AKTIONSTAG NACHFOLGE VON IHK UND HWK IN MÜHLDORF

„Hier steckt noch großes Potenzial“

Kreishandwerksmeisterin für Mühldorf und Altötting, Helga Wimmer.

„Wir sind jetzt in der fünften Generation und haben schon einige Nachfolgen hinter uns“: Beatrice Rodenstock vom gleichnamigen Familienunternehmen weiß, wovon sie spricht, wenn es um den Generationenwechsel geht. Oder um Frauen in der Nachfolge. Ihre Erfahrungen teilten sie und Unternehmer aus der Region beim Aktionstag Nachfolge der IHK und HWK.

Erharting/Mühldorf – „Unsere mittelständisch geprägte Wirtschaft ist in Gefahr, wenn Übergabe nicht funktioniert“, warnte Ingrid Obermeier-Osl, Vorsitzende des IHK-Regionalausschusses Altötting-Mühldorf zu Beginn der Veranstaltung von Industrie- und Handelskammer sowie der Handwerkskammer für München und Oberbayern. In rund 55 000 Unternehmen in Oberbayern stehe bis 2021 ein Generationswechsel an – also bei jedem vierten.

„Das Handwerk steht vor einem demografischen Wandel“, stellte auch Helga Wimmer, Kreishandwerksmeisterin der Kreishandwerkerschaft Altötting-Mühldorf, fest. 23 Prozent der Betriebsinhaber in München und Oberbayern seien älter als 55 Jahre. Sie ermutigte Betriebsinhaber, sich frühzeitig um die Frage zu kümmern, wie es nach ihrem Rückzug aus der Firma weitergehe: „Erst eine gelungene Betriebsnachfolge krönt das Lebenswerk.“

Obermeier-Osl, selbst Nachfolgerin im eigenen Familienbetrieb, brach zugleich eine Lanze für Töchter als Nachfolgerinnen: „Tatsache ist, dass hier noch großes Potenzial steckt.“ Wenn die jüngere Generation übernimmt, sei das in nicht mal jedem vierten Fall eine Tochter. Die Veranstaltung im Landkreis Mühldorf, die im Rahmen eines bundesweiten Aktionstages der DIHK lief, legte daher einen Schwerpunkt auf die weibliche Nachfolge.

Ohne Drängen ans Ziel kommen

Egal, ob nun Sohn oder Tochter die Geschäfte weiterführt: Beatrice Rodenstock, die heute Familienunternehmen beim Generationswechsel berät, hat bei der Elterngeneration einige Schwierigkeiten identifiziert: Ihr falle etwa das Loslassen schwer, nach Jahrzehnten, in denen sie Ideen und Energie in ihre Firma gesteckt habe. Oft arbeiteten Eltern und Kinder lange Zeit parallel. Ihr eigener Vater habe 13 Jahre lang mit seinem Vater zusammen gearbeitet. „Da muss man aufpassen, dass man irgendwann selbst auf den Fahrersitz kommt“, riet sie – bei allen Vorteilen, die ein gemeinsames Arbeiten habe. Sie empfiehlt den potenziellen Nachfolgern, konkret nachzufragen, welche Aufgaben zu welchem Zeitpunkt an sie übergehen. Auch wenn das für Töchter und Söhne nicht leicht sei: „Sie wollen ihre Eltern auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht verletzen.“ Etwa nach dem Motto: Wann gehst du endlich? Ein „Zustand in der Schwebe“ bringe auf Dauer aber Unruhe, sagt Roden stock – in der Belegschaft und auch bei den Kunden.

Jede neue Generation bringe eine Veränderung im Unternehmen. „Es gehört dazu, dass die nachfolgende Generation auch Fehler machen darf“, so Rodenstock. Der übergebenden Generation empfahl sie, sich eine Rolle für die Zeit nach dem Ausstieg zu suchen. Ihrer Erfahrung nach klappe es nicht unbedingt, wenn Unternehmer nur noch ihren Hobbys nachgehen. „Schaffenskraft woanders einsetzen“, lautete ihr Rat.

Oft gibt es Zweifel an der Familiennachfolge

Oft finde sich innerhalb der Familie aber auch keine Lösung für die Nachfolge. Schlichtweg deshalb, weil Eltern und Kindern das Thema unangenehm sei. Es werde vertagt. Ein Fehler, so Rodenstock: „Es wird nicht von alleine eine Lösung kommen.“ Deshalb sei es nötig, so früh wie möglich zu besprechen, ob sich die Kinder eine Nachfolge überhaupt vorstellen können.

In der Region gibt es Beispiele für gelungene Übergaben innerhalb und außerhalb der Familie. In einer Gesprächsrunde kamen einige Nachfolger und Unternehmer zu Wort. Christine Burghart etwa, die mit ihrem Bruder in vierter Generation ein Autohaus in Altötting führt. Zu zweit das Ruder von den Eltern zu übernehmen, bedeutet aus ihrer Sicht: „Die einzelnen Aufgaben müssen aufgeteilt werden.“ Für sie stand schon als Kind fest, eines Tages in den Familienbetrieb einzusteigen. Für Carolin Münch war das anders. Sie entschied sich erst als Erwachsene dafür, die familiäre Brauerei Bräu im Moos im Landkreis Altötting zu übernehmen. Ihr Geschlecht war kein Problem im männerdominierten Brauereiwesen: „Ich habe nie erfahren, dass ich als Frau benachteiligt werde.“

Nachfolger kommen nicht immer aus der Familie. Rodenstock brachte die aktuelle Studienlage ein, wonach der Schluss nahe liegt, dass Kinder von Unternehmern mehrheitlich sogar sehr skeptisch sein können, was eine Laufbahn an der Spitze der Familienfirma betrifft. Johannes Hoffmann, Unternehmer aus der Region Mühldorf, hatte mit seinem Bruder bereits ein eigenes Unternehmen gegründet, als er später noch bei einem Unternehmen einstieg, das sich auf Verputz spezialisiert hat. Der vorherige Inhaber gab sein Wissen weiter. Fast ein Idealfall also, wären da nicht so manche bürokratischen Hürden zu überwinden gewesen. Steuerliche und juristische Aspekte gehörten für viele Handwerksbetriebe schon zur Tagesordnung, betonte auch Kreishandwerksmeisterin Helga Wimmer: Ein wiederkehrendes Thema quer durch alle Branchen, das auf Nachfolger aus der Familie oft abschreckend wirke – egal, ob Mann oder Frau.

Strukturen für selbstständige Mütter

Im Impulsvortrag von Beatrice Rodenstock war deutlich geworden, dass Frauen heute grundsätzlich häufiger als Nachfolgerinnen wahrgenommen werden: „Früher war es so, dass die Frauen in den Betrieb gekommen sind, weil es keine Alternative gab.“ Aber es habe ein Kulturwandel stattgefunden: „Nachfolge ist nicht mehr vom Geschlecht abhängig.“ Die diskutierenden Frauen waren sich aber einig darin, dass für selbstständige Frauen die Vereinbarkeit von Kindern und Arbeit nach wie vor schwieriger sei als für selbstständige Männer.

Wimmer, als Friseurmeisterin in einem weiblich dominierten Beruf, ist überzeugt: „Unternehmerinnen brauchen einen starken Partner, der hinter ihnen steht.“

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