Kein Käse: Nachhaltig produzieren in Tuntenhausen

Umweltgerechte Produktion: Der Käseverarbeiter Frischpack in Mailling arbeitet seit 2013 konsequent an diesem Ziel und hat nun eine klimaneutrale Herstellung erreicht. Firma Frischpack/re

Das Tuntenhausener Unternehmen Frischpack arbeitet ab sofort klimaneutral. Wie das funktioniert und welche Arbeit dahinter steckt, erklärt Marian Heinz, Vorsitzender der Geschäftsführung.

von Johannes Thomae

Tuntenhausen – „Nachhaltigkeit steht im Fokus unseres unternehmerischen Handelns, wir haben diese Aufgabe systematisch in die Geschäftsstrategie integriert“. Das ist ein Satz, wie er in vielen Unternehmenspräsentationen stehen könnte. Beim Käseverpacker Frischpack aus Mailling ist er aber laut Geschäftsführung mehr als nur eine vage Willenserklärung: Der Betrieb arbeitet ab sofort tatsächlich klimaneutral. Sieben Jahre Arbeit stecken darin, in denen der Kohlendioxid-Fußabdruck um rund 54 Prozent reduziert werden konnte. Die verbleibende Restmenge wird nun durch die Unterstützung von Klimaprojekten kompensiert.

Eine „ideelle Notwendigkeit“

Für Marian Heinz, Vorsitzender der Geschäftsführung, war der Einstieg eine ideelle Notwendigkeit. „Die Fakten des Klimawandels liegen seit langem auf dem Tisch“, sagt er. Nicht anders ist es bei der Flut des Plastikmülls, ein Thema, bei dem wir uns als Verpacker natürlich besonders herausgefordert sehen.“ Die daraus resultierende, gewissermaßen moralische Aufforderung zum Handeln sah er aber durch nüchterne wirtschaftliche Überlegungen ergänzt.

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„Wir waren Anfang des vergangenen Jahrzehnts auf der Suche nach einem Merkmal, um uns aus dem Markt herauszuheben“, erklärt er. Preis und Qualität seien dabei keine tauglichen Stellschrauben gewesen. Denn, so Heinz, bei einem Lebensmittel sei erstklassige Qualität sowieso Grundvoraussetzung und die Preise seien vom Markt bestimmt.

Nachhaltigkeit aber würde in der Gesellschaft zunehmend ein Thema werden: Der Verbraucher sei zusehends auf der Suche nach Produkten, die mit „gutem Gewissen einzukaufen und zu verzehren“ seien. „Ein Trend im Verbraucherverhalten, der sich auch 2013 schon so deutlich abzeichnete, dass wir uns hinreichend sicher waren, hier nicht falsch zu liegen“, wie Marian Heinz erklärt.

Die Resonanz gibt ihm recht: Die Maßnahmen des Unternehmens zur Energie- und Abfallreduzierung wurden bislang in zwei Nachhaltigkeitsberichten dokumentiert. Bei dem jüngsten aus dem Jahr 2018 wurde eine Untersuchung darüber durchgeführt, wie er bei den Kunden ankam. Befragt wurden unter anderem Großhändler, Industriekunden und Käsehersteller. Es zeigte sich laut Heinz, dass für das Gros nachgewiesene, also zertifizierte Nachhaltigkeit, zu einem immer wichtigeren Thema wird.

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Noch lässt sich dieser Trend nicht in harten Zahlen festmachen. Marian Heinz ist aber sicher, dass die Umsatzsteigerung des Betriebes im Tuntenhausener Ortsteil Mailling von 2018 auf 2019 um rund sieben Prozent und damit auf 200 Millionen Euro zumindest zu einem Teil auch darauf zurückzuführen ist. „Bei all jenen Kunden, die ihrerseits auf Nachhaltigkeit setzen, stellen wir bereits jetzt eine erhöhte Nachfrage fest.“ Für den Geschäftsführer ist das Thema einer umweltgerechten Produktion aber vor allem langfristig zu sehen – als eine Investition in die Zukunft, die Bestand und Wachstum des Betriebes garantiere. Eine Tatsache, die mittlerweile auch von den rund 300 Mitarbeitern hoch geschätzt werde.

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Zu Anfang, so Heinz, seien vor allem die Kosten gesehen worden, etwa für die Photovoltaikanlage, die nun fünf Prozent des Stromverbrauches deckt, oder für die digitale Erfassung aller Parameter bei den Verpackungsstraßen. Mittlerweile sei die Skepsis aber dem Stolz über das Erreichte gewichen. Zumal die Bemühungen auch von außen gesehen und gewürdigt werden: Das Unternehmen hat 2019 beim 26. Innovationswettbewerb „Top 100“ den Sprung unter die Besten geschafft und überzeugte in der Kategorie „Innovative Prozesse und Organisation“.

Nachhaltigkeit immer wichtiger

Auch die jetzt erreichte Klimaneutralität ein ganz wesentlicher Etappenstein, auf den man stolz ist. Zumal die zwei Kompensierungs-Maßnahmen „Waldschutz am Amazonas“ und „Windenergie auf den Philippinen“ durch zwei weitere besondere Projekte ergänzt werden: Da ist zum einen die Initiative „Bäume pflanzen für Deutschland“. Für jede am Amazonas kompensierte Tonne CO2 pflanzt Frischpack einen neuen Baum im süddeutschen Raum, insgesamt 300 Bäume pro Jahr.

Beim Projekt „Die Plastikflut aufhalten“ sorgt Frischpack mit jeder auf den Philippinen durch Windkraft kompensierten Tonne CO2 für das sogenannte „Social Recycling“ von zehn Kilogramm Plastikmüll. Das Projekt unterstützt Müllsammler in Haiti, Indonesien und auf den Philippinen. Diese können den gesammelten Plastikmüll in Sammelstellen in Geld, Lebensmittel, Trinkwasser, Handy-Guthaben, Speiseöl oder sogar Schulgebühren eintauschen.

Die zwei zusätzlichen Projekte entstanden aus dem Bemühen, auch regional wirksam zu werden und den Nutzen für den einzelnen Mensch nicht nur abstrakt, sondern möglichst unmittelbar deutlich werden zu lassen.

Klimaschutz: Gemeinde Tuntenhausen lässt sich von der Hochschule beraten

Auch die Gemeinde Tuntenhausen schreibt „Klimaschutz“ groß. So produziert die Photovoltaikanlage auf dem Dach des Rathauses mehr Strom, als verbraucht wird. Was die Kommune noch tut und ob die Firma Frischpack in Mailling ein Vorzeigeprojekt ist, erklärt Tuntenhausens Bürgermeister Georg Weigl.

Herr Weigl, kann man das Unternehmen als Vorzeigeprojekt in Sachen Umweltschutz sehen?

Georg Weigl:Ja, für Arbeitgeber wird das Umweltbewusstsein ja immer wichtiger.

Hat das Unternehmen eine Vorbildfunktion für andere Betriebe?

Weigl: Die Betriebe sind ja branchenübergreifend tätig – daher ist es eher schwierig. Und jede Firma muss das natürlich für sich entscheiden, allerdings denke ich, dass über die Außenwirkung schon der eine oder andere Anstoß gegeben werden kann.

Wie ist das bei Ihnen in der Gemeinde, gibt es beispielsweise Milch aus Glasflaschen in den Schulen?

Weigl: Gerade in Kindergärten und Schulen wird Müllvermeidung groß geschrieben und wird auch mit Projekten ergänzt. Obendrein achtet beispielsweise der Bauhof auch bei Einkäufen darauf, wie Verpackungen vermieden werden können.

Wie schaut es mit Fotovolatik aus?

Weigl: Auf dem Dach des Erweiterungsbaus des Rathauses sind Fotovoltaikanlagen, wir haben auch Luftwärmepumpen und wir haben festgestellt, dass vom Frühjahr bis Herbst mehr Strom produziert wird, als wir benötigen – inklusive Bauhof.

Was wird noch gemacht?

Weigl: Obendrein sind wir ans Energieeffizienznetzwerk Rosenheim angeschlossen und werden von der Technischen Hochschule Rosenheim beraten. Zusammen werden Lösungen und Maßnahmen erarbeitet. Ziel ist es unter anderem die Energieeffizienz zu steigern und Treibhausgasemissionen zu senken. Interview: Ines Weinzierl

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