Musterbeispiele für gute Ausbildung

Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer überreichte einen Blumenstrauß an die Gründergeneration von Kaffl Fahrzeubau, Magdalena und Sepp Kaffl (rechts). Links daneben der jetzige Firmenchef Josef Kaffl mit seiner Ehefrau Andrea sowie Josef Baumann, der seit über 40 Jahren in der Firma Ausbilder ist. thomae

Rosenheim – „Zwischen 1990 und 2015 hat sich die Zahl der Studienberechtigten fast verdoppelt.

Es ist aber nicht so, dass in dieser Zeit unsere Gesellschaft doppelt so schlau geworden wäre: Wir gewinnen nicht mehr Elite, wir machen vielmehr aus Elite Durchschnitt.“ Mit dieser Feststellung umriss Christian Albersinger, der Obermeister der Metall-Innung-Rosenheim, ein Problem unserer Bildungslandschaft. Er sprach bei der Verleihung des Martha-Pfaffenberger-Ausbildungspreises als Laudator der Firma Kaffl Fahrzeugbau, die mit der Firma Meirandres zu den diesjährigen Geehrten zählte. Albersinger war sich in seiner Kritik mit Rosenheims Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer einig: Auch sie betonte in ihrer Rede, dass der „Akademisierungswahn“ in unserer Gesellschaft neben dem demografischen Wandel die Hauptursache für den Fachkräftemangel sei. Bis 2030, so die Oberbürgermeisterin, würden die bayerischen Unternehmen einen weiteren Rückgang der Fachkräfte um eine Million Menschen zu bewältigen haben. Die dadurch verursachten Wertschöpfungsausfälle würden auf 38 Milliarden Euro beziffert.

Firmen mit hohenAzubi-Quoten

Zweck des Abends war aber weniger die allgemeine Kritik an einer ungünstigen Entwicklung als vielmehr die Würdigung zweier Firmen, die sich dem Trend erfolgreich entgegenstemmen. Bei Kaffl Fahrzeugbau liegt die Ausbildungsquote bei 14, bei der Heizungs- und Sanitärfirma Hans Meirandres bei 21 Prozent. Ausbildung gehört seit Jahrzehnten zum Selbstverständnis beider Firmen.

Der Nachwuchs kommt nicht zuletzt auch über Mund-zu-Mund-Propaganda zu den beiden Betrieben, wie Werner Schöppner von Gienger Haustechnik München, der Laudator für die Firma Meirandres, betonte. Dies wiederum, so vermutete Bauer, sei ein Erfolg, der auf den besonderen Charakter von familiengeführten Unternehmen hinweise: Zumindest bei den beiden geehrten Betrieben sei auch die Belegschaft ein Teil dieser Familie und der Kontakt zu Ausbildern und den Chefs persönlich und unmittelbar. Da werde einem auch einmal gesagt: „Hör zu, Disco war gestern, heute ist Arbeit.“ Kritik, die nicht nur wichtig sei, sondern auch leichter zu akzeptieren, wenn man wisse, dass einem andererseits bei Problemen auch zugehört werde, weil man nicht nur als Auszubildende beziehungsweise Auszubildender, sondern als Mensch gesehen werde.

Beide Firmen zeichnen sich zudem dadurch aus, dass sie auch jungen Leuten mit nicht idealen Voraussetzungen den Einstieg ins Arbeitsleben ermöglichen, und das bei beiden nicht aus Mangel an Nachwuchs, sondern vielmehr aus Überzeugung: „Natürlich sind wir dankbar für die Top-Leute, die sich bei uns bewerben“, sagte Meirandres-Geschäftsführerin Brigitte Stöcker, „aber es sollen eben auch die anderen eine Chance bekommen“.

Engagement fürInklusionsschule

Für Geschäftsführer Josef Kaffl ist diese Bereitschaft nicht zuletzt auch ein Ergebnis seines Engagements für eine private Inklusionsschule, in der die Jugendlichen jetzt allmählich vor dem Einstieg ins Arbeitsleben stehen. Die Tatsache, dass er hierbei nicht nur die Hürden sieht, die der arbeitgebende Betrieb zu überwinden hat, sondern unmittelbar auch die Schwierigkeiten kennt, mit denen die jungen Menschen bei der Berufssuche konfrontiert sind, habe ihm „den Blick noch einmal erweitert“.

Eine Erweiterung, die auch Menschen ohne Handicap zugutekommt. Kaffl erzählte von einem Auszubildenden, den die durchaus hohen theoretischen Anforderungen in seinem Betrieb überforderten: „Das war nichts für den, der wollte raus, zupacken.“ Es gelang, dem jungen Mann eine andere Ausbildungsstelle als Gerüstbauer zu vermitteln, in der er nun offenbar am richtigen Platz ist. Eine Erfolgsgeschichte, die viel vo raussetzt: Nicht nur Einfühlungsvermögen, sondern vor allem die Zeit, die benötigt wird, um die Probleme des anderen zunächst überhaupt wahr- und sich ihrer dann anzunehmen.

Für Oberbürgermeisterin Bauer lag nicht umsonst ein wesentlicher Grund für die Ehrung der beiden Betriebe in diesem zusätzlichen Engagement, das neben der eigentlichen Herausforderung, die Firma erfolgreich am Laufen zu halten, ja quasi nebenher läuft: „Ihr tut mehr, als ihr tun müsstet.“

„Nicht nur Last, auchpositive Aufgabe“

Und für Obermeister Albersinger sind die Betriebe damit geradezu ein Musterbeispiel: Die Tatsache, dass der Kreis derer, die für eine Ausbildung infrage kommen, in Zukunft wohl ausgeweitet werden müsse, sei für die Firmen zunächst fraglos mit Mehraufwand verbunden. „Wenn es aber Betriebe gibt, die dies nicht nur als Last, sondern auch als positive Aufgabe sehen, dann hat die Entwicklung auf dem Fachkräftemarkt wenigstens in einem Punkt sogar ihr Gutes: Dass mehr junge Menschen die Chance bekommen, in und an ihrer Ausbildung zu wachsen und zu beweisen, dass mehr in ihnen steckt als angenommen.“

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