Milch auf Knopfdruck – auch die gute Idee der Landwirte aus Unterlaus wackelt unter Corona

Drei Generationen Biechl: (von links) Katharina mit Christina auf dem Arm, Annemarie, Martin mit Elisabeth auf dem Arm und Balthasar Biechl. Mittlerweile ist noch der kleine Benedikt zur Familie gestoßen.
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Drei Generationen Biechl: (von links) Katharina mit Christina auf dem Arm, Annemarie, Martin mit Elisabeth auf dem Arm und Balthasar Biechl. Mittlerweile ist noch der kleine Benedikt zur Familie gestoßen.

Milch aus der Region, schonend pasteurisiert, qualitativ hochwertig, von Kühen in luftigen Laufställen, in die eigene Glasflasche abgefüllt: Dieses Lebensmittel aus dem Automaten müsste ein Renner sein. Doch in Corona-Zeiten ist Direktvermarktung ein schwieriges Geschäft.

Feldkirchen-Westerham/München – „Das ist genau so, wie ich es mir immer gewünscht habe! Weniger Müll, mehr Tierwohl, mehr Geschmack – einfach nachhaltig!“ So und so ähnlich sind die Reaktionen, die Martin und Katharina Biechl erlebten, wenn sie im Supermarkt für ihren Milchautomaten geworben haben. Das junge Landwirtsehepaar aus Unterlaus bei Feldkirchen-Westerham bietet seit einem Jahr in drei Supermärkten und vor einem vierten Lebensmittelgeschäft in den Landkreisen München und Rosenheim frische Milch im Automaten an.

400 Liter in die Automaten

Auf diese Weise vermarkteten Biechls einen Teil ihrer Milch selber. 1800 Liter Milch werden täglich gemolken, 400 Liter davon fließen zweimal pro Woche in die vier Automaten. Die überwiegende Menge wird weiterhin über eine Genossenschaft an die Molkereien Meggle in Wasserburg und Vache bleue in Bad Wörishofen geliefert.

Die Eheleute haben sich alles gut überlegt: Sie setzen auf Regionalität. Weil die Agrartechnik immer besser wird und dadurch Arbeitskapazitäten frei werden, gleichzeitig der Milchpreis seit Jahrzehnten zwischen 30 und 40 Cent pendelt, suchten sie eine neue Perspektive. Immer größer werden – das kam nicht in Frage. „Wir wollten nicht den Weg gehen, dass wir über Masse mehr machen, sondern über Selbstvermarktung. Die Regionalität ist eigentlich ein boomender Markt – mehr noch als der Biomarkt“, ist Martin Biechl (41) überzeugt. Und so entstand die Idee mit dem Milchautomaten.

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Schätzungen zufolge gibt es über 200 Landwirte in Bayern, die ihre Milch direktvermarkten mit eigenen Milchautomaten. Es handelt sich dabei in der Regel um Rohmilch, die Automaten stehen direkt in Hofnähe.

Das Konzept der Biechls ist ein anderes. Hier wird die Milch in einer eigenen kleinen Molkerei schonend pasteurisiert und in EDEKA-Supermärkten in Pullach, Unterhaching und Siegertsbrunn sowie vor einem REWE-Geschäft in Bruckmühl angeboten. Die Investitionskosten sind immens. Für das Gesamtpaket – Milchautomaten, eine kleine eigene Molkerei, einen eigenen Transportwagen, einen angestellten Fahrer, weitere Lauffläche für die Tiere, einen Kälberstall – hat Landwirt Martin Biechl im vergangenen Jahr mehr als eine halbe Million Euro investiert.

Hohe Investitionen

Allein ein mittelgroßer Milchautomat mit separatem Apparat für die eigene Milchflasche kostet 34 000 Euro. Nachhaltig soll nämlich auch die Verpackung sein. Da sich ein Pfandsystem für den Betrieb nicht rechnet, gibt es ein anderes Konzept: Die Kunden müssen für einen Euro ihre eigene Milchflasche im Automaten kaufen und damit die „Hofbergmilch“ mit 3,9 Prozent Fett abfüllen. Ihre Flasche können sie daheim einfach in der Spülmaschine säubern und immer wieder benutzen. Kein Pfand, kein Abfall wie bei Tetra-Packs.

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Gerade jetzt, wo lautstark über Umweltschutz, Tierwohl und Ressourcenschonung diskutiert wird, sollte man meinen, dass den Verbrauchern regionale Milch auch etwas wert ist, glaubt Martin Biechl. Doch nach einem Boom beim Start zieht der Automatenverkauf in Corona-Zeiten derzeit nicht mehr ganz so gut. Anfangs wurden pro Woche 900 bis 1000 Liter Milch über die Automaten verkauft. Zunächst für 1,30 Euro, inzwischen für 1,50 Euro. Seit der Pandemie ist die Menge auf 600 bis 700 Liter gesunken. Was übrig bleibt, wird an die Kälber verfüttert.

Milch-Tankstelle: An derartigen Automaten können die Kunden die frische Milch zapfen.

Woher der Rückgang rührt, kann nur spekuliert werden. Hat sich das Einkaufsverhalten der Menschen unter Corona so verändert, dass die Kunden nur noch durch den Laden eilen und flugs den Einkaufswagen füllen? Mit Kindern vor dem Milchautomaten stehen, eine Flasche kaufen und selber die Milch abzapfen – dafür haben derzeit offenbar weniger Supermarkt-Kunden Muße.

Weitere Pläne im Kopf

Für die Biechls ist das freilich keine Option. Sie sind vom Supermarkt-Konzept überzeugt – trotz der momentanen Durststrecke. „Wenn man vor Ort ist und mit den Leuten beim Einkaufen redet, bekommt man nur positive Resonanz. Das ist auch schön als Landwirt, mal positive Stimmen zu hören“, sagt Martin Biechl. Er hofft, dass er das künftig auch wieder verstärkt machen kann, wenn die Corona-Lage es zulässt. Der Vater von drei kleinen Kindern hat auch schon weitere Pläne im Kopf, möchte seine Direktvermarktung ausweiten mit kleineren Automaten in Hofläden und Hofmärkten.

Stattlicher Preis fürs Produkt

Den stattlichen Preis für seine Milch mit 1,50 Euro pro Liter – nur Bio-Heumilch ist mit 1,69 Euro teurer, Marken-Vollmilch von Berchtesgadener Land mit 3,5 Prozent Fett kostet derzeit nach Mehrwertsteuer-Reduzierung 1,07 Euro, beim Discounter zahlt man 79 Cent (ohne Mehrwertsteuer-Reduzierung) – erklärt Biechl so: „Wenn ich bewusst einkaufe und auf meine Lebensmittel schau, dann muss ich mehr Geld ausgeben. Das Produkt ist das Geld auf alle Fälle wert.“

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Der Mehrwert liege in der Regionalität, in der guten Haltung der Tiere, im Schutz der Umwelt und im Geschmack. Mit Billigprodukten funktioniere das nicht. Biechl ist keiner, der belehren will. Er versteht es, dass für manche in Coronazeiten das Geld knapp ist. Aber er ist überzeugt davon, dass es immer mehr Verbraucher geben wird, die bereit sind, mehr zu zahlen: „Wir machen auf alle Fälle weiter.“

So bewertet der Verband der Milcherzeuger das Angebot

Hans-Jürgen Seufferlein, Geschäftsführer beim Verband der Milcherzeuger (VMB) in Bayern, sieht keine eindeutige Entwicklung beim Absatz von direkt vermarkteter Milch. „Es gibt Akteure, bei denen der Absatz gestiegen ist wegen des Trends zur Regionalisierung. Aber es gibt auch Stimmen, wonach die Verbraucher wegen Corona vorsichtiger geworden sind.“ Manche trauten sich nicht mehr an den Automaten, weil der ja auch von anderen Verbrauchern benutzt wird. Es kommt laut Seufferlein vor allem darauf an, wo der Milchautomat steht. Wegen eines Liters Milch fahren die Leute nicht weit raus. Wird hier aber ein komplettes „Frühstücksmenü“ geboten mit Brot, Eiern, Wurst und Marmelade, sieht das schon anders aus. Außerdem macht Seufferlein klar: „Werbung ist das halbe Leben. Zur Eröffnung die Milchkönigin einzuladen und dann die nächsten drei Jahre nichts zu machen, so einfach ist es nicht.“

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