Übernahme durch Ericsson beendet Ära: Nach 100 Jahren bleibt von Kathrein nicht mehr viel übrig

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Wo lange Zeit ein Schild mit der Aufschrift „Kathrein“ an der Einfahrt zum Werksgelände  prangte, steht nun Ericsson. Das schwedische Unternehmen wird in Zukunft das Kerngeschäft von Kathrein als Ericsson Antenna Technologies Germany GmbH fortführen. Offiziell bestätigt ist das sogenannte Closing noch nicht. Das neue Schild legt aber unmissverständlich nahe, dass das Geschäft einen erfolgreichen Abschluss gefunden hat.
  • Anton Maier
    vonAnton Maier
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„Beim Kathrein“ zu arbeiten galt über viele Jahre als sichere Bank im hiesigen Arbeitsmarkt. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr endet diese Ära mit dem Verkauf des Kerngeschäfts an den schwedischen Ericsson-Konzern. Ein Rückblick auf die bewegte Firmenhistorie.

Rosenheim – Was in einer Kellerwerkstatt begann, wurde zu einem weitverzweigten Unternehmen mit Weltruf: Die Firma Kathrein, 1919 als kleiner Betrieb gegründet, war Inbegriff für Erfindergeist und technisches Know-how. Antennen aus Rosenheim eroberten die ganze Welt, sie fanden und finden sich auch noch in den entlegensten Gebieten. In der Firmengeschichte gab es durchaus schwierige Phasen, die alle überstanden wurden. In den vergangenen Jahren allerdings erwies sich das Unternehmen für den Wettbewerb im hart umkämpften Mobilfunkmarkt nicht gerüstet. So geht ausgerechnet im Jubiläumsjahr eine Ära zu Ende.

Offizielle Bestätigung von Kathrein und Ericsson steht noch aus

Nachdem in der jüngeren Vergangenheit bereits mehrere Unternehmen aus der Kathrein-Gruppe verkauft wurden, sollte zum 1. Oktober der Kommunikationskonzern Ericsson das Herzstück übernehmen. Eine offizielle Bestätigung, dass das sogenannte Closing an diesem Tag erfolgt ist, stand bis zum Redaktionsschluss noch aus. Vorgesehen ist jedenfalls, dass das Antennen- und Filtergeschäft in Zukunft durch die Ericsson Antenna Technology Germany GmbH fortgeführt wird. Von der Kathrein-Gruppe bleiben nur mehr kleine Teile übrig: die Kathrein Solutions GmbH (AutoID-Lösungen), die Kathrein Broadcast GmbH (Rundfunkantennen) und die Kathrein Digital Systems GmbH (Satellitenempfangstechnik).

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Die Historie von Kathrein war stets mit einem Anton Kathrein verbunden: Der Großvater legte den Grundstein, der Vater machte das Unternehmen zu einem Global Player und der Sohn versuchte, es in die Zukunft zu führen. Ein Rückblick auf die Geschichte des Unternehmens, das die Region Rosenheim 100 Jahre lang wirtschaftlich geprägt hat.

Ingenieur Anton Kathrein legte im Jahr 1919 den Grundstein

Der Firmengründer stellt sich 1919 auf eigene Beine und vertreibt zunächst Blitzschutzvorrichtungen. In den 20er-Jahren erkennt Ingenieur Anton Kathrein das Potenzial des neuen Mediums Hörfunk und entwickelt dafür die erforderlichen Antennen. Das Geschäft floriert, Ende der 30er-Jahre hat die Firma bereits rund 100 Mitarbeiter.

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In den 50er-Jahren kommt das Fernsehen auf und wieder ist Kathrein vorne mit dabei: Sende- und Empfangsantennen für den Rundfunk sind sehr gefragt und sorgen für stetig steigende Umsätze. 1969, also 50 Jahre nach der Gründung, arbeiten rund 1000 Beschäftigte für Kathrein. Im Juni 1972 stirbt der Firmengründer im Alter von 84 Jahren und sein damals gerade erst 21 Jahre alter Sohn, Anton Kathrein junior, tritt die Nachfolge an. Anders als sein Vater ist der Betriebswirtschaftler kein Mann der Technik, sondern der Finanzen.

Kathrein war Anfang der 70er-Jahre schon am Abgrund

Diese sehen Anfang der 70er-Jahre angesichts der Weltwirtschaftskrise nicht gut aus beim Familienunternehmen. Kathrein steht wirtschaftlich am Abgrund, die Banken verweigern frische Kredite. Nur durch energische Vertriebsmaßnahmen kann der junge Unternehmer, intern genannt „AK II“, seine Firma über Wasser halten.

Im Lauf der Jahre darf er sich diverse Titel auf die Visitenkarte drucken lassen und wird, verkürzt, als Professor Dr. Kathrein bekannt. Sein Tag scheint 48 Stunden zu haben: Er gilt als unermüdlicher Macher, ist ständig unterwegs und bestens vernetzt. Jede Kleinigkeit im Betrieb ist ihm wichtig, alle Fäden laufen bei ihm zusammen. Ein Patriarch alter Schule, der das Unternehmen zu einem Global Player ausbaut. Ab den 80er-Jahren verdient Kathrein großartig mit Satellitenempfangstechnik, von den 90er-Jahren an sorgt Mobilfunktechnologie für hohe Wachstumsraten.

Altgediente Kathrein-Leute erzählen von Wutausbrüchen des Chefs

Vom Erfolg des Unternehmens profitiert auch die Region: Kathrein gilt als krisenfester Arbeitgeber mit großartigen Zukunftsaussichten, zeitweise sind allein in Rosenheim rund 1800 Menschen für die Firma tätig. „Beim Kathrein“ angestellt zu sein, ist sehr begehrt. Außerdem unterstützt Kathrein diverse Vereine und Einrichtungen in und um Rosenheim, das Eisstadion trägt seinen Namen. Politisch ist Anton Kathrein ebenfalls aktiv: 26 Jahre gehört er für die Freien Wähler/UP dem Rosenheimer Stadtrat an, neun Jahre lang ist er Dritter Bürgermeister der Stadt. Auch in diversen Verbänden und Vereinen bekleidet er Ämter und Funktionen.

Eine Aufnahme vom 1. Oktober: Von außen sieht alles aus wie immer. Hinter den Kulissen verändert sich alles.

Willensstärke und Führungskompetenz, manche frühere Weggefährten attestieren eher Dickköpfigkeit und Herrschsucht, zeichnen ihn über all die Jahre als Unternehmer und Kommunalpolitiker aus. Er setzt seinen Kopf konsequent durch, Widerspruch hört er nicht gern. Von lautstarken Wutausbrüchen erzählen altgediente Mitarbeiter, die mit ihm viele Jahre im Betrieb zusammengearbeitet haben.

Kathrein-Erbe kommt unvermittelt an die Spitze

Im November 2012 stirbt Prof. Dr. Anton Kathrein im Alter von 61 Jahren. Unvermittelt und ohne Vorbereitung auf die Aufgabe als oberste Führungskraft rückt sein Sohn Anton Kathrein in den Blickpunkt. Er arbeitet erst seit wenigen Wochen als Ingenieur in der Firma, als er mit 28 Jahren die Last der Verantwortung für ein Unternehmen mit mehr als einer Milliarde Euro Umsatz und über 7000 Mitarbeitern weltweit auf seine Schultern nimmt. Chef sollte und wollte er schon mal werden, aber beileibe nicht so früh

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Die Hoffnung auf eine stabile Fortführung des Imperiums in dritter Generation zerschlägt sich für den Enkel des Firmengründers schon bald. Insider berichten von chaotischen Zuständen im Unternehmen: Die Struktur der Kathrein-Gruppe gleicht einem Wildwuchs, eine seriöse Liquiditätsplanung gibt es nicht, die Produktion hat keinen verlässlichen Überblick über die Bestellungen. Und auf einen Milliardenumsatz kommt man auch nur, wenn man die Umsätze der Kathrein-Firmen untereinander mitrechnet.

Anton Kathrein versucht, das Unternehmen zu retten

Es stellt sich heraus, dass mit dem Tod von Prof. Dr. Anton Kathrein viel Herrschaftswissen verschwunden ist. Nur er hatte den vollen Durchblick. Doch schon unter dessen Führung hätten sich die Probleme gehäuft, sagen Eingeweihte. Der Patriarch habe diese aber nicht wahrhaben und schon gar nicht darauf reagieren wollen. Eine Verschlankung oder gar ein Stellenabbau, das kam nicht in Frage. Lieber wurden verlustreiche Sparten quersubventioniert.

Anton Kathrein in dritter Generation: Die Versuche, das Unternehmen in eine eigenständige Zukunft zu führen, waren letztlich nicht erfolgreich. kathrein se

Diese Zeiten sind vorbei, als Anton Kathrein mit aller Kraft versucht, das eigenständige Familienunternehmen zu retten. Das wird immer schwieriger, da sich die verkrusteten Strukturen des Unternehmens im harten internationalen Wettbewerb als nicht konkurrenzfähig erweisen. Im riesigen und dicht bevölkerten Teich des globalen Mobilfunkmarkts ist Kathrein inzwischen ein kleiner Fisch, noch dazu ein schwer angeschlagener. Vor allem der chinesische Staatskonzern Huawei gräbt den Rosenheimern das Wasser ab.

Stellenabbau und Verkäufe

Im Kampf gegen den Untergang werden Realitäten verkannt und falsche Entscheidungen getroffen, so Branchenkenner, durch die sich die Lage immer weiter verschlimmert. Es tritt das ein, was für die Firmenchefs der ersten und zweiten Generation undenkbar war: Mehrere Wellen von Stellenabbau und der Verkauf von Tochterfirmen sollen zumindest das Kerngeschäft, also den Mobilfunkbereich, retten.

Die Bemühungen zeigen jedoch nicht den erhofften Erfolg und Kathrein rutscht immer tiefer in die Verlustzone. In höchster Not soll ein erfahrener Fachmann das Ruder doch noch herumreißen. In Absprache mit den kreditgebenden Banken, manche sagen auf deren Geheiß, holt Anton Kathrein den Sanierer Hans-Joachim Ziems ins Haus. Er wird beauftragt, wenn eine Firma mit dem Rücken zur Wand steht. Was der Restrukturierungsprofi zu sehen bekommt, beschreibt er in einem Interview als „eine Konfusion, wie ich sie in den vergangenen 20 Jahren noch nicht erlebt habe“. Man habe nach dem Motto gewirtschaftet „Geld ist immer da“.

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Ziems zieht ein hartes Sparprogramm durch und orchestriert die vielen Einzelmaßnahmen zur Rettung des Unternehmens. Letzen Endes setzt sich jedoch die Erkenntnis durch, dass Kathrein es nicht alleine schaffen kann. Nach langwierigen Verhandlungen mit dem Kunden und Technologiepartner Ericsson wird der schwedische Konzern mit seinem Einstieg zum rettenden Ufer für das Unternehmen. Rund 4000 Arbeitsplätze bleiben damit erhalten, viele davon in Rosenheim. Nur sind die Mitarbeiter künftig eben keine „Kathreiner“ mehr.

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