IHK: Nordzulauf ist alternativlos

Konrad Bergmeister,Vorstand der BBT SE.

Einstimmig hat sich die regionale Wirtschaft auf der jüngsten IHK-Regionalversammlung für den Bau des Brenner-Nordzulaufs ausgesprochen und dazu ein Positionspapier verabschiedet.

Flintsbach –  Der Bau der Brennerbasistunnel-Strecke, ein österreichisch-italienisches Gemeinschaftsprojekt, läuft seit 2008 (wir berichteten). Der BBT wird auf 55 Kilometern parallel zur bestehenden Brennerbahn zwischen Innsbruck und Franzensfeste den Brennerpass unterqueren. Mit einem großen Teil der vorhandenen, unterirdischen Umfahrung Innsbruck erreicht der Tunnel künftig eine Länge von 64 Kilometern. Läuft bis zur Eröffnung – aktuell geht man von 2028 aus – alles glatt, wäre dies die längste unterirdische Eisenbahnverbindung der Welt. Die Kosten des von der EU geförderten Projekts belaufen sich auf rund zehn Milliarden Euro. Von Bayern aus soll der umstrittene Brenner-Nordzulauf den BBT an das Schienennetz nach Norden anbinden. Unklar ist, wo und wie die Lkw auf die Schiene kommen sollen: In der Region bräuchte es einen Verladeterminal.

Status Quo: BBT kommt, Zulauf unklar

Zum Sachstand Brennerbasistunnel und Nordzulauf hatte die IHK auf ihre jüngsten Regionalsitzung, diesmal in Flintsbach, direkt beteiligte Experten eingeladen. Gekommen waren neben den Bürgermeistern der Gemeinden aus dem Nordzulauf-Planungsgebiet auch der Vorstand der Brennerbasistunnel (BBT) SE, Professor Dr. Konrad Bergmeister, der Projektleiter der Brenner- Nordzulauf Deutsche Bahn Netz AG, Torsten Gruber, sowie Magister Josef Ölhafen, Leiter des Bereichs Transport und Verkehr der Tiroler Wirtschaftskammer. Dr. Korbinian Leitner von der IHK stellte den Anwesenden das IHK-Positionspapier zum Thema vor.

Das sagt die regionale Wirtschaft

IHK-Regionalvertreter und Verkehrsausschuss befürworten den zügigen Bau des Brenner-Nordzulaufs. Belastungen für Mensch und Umwelt müssten gering gehalten werden: Ein Teil der Trassenführung soll unter die Erde. Das wird die Kosten erhöhen. „Wir können es nicht ändern, dass der Verkehr weiter steigt. Aber wir können uns dafür einsetzen, dass der Brenner-Nordzulauf die künftige Entwicklung auf der Schiene bündelt. Deshalb brauchen wir die zusätzlichen Gleise auf einer Trasse, die auch Zustimmung bei den betroffenen Kommunen und ihren Bürgern findet“, ist Andreas Bensegger, Vorsitzender des Regionalausschusses Rosenheim, überzeugt. „Das Inntal ist dicht. Um Entlastung zu schaffen und die Güter von der Straße zu bringen, bleibt uns nur die Schiene. Der Nordzulauf muss sinnvoll gestaltet und umgesetzt werden“, fordert Georg Dettendorfer, IHK-Vizepräsident und Vorsitzender des Verkehrsausschusses.

IHK: Keine Alternative zur Schiene

Der Alpentransit-Verkehr soll von der Straße auf die umweltfreundlichere Schiene verlagert werden, so das Positionspapier der IHK. Ausgearbeitet hat es Dr. Korbinian Leitner, Leiter des IHK Verkehrsreferats. Der Brenner-Nordzulauf ist für die IHK alternativlos. Die zweigleisige Bestandsstrecke soll zu diesem Zweck durch ein drittes und viertes Gleis erweitert werden. Davon verspricht man sich weniger Schadstoffemissionen und weniger Lärm, mehr Verkehrssicherheit auf der Brennerautobahn.

Derzeit werden dort Güter zu 70 Prozent per Lkw auf der Straße und nur zu 30 Prozent auf der Schiene transportiert. Zusätzlich zum Nordzulauf braucht es laut IHK jedoch weitere Umschlagplätze und Verladeterminals. Die bisherigen in München-Riem und Burghausen stoßen an ihre Kapazitätsgrenzen, trotz Ausbau. Die IHK gibt zu bedenken, dass neben einer einheitlichen Verladetechnologie bislang beispielsweise auch keine innereuropäische Bahn-Betriebsregelung existiert.

Einig sind sich die Wirtschaftsvertreter: Bau und Nutzung der Trasse bedeuten einen erheblichen Eingriff in Fläche und Räume der Region. „Damit in Summe die Vorteile für den Wirtschaftsstandort und die Bevölkerung überwiegen, ist die Art der Ausführung und späteren betrieblichen Nutzung entscheidend“, heißt es im Positionspapier. Sie spricht sich für geräuscharme Lokomotiven und Waggons aus.

„Der Bau des Tunnels ist Realität“, so Prof. Dr. Konrad Bergmeister, Vorstand der BBT SE aus Innsbruck, zu den Gästen des Regionalausschusses in Flintsbach. 95 Prozent der gesamten Tunnelstrecke seien aufgebrochen. An vier Baustellen gleichzeitig werde im 24-Stunden-Betrieb gearbeitet. Bergmeister war vergangenes Jahr vom EU-Rechnungshof ob der enormen Kosten kritisiert worden (erste Planungen aus 2002 gingen von rund vier Milliarden Euro aus).

Der BBT-Vorstand verteidigt das Projekt vehement: Durch den Tunnel könnten schwerere und längere Güterzüge bis zu 1 600 Tonnen mit nur einer Lok fahren. „Aktuelle Fahrzeiten zwischen Franzensfeste und Innsbruck schrumpfen auf ein Drittel.“ Der Bau des BBT schaffe bis zu 15 000 Arbeitsplätze.

Deutsche Bahn sucht noch nach Strecke

„Wir haben Unterstützung dringend nötig“, so Deutsche-Bahn-Projektleiter Torsten Gruber. 2018 haben DB und die Österreichische Bahn erste Entwürfe für Grobtrassen im Rahmen des Dialogprozesses mit den 25 Gemeinden im Inntal und rund um Rosenheim vorgestellt. Die intensiven Diskussionen in der Region zur Neubaustrecke verlangsamten den Prozess. Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer stellte bei einem Besuch in Rosenheim eine neue Studie vor, die den Bedarf der Trasse verdeutlichte (wir berichteten).

Von über 100 möglichen Trassenstrecken will die Deutsche Bahn nun im Juli fünf bis sechs konkrete Trassen vorstellen. Es folgen dann: eine parlamentarische Befassung im Bundestag, Genehmigungsprozess und eine Planfeststellung.

Eine Kosten-Nutzen-Analyse, so DB-Pressesprecher Franz Lindemair, gebe es derzeit wegen der unklaren Streckenführung noch nicht.

Derweil drohen neue Lkw-Restriktionen

Während das Projekt Brenner-Nordzulauf in Bayern nur langsam vorankommt (Flintsbachs Bürgermeister Stefan Lederwascher: „Tirol baut, Bayern schaut“), nehmen im Nachbarland derweil die Restriktionen gegen den Lkw-Verkehr Fahrt auf. Gründe dafür nennt Magister Josef Ölhafen, Leiter Verkehr und Transportwesen der Tiroler Wirtschaftskammer (siehe „Drei Fragen an“.

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