde?

„Marx will den Insolvenzplan kippen, ohne ein Gegenkonzept zu haben. Damit riskiert er letztlich den Fortbestand des Unternehmens“, fasste es Vorstand Michels im Vorfeld der Aktionärsversammlung zusammen, deren Ausgang an der Situation der Gesellschaft nichts ändere.

Mit dem Refinanzierungsausschuss habe er dagegen „gut und professionell zusammengearbeitet, gerade in der schwierigen Phase 2017“, als man ein Konzept zur finanziellen Sanierung der SKW Holding erarbeiten musste.

Um ein zusätzliches Kapitel erweitert wird die Geschichte, als im Januar 2018 ein Blog („Der große Firmenraub“) im Netz auftaucht. Die Beiträge drehen sich in der Hauptsache um SKW, Vorstand Michels und den Aufsichtsrat; auch Peter Ramsauer steht immer wieder im Vordergrund. Von „Spezlwirtschaft“ ist die Rede – auch Alfred Sauter, Bayerns Ex-Justizminister und CSUler, gehört zu den Aktionären – von „diskreter Einflussnahme“ und einem „Überfall auf die SKW“.

Was stimmt, was ist unwahr?

Es wird darüber spekuliert, ob Lobbyist Joos, dem eine besondere Nähe zum Aufsichtsrat nachgesagt wird, die schwierige Situation des Unternehmens ausgenutzt haben könnte, um sich finanziell schadlos zu halten. Ramsauer, so heißt es auch, habe wohl kein Problem damit, dass die anderen Aktionäre leer ausgingen.

Der Bundestagsabgeordnete wollte den Blog unserer Zeitung gegenüber zunächst nicht kommentieren, sagte dann aber, die Meldungen seien zum Großteil falsch. Bei SKW fragt man sich nach eigenen Angaben, ob hinter dem Blog nicht jemand stecke, der ein konkretes Interesse an einer öffentlichen Stimmungsmache gegen Vorstand und Aufsichtsrat haben könnte. Der Blogger selbst, der Journalist Marcus Johst aus Potsdam, gab dagegen an: „Hinter meinem Blog steht außer meiner Person niemand.“

Angesprochen auf die Querelen im Gremium, gab Ramsauer zu: „Ich hatte mir vorgestellt, dass die Dinge anders laufen.“ Er kenne SKW seit der Zeit, in der es noch bei Trostberg angesiedelt war. Vor Jahren sei er schon einmal im Beirat des Unternehmens gesessen. Weil er sich diesem aus „regionalwirtschaftlichem Interesse“ verbunden fühle, habe er sich dieser Aufgabe noch einmal stellen wollen. Es heißt, Ramsauer habe dafür 12 000 Euro im Jahr erhalten. Auf eine erneute Nachfrage unserer Zeitung nach seiner Abberufung reagierte Ramsauer bis Redaktionsschluss nicht.

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