Gastronomen bangen um private Altersvorsorge – Offener Brief von Simsseer Wirten auf Facebook

Gähnende Leereim Biergarten des Hotels „Zur Post“ in Rohrdorf. Steffenhagen
  • Janina Sgodda
    vonJanina Sgodda
    schließen
  • Heidi Geyer
    Heidi Geyer
    schließen

Auch Rosenheimer Gastronomen leiden stark unter der Corona-Krise. Die DEHOGA-Kreisvorsitzende zieht trotz der Mehrwertsteuersenkung von 19 auf 7 Prozent eine pessimistische Bilanz und blickt sorgenvoll in die Zukunft. Ein Wirt vom Simssee beschreibt nun öffentlich die Angst, die viele umtreibt. 

Update 30. April:

Krise gefährdet Rente

Unter dem Titel "Gedanken zum Tag der Arbeit" hat das Wirtepaar der Simssee Stuben in Krottenmühl auf ihrer Facbook-Seite und in einem offenen Brief dem Luft gemacht, was viele Gastronomen in der Region derzeit umtreibt. 

Maria und Christain Eickel kritisieren darin weniger die Maßnahmen, denn die Art und Weise, wie mit den Betrieben umgegangen wird: "...dass die Gastronomie als 'Saufhotspot' dargestellt wird, an dem sich Menschen lallend in die Arme fallen und einen Virus übertragen." 

Als Problem bezeichnet das Wirtsehepaar die Unwissenheit: "Eine weitere 'Fahrt ins Blaue' können und wollen wir uns nicht mehr leisten". 

23. April

"Die, die überleben, werden das nur mit Krediten schaffen"

Rosenheim – Die Mehrwertsteuer für Speisen in gastronomischen Betrieben wird ab 1. Juli von 19 auf sieben Prozent gesenkt. Damit will die Staatsregierung die Gastronomie unterstützen, die von der Corona-Krise stark gebeutelt ist.

„Erstmal eine gute Lösung“, sagt Theresa Albrecht (52), Kreisvorsitzende des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) im Landkreis Rosenheim. Sie selbst ist ehrenamtliche Vertreterin der Dehoga, kennt die Krise der Gastronomie jedoch auch als Betroffene. Denn Albrecht ist selbst Wirtin und betreibt das Hotel und den Gasthof „Zur Post“ in Rohrdorf, die ebenfalls von der Schließung betroffen sind.

Viele Wirte ohne Rücklagen

Zu 80 Prozent handele es sich in der Region um kleine oder mittlere Betriebe, deren Inhaber die Krise in jeder Hinsicht trifft. „Man muss sich das so vorstellen: Selbstständige Wirte hängen mit ihrem kompletten Vermögen in ihren Betrieben. Oft auch mit der privaten Altersvorsorge“, sagt Albrecht. Rücklagen gebe es kaum. Sie rechne damit, dass 20 bis 30 Prozent der Gastronomiebetriebe infolge Corona schließen müssen.

Von Insolvenzen weiß sie noch nicht. Albrecht vermutet, dass es noch ein Tabu ist, darüber zu sprechen. „In Deutschland haben wir keine anerkannte Kultur des Scheiterns.“ Neben den finanziellen Folgen treffe die Corona-Krise viele Wirte auch psychisch sehr.

Ohne Öffnungsperspektive können Gastronomen nicht planen

An die von Ministerpräsident Markus Söder angesprochenen Aufholeffekte, etwa durch Urlaub im Inland, glaubt sie nicht: „Unsere Ware ist verderblich. Ein unbesetzter Tisch kann nicht einfach nachgeholt werden“, sagt die Wirtin. Besonders das verpasste Ostergeschäft bedauert sie. Auch eine Mehrwertsteuersenkung helfe nur, wenn überhaupt erst wieder Umsätze zustande kämen.

Lesen Sie auch: Der Corona-Ticker – Aktuelle Entwicklungen zu Covid-19 in der Region, Bayern und der Welt

Theresa Albrecht findet die Soforthilfe und die Unterstützungsangebote der Politik sinnvoll. Die seien aber ein Tropfen auf dem heißen Stein. Außerdem glaubt sie: „Die, die überleben, werden das nur mit Krediten schaffen.“ Sie habe schon Anrufe bekommen von Wirten, die sich fragen, ob sie mit Anfang 50 nochmal einen Kredit über eine halbe Million Euro aufnehmen sollten. „Ich bin ja selbst 52 und kann das nachfühlen.“ Hier müsste die Politik, aus ihrer Sicht, einen Planungshorizont bieten – was Öffnungen angehe, aber eben auch in Bezug auf die Mehrwertsteuer. Denn der niedrigere Satz für die Mehrwertsteuer ist nur für ein Jahr befristet.

Gastronomie fordert schon lange Steuersenkung

Eine Steuersenkung auf sieben Prozent ist hingegen schon lange eine Kernforderung des Gaststättengewerbes. „Die Verluste durch den Lock-Down in Hotellerie und Gastronomie sind so immens, dass eine dauerhafte Absenkung der Mehrwertsteuer für den Verzehr von Speisen in Gaststätten notwendig und sinnvoll erscheint“, sagt auch Roland Bräger, erster Vorsitzender des Wirtschafts-Forums Mangfalltal.

Aus Theresa Albrechts Sicht habe die Gastronomie nur teilweise von den letzten Jahren profitiert. Einerseits habe die Wirtschaft wortwörtlich gebrummt: Die gute Konjunktur habe auch den Gaststätten gute Umsätze beschert. Gleichzeitig seien die Margen sehr stark gesunken. „In den letzten Jahren haben wir so viele Auflagen bekommen, die sehr kostenintensiv waren.“ Sie selbst berichtet von einer Umnummerierung der Rauchmelder in ihrem Betrieb, die allein mit rund 12 000 Euro zu Buche schlug.

+++Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!+++

Ein Dorn im Auge ist ihr auch die Unterscheidung bei der Mehrwertsteuer: „Es kann doch nicht sein, dass ich steuerlich billiger wegkomme, wenn ich mir an der Theke im Supermarkt was hole, als wenn ich zu einem Mittagstisch in ein Lokal gehe. Essen ist Essen.“

Der Bundesverband der Hotels und Gaststätten spricht auf seiner Homepage gar von einem Mehrwertsteuer-Wirrwarr und beschreibt ein Beispiel: Eine Currywurst werde bei Verzehr an der Bude mit 19 Prozent Mehrwertsteuer besteuert. Allerdings nur dann, wenn der Kunde sich mit seiner Currywurst auf den vom Imbiss bereitgestellten Sitzmöbeln niederlässt. Wer vor dem Imbiss stehen bleibt oder auf eine Parkbank ausweicht, müsse für seine Wurst-To-Go nur sieben Prozent bezahlen.

Sorge vor politischen Alleingängen

Neben der steuerlichen Ungerechtigkeit hofft sie nun darauf, dass auch der Föderalismus nicht zu weiteren Ungleichbehandlungen führt. Auch die Ankündigung des österreichischen Bundeskanzlers, die Grenzen für deutsche Touristen zu öffnen, ist für sie ein Alarmzeichen: „Ich habe großes Verständnis für die Österreicher, die auf deutsche Urlauber angewiesen sind. Aber es wäre ein Riesenproblem, wenn Bayern die Restaurants noch geschlossen hält, und sie in Tirol oder in anderen Bundesländern schon wieder offen wären und man einfach dorthin fahren könnte.“

Man dürfe außerdem nicht vergessen, dass auch bei einer Öffnung vermutlich noch besondere Regeln gelten werden, sagt die Wirtin. Wenn aus Abstandsgründen nur jeder zweite Tisch besetzt werden könne, dann fehlten allein schon deshalb die Hälfte der Umsätze. Eine Erholung würde daher lange dauern.

Den Gastronomen fehlt mehr als der Umsatz

Viel Personal sei in den letzten Jahren aus der Branche abgewandert. Besonders die Arbeitszeiten würden viele Menschen abschrecken. Theresa Albrecht selbst ist Wirtin mit Leidenschaft, trotz aller Umstände. Abgesehen von allen finanziellen Sorgen, fehlen ihr im Moment schlicht die persönlichen Kontakte zu den Kunden: „Gastronomie ist Lebensfreude. Es ist eine schöne Arbeit, auch wenn sie oft anders dargestellt wird.“ Auch hänge an der Gastronomie viel regionale Wertschöpfung, von der Metzgerei bis zum Eierlieferanten. Das werde schnell vergessen. Und wie wichtig Lokale für ein gutes Miteinander seien, sehe man am Wirtschaftssterben, das schon vor Corona viele Gemeinden gebeutelt habe.

Das Gastronomie-Netzwerk Leaders Club begrüßt einerseits die Erhöhung des Kurzarbeitergeldes als auch der Senkung der Mehrwertsteuer durch die Bundesregierung. In einer Pressemitteilung fordert Patrick Rüther, Vorstandsvorsitzender des Leaders Club in Deutschland, zeitnahe Maßnahmen. Das Netzwerk möchte außerdem mit der Aktion „Leere Stühle“ auf die schwierige Situation der Wirte aufmerksam machen. Von 10 bis 13 Uhr werden bundesweit Stühle vor Restaurants und Cafés unbesetzt bleiben. Auch Rosenheimer Gastronomen beteiligen sich.

Kommentare