JOHANN BACHINGER BEWAHRT ALTES HANDWERK IN SEINEM ROSENHEIMER ATELIER

Künstlerische Flechtwerke im Fokus

Johann Bachinger ist ein leidenschaftlicher Flechtwerkgestalter – und das schon seit Jahrzehnten. Auch im Ruhestand übt der 81-jährige Rosenheimer seinen Beruf mit Leidenschaft aus – und das mit Erfolg. Lezius-Pratsch
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Johann Bachinger ist ein leidenschaftlicher Flechtwerkgestalter – und das schon seit Jahrzehnten. Auch im Ruhestand übt der 81-jährige Rosenheimer seinen Beruf mit Leidenschaft aus – und das mit Erfolg. Lezius-Pratsch

Früher waren es Gebrauchskörbe, Rattanmöbel und alltägliche Flechtarbeiten aller Art, die Johann Bachinger in seiner Rosenheimer Meisterwerkstatt fertigte. Seit Jahren beschreitet der inzwischen 81-jährige Korbflechtmeister neue, erfolgreiche Wege und lässt in seinem Atelier seiner künstlerischen Ader freien Lauf.

Rosenheim – „Wir hätten da noch ein paar Fragen zu unserer Flechtarbeit“, begrüßen zwei Studentinnen der Fachhochschule Rosenheim Johann Bachinger und betreten zögerlich seine Werkstatt. Mit fachmännischem Blick betrachtet er deren Werk in Miniaturausführung und gibt den beiden jungen Frauen ein detailliertes Feedback. In Sachen Flechtkunst ist er ein Profi, kein Wunder, kann er doch auf über 60 Jahre Erfahrung zurückgreifen und gibt sein Wissen in beratender Funktion an der Hochschule weiter. Mit strengem Blick begutachtet er dort die handwerklichen Kreationen der jungen Leute, gibt Tipps und hilft bei der Umsetzung. „Da klafft manchmal ein großes Loch zwischen Theorie und Praxis“, betont der gebürtige Franke und freut sich, dass seine Handwerkskunst nicht vom Aussterben bedroht ist.

„Manchmal ist es wichtig, den alten Weg zu verlassen und Neues zu entdecken“, ist er sich sicher und erzählt aus seiner jahrzehntelangen beruflichen Tätigkeit. Für einen ersten Neuanfang hat sich Johann Bachinger bereits in jungen Jahren entschieden, als er nach einer kaufmännischen Lehre beruflich noch einmal umsattelte und die Familientradition fortführen wollte. Er absolvierte eine Korbmacherlehre und fertigte, wie bereits sein Vater, Großvater und Urgroßvater auch, mit Leidenschaft und Sachverstand Korbwaren aller Art. 1967 legte er seine Meisterprüfung an der Korbfachschule in Lichtenfels ab und übernahm den väterlichen Betrieb.

Umbruch in der Branche

Schon sehr bald wurde der Wandel in der Branche deutlich, Billigwaren aus anderen Ländern überschwemmten den Markt und machten es beinahe unmöglich, noch wirtschaftlich arbeiten zu können. Immer mehr verdrängte Massenware die handwerklich gefertigten Exemplare aus den Geschäften, gleichzeitig wurden die Sorgenfalten des leidenschaftlichen Korbmachers immer tiefer, galt es doch eine Familie mit vier Kindern zu ernähren. Reisekörbe für Auswanderer sowie Wasch- und Papierkörbe wurden immer seltener bestellt und auch die Nachfrage nach Rattanmöbel ließ nach.

Richtig zu spüren bekam er den Umbruch in den 1970er- Jahren, als der heimische Markt einzufallen drohte. „Mit Gebrauchskörben war kein Geld mehr zu verdienen“, erinnert sich der fünffache Großvater, „denn Handarbeit, die nicht mechanisiert ist, wird schlecht bezahlt“.

Was tun? Seine Offenheit für neue Produkte war da von Vorteil und so streckte er seine Fühler auch Richtung europäisches Ausland aus. In den 1980er-Jahren zeichnete sich eine neue Bewegung ab, denn statt der Korbmacherei konzentrierten sich viele nun auf die Flechtwerkgestaltung, so auch Johann Bachinger. Schon immer schlummerten in ihm kreative Objekte, die es nun galt aus Weiden entstehen zu lassen. „In Mitteleuropa gibt es über 400 Weidensorten mit den unterschiedlichsten Rinden“, erzählt Bachinger und war in Polen, Dänemark, Irland und England auf Ausstellungen präsent. Die freie, künstlerische Schaffenskraft inspirierte ihn in den kommenden Jahren und schnell sprach sich herum, dass bei ihm Handwerk und Flechtkunst eine Symbiose ergeben. Auf Workshops und im steten Kontakt zu Handwerkern im In- und Ausland verfeinerte er seinen Ideenpool und ist froh, dass sich in der Branche ein gut funktionierendes Netzwerk entwickelt hat.

Bei der Landesgartenschau 2010 in Rosenheim machte Johann Bachinger mit einem ganz speziellen Objekt auf sich aufmerksam. In einem Zeitraum von drei Monaten verbaute und verwob er etwa 2000 Bambusstäbe und vereinte sie zu einem großen Bambushaus, einer „Oase der Stille“, das die alte Tradition mit modernen Aspekten der Flechtwerkkunst vereint. „Bei größeren Aufträgen helfen wir uns auch gegenseitig“, freut sich Bachinger und erinnert sich an einen exklusiven Auftrag in der Gegend. „Für ein altes Jagdhaus sollte ich 80 Stühle mit einem speziellen Flechtwerk verschönern. Zum Glück haben mir vier Kollegen unter die Arme gegriffen“, strahlt Bachinger. Stolz ist er auch auf eine 140 Quadratmeter große Deckengestaltung im Hotel- Restaurant „Alter Wirt“ in Grünwald. Im Zuge einer Sanierung hatten die Inhaber die Idee, eine geflochtene Decke zu realisieren, um die Natürlichkeit des Raumes zu betonen.

Familientradition geht mit ihm zu Ende

Über Jahre hinweg hat er sein handwerkliches Wissen bei der Ausbildung von Lehrlingen weitergegeben. Vor allem mit einer ehemaligen Auszubildenden pflegt er noch heute eine ganz besondere Beziehung – mit der Münchner Künstlerin Susanne Thiemann. In ihrer stürmischen Jugendzeit hatte es die gebürtige Kielerin durch Zufall in die Werkstatt von Johann Bachinger verschlagen. Schnell erkannte er das Talent der jungen Frau und bildete sie aus. Heute führt die 61-Jährige eine ganz besondere Korbmacherwerk statt in der Isarmetropole und hat sich als Künstlerin national und international einen Namen gemacht.

„Ich bin zwar schon längst im Rentenalter“, schmunzelt Johann Bachinger, „denke aber noch lange nicht ans Aufhören“. Ein Grund ist sicher seine Liebe zu seinem Handwerksberuf. „Leider konnte ich keines meiner Kinder für diesen Beruf begeistern“, resümiert er und so wird mit ihm die Bachinger Familientradition des Korbmachers zu Ende gehen. Leider!

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