Der Wahl-Brannenburger Klaus Dittrich ist trotz Corona überzeugt: Die Messe hat Zukunft

Klaus Dittrich ist seit zehn Jahren Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München. Mittlerweile lebt der gebürtige Gautinger in Brannenburg.
+
Klaus Dittrich ist seit zehn Jahren Vorsitzender der Geschäftsführung der Messe München. Mittlerweile lebt der gebürtige Gautinger in Brannenburg.
  • vonAlexandra Schöne
    schließen

Klaus Dittrich ist seit 2003 Geschäftsführer der Messe München, der größten Messe weltweit. Der Wahl-Brannenburger spricht über die Corona-Krise, die Zukunft von Messen und verrät, was ihn nach 40 Jahren in München ins Inntal zog.

Brannenburg – Eine gute Sache hat die Corona-Krise wohl für Klaus Dittrich (65), Chef der Messe München: Er kann von seinem Zuhause aus, das seit einiger Zeit in Brannenburg liegt, arbeiten. „Das ist deutlich angenehmer als im Büro in der Stadt“, sagt Dittrich und lacht. „Man kann sich gut aus dem Weg gehen und abends mal schnell aufs Rad oder in die Berge.“ Dann wird er wieder ernst. „Geschäftlich haben wir jedoch gerade etliche Herausforderungen zu meistern.“

Seit 18 Jahren bei der Messe München

Die Corona-Krise macht dem Konzern Messe München zu schaffen. Dittrich ist seit 18 Jahren im Unternehmen. Seit zehn Jahren ist er Vorsitzender der Geschäftsführung und für die Gesamtleitung und Koordination des Konzerns zuständig. Die Hauptmärkte der GmbH liegen in China, Brasilien, Russland, der Türkei und Südafrika. Dittrich kümmert sich unter anderem um die Sportartikelmesse ISPO in Shanghai, Peking und München sowie Europas größte Immobilienmesse Expo Real.

Dittrich, der unter anderem fünf Jahre lang SPD-Stadtrat in München war und für außerordentliches Engagement im Sozialbereich das Bundesverdienstkreuz verliehen bekam, ist nach so vielen Jahren Berufserfahrung durchaus krisenerprobt. Doch die Corona-Krise sei das Schlimmste, was er in den 18 Jahren im Konzern mitgemacht hat. „Einen derartigen dramatischen Schlag, der innerhalb von wenigen Wochen das ganze Geschäft zerschießt, hat wahrscheinlich noch niemand erlebt“, sagt der studierte Germanist und Politikwissenschaftler. Die Finanzkrise im Jahr 2008, die wirtschaftlich ebenfalls eingeschlagen habe, könne man damit nicht vergleichen.

Seit Anfang März alle Veranstaltungen abgesagt

Das Messegeschäft ist neben Hotellerie und Gastronomie einer der ersten Bereiche, die es in aller Härte erwischt hat. Seit Anfang März sind alle Veranstaltungen abgesagt, fünf Messen mussten allein in München für diesen Sommer auf Eis gelegt werden. „In einer solchen Situation muss man dann schnell Entscheidungen treffen“, sagt Dittrich. Radikale Sparmaßnahmen seien ergriffen worden, Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt, Investitionen zurückgestellt. In den vergangenen Wochen habe es einige schlaflose Nächte gegeben, aber man müsse sich der Situation stellen, betont er. „So eine Pandemie ist etwas Außergewöhnliches.“

Aktuell beträgt der Umsatzverlust für den Konzern bereits über 100 Millionen Euro. Die Rücklagen, die das Unternehmen durch das Geschäft in China habe, helfe nun in der derzeitigen Situation, sagt Dittrich. Im Moment versucht er mit seinen Mitarbeitern, Alternativen zu „Präsenzmessen“ zu finden. „Nicht nur absagen, sondern Ersatzangebote finden“, lautet hier das Motto. Es werde an digitalen Konferenzen gearbeitet, in die man sich als Besucher einwählen, mitdiskutieren und sich fortbilden kann. Zudem könne man eine Messe online verlängern oder eine Ganz-Jahres-Plattform entwickeln, bei der eine mehrtägige Messe so etwas wie der Höhepunkt für die Branche ist. „Das bedeutet einen enormen Schub für die Digitalisierung“, sagt Klaus Dittrich.

Dienstreisen und Abendtermine fallen weg

Die neue Lage bedeutete für den Chef der GmbH mehr Stress in den vergangenen Wochen. Das Arbeitspensum sei vom zeitlichen Aufwand weniger geworden, da Dienstreisen und Abendtermine wegfielen. Aber: „Die Intensität ist durch die vielen Videokonferenzen gestiegen“, sagt Dittrich. „Und die Themen, mit denen man sich beschäftigt, sind belastender geworden.“ Der Messe-Chef weiter: „Wenn um 19 Uhr die letzte Videokonferenz vorbei ist, bin ich mindestens so müde wie nach einem Abendtermin, wenn ich um Mitternacht nach Hause komme.“

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

Um abzuschalten, zieht es Dittrich vor allem in die Natur. Bergsteigen, Mountainbiken, Spazieren- und Laufengehen stehen auf dem Programm. „Vorher war ich 40 Jahre lang in München“, erzählt Dittrich. „Nach Brannenburg bin ich gezogen, weil ich seit 50 Jahren ein begeisterter Bergsteiger bin und meine Frau aus dem benachbarten Chiemgau stammt.“

Und noch etwas hat sich durch die Corona-Krise verändert. Er werde sicherlich überdenken, wie er in Zukunft mit Geschäftsreisen umgeht, sagt Dittrich. „Ich werde wohl nicht mehr für ein Treffen, das ein paar Stunden dauert, rund um die Welt fliegen“, sagt er. Wegen des Klimas und für mehr Nachhaltigkeit. „Wir lernen aus der Krise“, betont Dittrich. Genau das sei das Ziel: Stärker aus der Krise zu kommen, als man reingegangen ist. Die Erfahrungen nutzen, um das Geschäft sowie die Messekonzepte weiterzuentwickeln und besser zu machen.

Lesen Sie auch:

Weil unter anderem die Geschäftsreisen fehlen: Schrumpfkurs bei der Lufthansa

In den vergangenen Monaten hat Dittrich viele Gespräche mit der Bayerischen Staatsregierung geführt, um vor allem eines deutlich zu machen: Eine Messe ist etwas anderes als ein Volksfest oder ein Fußballspiel. Das Infektionsschutzkonzept (breitere Gänge, intensivere Hygienemaßnahmen, eine Handy-App zur Abstandsregistrierung) und seine Bemühungen waren erfolgreich. Ab dem ersten September dürfen in München und auch in ganz Bayern wieder Messen stattfinden. Die Immobilienmesse Expo Real beginnt in der Messestadt Riem in München am 14. Oktober mit einem veränderten Konzept. „Das hat mich sehr erleichtert, denn es geht ja nicht nur um die Messe München“, sagt Dittrich. Denn: Jeder Euro Umsatz bei der Messe initiiert Dittrich zufolge zehn Euro bei Dritten, also zum Beispiel Hotellerie, Gastronomie, Reisebranche oder Reinigungsgewerbe. „Das sind im Jahr rund 3,3 Milliarden Euro“, sagt er. Leider gebe es diesen Effekt auch umgekehrt, sodass den Betrieben dieser Umsatz nun fehlt. Deshalb sei es so wichtig, die Messe „als unglaublichen Hebel für die Wirtschaft“ wieder starten zu lassen, betont der 65-Jährige. Im Grunde sei sie ein perfektes Konjunkturprogramm.

Chancen für kleine, regionale Messen

Die Zukunft von Messen sieht Klaus Dittrich nicht in Gefahr. Sie würden sich allerdings verändern, glaubt er, viel digitaler werden. Die Corona-Krise habe in diesem Bereich einige Schwachpunkte aufgezeigt. Chancen sieht er für kleinere, regionale Messen. Denn im Moment hätten die großen, internationalen Messen durch die Reisebeschränkungen ein Handicap. „Da haben es kleinere sehr viel leichter.“

2021 kommt die Internationale Automobil-Ausstellung (IAA) nach München. „Ein Lichtblick“, sagt Dittrich. Denn die IAA habe eine Rentabilität von rund 500 Millionen Euro. „Außerdem ist das Thema Mobilität der Zukunft ein sehr spannendes Thema.“

Dittrichs „letzter großer Schlag“ wird aber nicht die IAA sein, sondern die Bauma im April 2022, die weltweit bedeutendste Fachmesse der Baumaschinen- und Bergbaumaschinenbranche. Dann ist Dittrich 67 Jahre alt und will sich aus dem Messegeschäft zurückziehen.

Kommentare