„Macht ist für viele eine Versuchung“: Pater Anselm Grün über die Ethik des Führens

Vielbeschäftigt sein und dabei völlig in sich ruhen – diese Kunst beherrscht Pater Anselm Grün. Mit seinen 75 Jahren hat er sich trotzdem vorgenommen, kürzerzutreten. Julia Martin/ Abtei Münsterschwarzach

Ein Pater als Berater? Für Anselm Grün kein Widerspruch. Der Benediktinermönch ist studierter Betriebswirtschaftler und verantwortete 36 Jahre die wirtschaftlichen Angelegenheiten seines Klosters. Inzwischen ist der Geistliche erfolgreicher Buchautor und Referent in Sachen Mitarbeiterführung.

Was fasziniert Menschen eigentlich so am Thema „Führung“?

Viele Führungskräfte spüren, dass es nicht genügt, nur auf die Zahlen zu achten. Sie wollen eine andere Führungskultur. Oft haben sie bestimmte Bilder, wie sie als Führungsperson sein sollten. Diese Bilder überfordern sie. Ich mache ihnen Mut, mit ihrer eigenen Person zu führen, ihren persönlichen Stil zu entwickeln. Führen heißt für mich: Leben wecken in den Menschen. Dazu braucht es ein Gespür, die Lebensmöglichkeiten zu erkennen, die in jedem einzelnen stecken.

Und warum sind Sie als Geistlicher die Person, die Führungskräfte dann aufsuchen? Nicht eine Person aus der freien Wirtschaft oder ein Managementtrainer?

Die Führungskräfte kennen die vielen Seminare zum Thema. Sie brauchen etwas anderes. Sie wollen einmal über die Werte beim Führen nachdenken. Und sie suchen nach spirituellen Wegen, um mit ihrer inneren Quelle in Berührung zu kommen. Denn sie spüren, dass ein Nichtbeachten der Quelle leicht zur Erschöpfung führt.

Wo steuert eine Gesellschaft hin, in der Werte wie „Wettbewerb“ und „Leistung“ oft das Maß aller Dinge sind?

Wenn es nur um Zahlen geht, die besser sein sollen als beim Wettbewerb, dann ordnet sich der Mensch den Zahlen unter. Das tut ihm nicht gut. Wenn alles, was wir tun und sprechen, nur nach ökonomischen Gesichtspunkten bewertet wird, dann geht die Kultur der Humanität verloren, dann verlieren wir den Sinn in unserem Leben.

Auf welchen Aspekten beim Führen liegt Ihr Schwerpunkt?

Es geht mir einmal um die Werte beim Führen. Werte machen eine Firma wertvoll. Dann geht es mir um die Regeln des Heiligen Benedikt und wie weit sie für uns heute eine Hilfe beim Führen sein können. Und ich führe immer wieder auch in die Stille, damit die Führungskräfte zu sich selbst finden und sich selbst spüren und erkennen können.

Und warum sind genau diese Ansatzpunkte so wichtig für Führungskräfte?

Entscheidend beim Führen ist, was von der Führungskraft ausgeht, welche Ausstrahlung sie hat. Wer sich selbst nicht kennt, der wird all das, was er bei sich verdrängt hat, auf seine Mitarbeiter projizieren. Und die eigene Ausstrahlung wird das, was die Führungsperson mit ihren Führungsinstrumenten vermitteln will, verdunkeln und verfälschen. Jeder möchte Vertrauen schaffen. Aber das gelingt nicht, wenn von einem selbst Misstrauen ausgeht. Misstrauen geht dann von einer Person aus, wenn sie sich selbst nicht kennt und sich selbst nicht angenommen hat.

Wie eine Führungskraft nach außen wirkt und agiert, hängt oft auch mit Zustand und Ausprägung ihres eigenen Selbst zusammen. Wie schaffen Sie es, diese fast psychologischen und intimen Aspekte von Einzelpersonen in einer Gruppe aufzuarbeiten?

Ich habe nicht den Ehrgeiz, dass jeder seine ganze innere Wahrheit erkennen soll. Ich gebe nur Anregungen, wie man sich seiner eigenen Wahrheit stellen kann. Die Voraussetzung dafür ist spiritueller Natur: Nur wer sich von Gott ganz und gar angenommen fühlt, kann ohne Angst in sich hinein schauen. Es entsteht dann das Gefühl „Alles darf sein, aber alles kann auch verwandelt werden durch die Begegnung mit Gott.“

Wo liegt die Balance zwischen dem Ausnutzen einer machtvollen Position und ethisch wertvoller Führung?

Macht ist zunächst etwas Gutes. Es ist die Möglichkeit, etwas zu gestalten und zu bewegen. Aber Macht ist für viele auch die Versuchung, sich hinter ihr zu verstecken oder andere kleinzumachen, um an die eigene Größe glauben zu können. Wer mit Werten führt, wird dieser Versuchung entgehen.

Höflichkeit, Toleranz oder Empathie sind heute wichtiger denn je. Wie kann eine Führungskraft einem Mitarbeiter begegnen, der diese Werte vernachlässigt?

Werte muss man zuerst vorleben. Dann kann man für sie werben. Einem Mitarbeiter, der Werte nicht lebt, kann man spiegeln, dass er sich selbst das Leben schwer macht. Denn er wird dann auch nicht von anderen Mitarbeitern wertgeschätzt.

Und wie reagiert der Mitarbeiter, der von einer Führungskraft ethisch fragwürdig behandelt wird?

Sie müssen sich innerlich schützen und abgrenzen. Sie sollen dem verletzenden Verhalten des Chefs keine Macht geben, indem sie bei sich bleiben und zuschauen, was der Chef gerade spielt.

Welches Gleichnis, welchen Psalm oder welche Geschichte geben Sie den Führungskräften mit?

Ich nehme gerne die Heilung der gekrümmten Frau aus Lukas 13. Für mich ist das ein schönes Bild zum Thema „Führen“: Ich führe dann gut, wenn meine Mitarbeiter aufrechter nach Hause gehen.

Sie leben im Kloster, finden dort Ruhe und Kraft. Was raten Sie Führungskräften, um das Gedankenkarussell auszuschalten und Kraft zu schöpfen?

Führungskräfte brauchen gute persönliche Rituale, denn Rituale schaffen eine heilige Zeit. Eine Zeit, die einer Person selbst gehört, in der sie sich selbst spüren kann. Kein Problem und kein Mitarbeiter haben dann mehr Zutritt. Wer sich jeden Tag eine heilige Zeit nimmt, wird auch die andere Zeit nicht wie Hamsterrad erleben.

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