Mobilität auf dem Land: Noch oft aufs Auto angewiesen

Ein Abend im Zeichen der Mobilität: Der zweite IdW-Vorsitzende Franz Obermayer, Referentin Nicole Wagner-Hanl vom Fraunhofer Institut, Gastgeberin Beatrice Kress von der Bergader Privatkäserei, Referent Rainer Schissel von der Firma BSH und IdW-Vorsitzender Stefan Neumann (von links). buthke
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Ein Abend im Zeichen der Mobilität: Der zweite IdW-Vorsitzende Franz Obermayer, Referentin Nicole Wagner-Hanl vom Fraunhofer Institut, Gastgeberin Beatrice Kress von der Bergader Privatkäserei, Referent Rainer Schissel von der Firma BSH und IdW-Vorsitzender Stefan Neumann (von links). buthke

Waging am See – Um die Betrachtung von Mobilitätskonzepten für den ländlichen Raum ganz allgemein und am Beispiel eines heimischen Unternehmens ging es in der Mitgliederversammlung des Informationskreises der Wirtschaft (IdW) Traun/Alz bei der Privatkäserei Bergader.

Einerseits geht der Trend hin zur vernetzten Mobilität, während andererseits der Pkw durch Sicherheit und Komfort immer attraktiver wird und auf dem Land weiterhin unverzichtbar bleibt.

„Stau wird sauberer,aber nicht weniger“

Nicole Wagner-Hanl vom Fraunhofer Institut für Materialfluss und Logistik IML in Prien erklärte, die vernetzte Mobilität auf der einen Seite und der Pkw mit seinem Komfort auf der anderen Seite seien eine spannende Herausforderung. Die Vernetzung von Fahrrad, E-Bike, Bus und Bahn müsse intelligent und selbsterklärend, jedoch ohne großen Planungsaufwand vonstattengehen, denn gerade die Ballungsgebiete stünden vor einem Verkehrskollaps. „Alle stehen im Stau“, so Wagner-Hanl. Das Umsteigen auf Fahrzeuge mit Hybridmotoren, E-Mobilität oder Brennstoffzellen mit Wasserstoff wertete sie eher kritisch: „Der Stau wird sauberer, aber nicht weniger.“ Die Wegzwecke der Menschen würden sich in Arbeit, Freizeit und Erledigungen in etwa dritteln.

Die Herausforderung im ländlichen Raum sei, vernünftige Alternativen für den Pkw-Verkehr zu finden. Eine Kommune sollte sich den Bedarf der Einwohner einholen, weil sie diese ebenfalls als Ansprechpartner brauche, um den Wandel voranzubringen. „Das braucht jedoch Zeit“, machte sie deutlich. Die Referentin sah auch einen steigenden Mobilitätsbedarf durch die fortschreitende Zersiedlung aufgrund der hohen Grundstückspreise und Mieten in den Städten. Strecken zwischen 50 und 80 Kilometer zum Arbeitsplatz gehörten heute oft dazu, meinte sie. Sie verwies auf Nachhaltigkeit, Multimobilität, Digitalisierung, E-Mobilität, On-Demand-Verkehr sowie Bike- und Carsharing als mögliche Alternativen.

Ein Umdenken bei der Mobilität und nicht beim Verkehr sei wichtig. Man brauche daher verkehrspolitische Strategien und praktische Vorgaben, um das Verkehrsaufkommen zu vermindern und gleichzeitig die Mobilität zu erhalten, zum Beispiel durch Beeinflussung der Verkehrsmittelwahl, Schaffung einer alternativen und attraktiven Mobilität sowie Verbesserung der Anbindung der berühmten „ersten und letzten Meile“ zwischen Haustür und Verkehrsmittel.

Zu einem guten Mobilitätskonzept gehört nach Ansicht von Wagner-Hanl auch ein bedarfsorientierter Öffentlicher Personennahverkehr (ÖPNV) mit Park-und Ride-Parkplätzen, Bike-Sharing, Mitfahrbänken, Bürgertaxi usw. Ihr Fazit lautete, dass Mobilität ein intelligentes Konzept von Leben und Arbeiten sein müsse. In unserer Region dürfe man auch den Tourismus nicht vergessen und müsse dafür spezielle Angebote in ein Konzept über Stadt- und Landkreisgrenzen miteinbeziehen.

Parkplatznot führtzu neuem Konzept

Das Mobilitätskonzept seines Unternehmens stellte Rainer Schissel von der Firma BSH in Traunreut anhand des Projekts „Mobil gewinnt“ vor. Zu wenige Parkplätze und ein veralteter Fahrradabstellplatz brachte laut Schissel das Projekt in Gang. Teilweise seien die Mitarbeiter schon eine Stunde früher mit dem Pkw zur Arbeit gekommen, um noch einen Parkplatz zu „ergattern“. Immer mehr habe sich die Frage gestellt: „Wie komme ich nach Traunreut und zurück?“ Deshalb seien ein Team gegründet, Workshops durchgeführt und Handlungsfelder festgelegt, Umfragen durchgeführt und ausgewertet worden, um am Standort Traunreut ein Mobilitätsmanagement einzurichten.

Umgesetzt wurden die Einrichtung einer Internetseite „Mobilmanagement“ und eine Mitfahrzentrale. Auf Initiative mit dem Betriebsrat wurde mit der Deutschen Bahn ein günstigeres „Jobticket“ für Mitarbeiter ausgehandelt. Für die Fahrradfahrer wurden rund 60 neue Stellplätze und eine Reparaturstation geschaffen. Bei der Optimierung und Erweiterung des ÖPNV kam das Mobilitätsmanagement nicht viel voran. Lediglich der Traunreuter Citybus hält an zwei zusätzlichen Haltestellen am Werksgelände. Im Landkreis und darüber hinaus hat ein einzelner Betrieb kaum eine Chance, weil es mehrere Ansprechpartner gibt. Als neuer Ansprechpartner im Landratsamt Traunstein für Raumordnung, Kreisentwicklung und ÖPNV sagte Marko Just seine Unterstützung zu.

Rund 340 000 KiloCO2 eingespart

An der Mitfahrzentrale beteiligten sich trotz Einrichtung einer App zunächst deutlich weniger als bei einer Umfrage angegeben. Es entstanden lediglich 22 Mitfahrgemeinschaften. „Eingeschlagen“ haben nach den Worten Schissels erst die reservierten Parkplätze für Fahrgemeinschaften mit mindestens drei Personen. Die Zahl der Fahrgemeinschaften stieg auf 54 mit 187 Mitarbeitern. Die CO2-Einsparung bezifferte er auf etwa 340 000 Kilogramm im Jahr.

Mit Unterstützung des Fraunhofer Instituts, der Stadt Traunreut und der Deutschen Bahn beteiligte sich das Mobilitätsmanagement der BSH erfolgreich am Wettbewerb „mobil gewinnt“, eine Initiative des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur sowie des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit. Als Hauptpreisträger können bis zu 40 Prozent der Investitionen gefördert werden. Zur Verbesserung bzw. Veränderung der Mobilität wurden Ladestationen für E-Autos und E-Bikes, E-Lastenräder angeschafft und eine Mobilitätsplattform eingerichtet.

In seinem Ausblick für das Mobilitätsmanagement berichtete Schissel von der Anschaffung eines E-Autos für Dienstreisen zur Zentrale in München sowie im Umkreis des Traunreuter Werks. Zudem sollen zusätzliche Ladestationen für E-Autos und E-Bikes aufgestellt werden. Ein weiterer Fahrradabstellplatz mit Überdachung soll geschaffen werden. Da der Citybus schlecht angenommen wird, will das Mobilitätsmanagement mehr Werbung für ihn machen. Schließlich soll eine neue App für Mitfahrgelegenheiten eingerichtet werden, in der alle Mobilitätsangebote vereint sind.

In der anschließenden Diskussion hatte Florian Binder bei der vernetzten Mobilität seine Zweifel. „Der alte Mensch kann das alles nicht“, meinte er nüchtern. So würde beispielsweise oft nicht berücksichtigt, dass jemand mit dem Rollator oder Rollstuhl unterwegs ist. Wagner-Hanl erklärte, viele junge Leute wollten spontan unterwegs sein, sodass es nicht nur Internet und Apps geben dürfe. Im ländlichen Raum werde es wohl nie ein Angebot wie in der Stadt geben. Im Augenblick seien die Menschen auf dem Land noch auf das Auto angewiesen. Ein On-Demand-Verkehr, zum Beispiel Rufbus oder Ruftaxi, wäre eine Lösung. Wenn Menschen nicht mehr allein fahren könnten, müsse man auch andere Konzepte andenken. Die bestehenden Verkehrsverbünde hielt sie allerdings nicht für geeignet: „Schlechter Zustand, zu teuer und im Winter oft vom Schnee lahmgelegt.“

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