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BERGSTEIGERIN BETTINA JUNKERSDORF MACHT AUS ALTEN SEILEN NEUE UNIKATE

Auf dem Gipfel der Kreativität

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Die Chiemgauer Bergwelt hat ihr eine neue Leidenschaft eröffnet: Bettina Junkersdorf verwertet ausgediente Sicherungsseile – und stellt daraus Blickfänge wie Gürtel und Schlüsselanhänger her.

Chiemgau – Seile gehören zum Bergsteigen. Irgendwann aber sind sie alt, müssen ausgemustert werden und liegen von da an im Keller. Da wäre es doch ideal, wenn man sie wiederverwerten könnte, am besten noch indem man irgendwelche Bergsteigerutensilien daraus fertigt. Klingt einfach – doch damit aus so einem Geistesblitz eine Geschäftsidee wird, braucht es mehr – ein bisschen Glück, vor allem aber jede Menge Leidenschaft und Zähigkeit.

Bettina Junkersdorf (34) hat beides, als ihr beim Klettern vor einem halben Jahr die Idee mit der Wiederverwertung der Seile kommt. Sie hat Glück, weil ihre Mutter Margit eine begeisterte Näherin ist, die schnell vor Augen hat, was sich aus dem Seilmantel alles herstellen ließe: Gürtel, Schlüsselanhänger, kleine Beutel. Und sie hat Leidenschaft: die Vorstellung, aus Material, das eigentlich weggeworfen wird, Neues zu gestalten. Sie hat auch schon den Namen dafür: Nicht Recycling schwebt ihr vor Augen, sondern „Upcycling“ und „new seed“ soll das Ganze heißen.

Die 34-jährige Rosenheimerin blieb zäh an ihrem Wunsch kleben – so lange, bis weitere Einfälle kamen: Man müsste die Seile dort einsammeln, wo sich die Seilbenutzer treffen. Da man aber nicht auf jedem Alpengipfel eine Seilsammelstelle aufmachen kann, lag die Idee nah, sie in den Kletterhallen zu sammeln. Dort könnte man unter Umständen auch die fertigen Produkte wieder anbieten.

Selbst das größte Problem, die Frage, wer die Entwürfe der Mutter nähen soll, lässt sich so im Lauf der Zeit klären: Bettina Junkersdorf findet eine Näherei, die bei diesem Projekt mitmacht. Fast noch mehr freut sie sich aber über einen anderen Partner: Die Seile müssen, bevor sie zu Neuem verarbeitet werden, zunächst einmal gründlich gewaschen werden. Das übernimmt eine Behindertenwerkstätte bei Nürnberg. Damit ist Junkersdorf ihrer Idealvorstellung eines rundum ökologischen Produktes noch einmal ein Stück näher gekommen.

Die Wohnung als Lagerstätte

Bei der Beantwortung von Fragen, an denen andere scheitern, wird sie erst richtig kreativ – zum Beispiel, wenn es um die Aufmachung der Sammelstellen geht. Auch hier verwirklicht Bettina Junkersdorf eine Recycling-Idee und verwendet alte Ölfässer. Für die Reinigung von innen kniet sie auch schon mal bis über beide Ellenbogen im Ölschlamm. Außen bekommen die Fässer neue Farbe, der Deckel wird halb aufgeflext, und zwar so, dass der alte Öleinfüllstutzen erhalten bleibt. In ihn kommt ein Holzstab – um daran ihr Logo mit kurzer Erklärung aufzuhängen.

Apropos Logo: Auch das muss natürlich entwickelt werden, genauso wie ihre Homepage und Facebook-Seite. Das alles frisst Zeit – viel Platz für anderes bleibt da nicht mehr. Und das darf man durchaus wörtlich nehmen: Denn Bettinas Junkersdorfs Wohnung muss derzeit Raum für alles bieten: Sie ist Verwaltungszentrale, Fotostudio – und nicht zuletzt auch Kartonlager, denn die fertigen Produkte müssen verschickt werden. Und auch hier zieht sich die Recycling-Idee durch das Projekt, wenn auch mit hohem zeitlichen Aufwand: Alte Kartons werden bei größeren Geschäften gesammelt, dort ist man sogar froh, wenn man sie los wird. Jedoch nicht jeder Karton kann verwendet werden, es braucht neutrale, ohne jede Aufschrift, und vor allem müssen sie in Größe und Form für den Versandzweck passen.

Deshalb freut sich Bettina Junkersdorf auch sehr über den Zufall, durch den sie in einem Gartencenter jene Plastiksteigen entdeckte, in deren runden Vertiefungen kleine Topfpflanzen transportiert werden. Die werden normalerweise weggeworfen, sind aber ideal, um darin ihre Gürtel zu versenden, ja sogar zu präsentieren.

Unaufgeregter Blick in die Zukunft

Bleibt die Frage, woher der felsenfeste Idealismus kommt. Bettina Junkersdorf findet diese Überlegung sonderbar, denn sie fragt sich eher, wie man diese Einstellung nicht haben kann: „Wer jetzt noch nicht sieht, dass es brennt mit unserer Umwelt, der ist blind“, sagt sie schlicht und gänzlich unaufgeregt. Bettina Junkersdorf hat nichts von einer Fanatikerin, sie scheint ein durch und durch fröhlicher Mensch zu sein. Sie hat nur einen klaren Grundsatz: „Ich bilde mir nicht ein, die Welt retten oder auch nur besser machen zu können. Ich will sie nur nicht schlechter machen.“

Unaufgeregt ist auch ihr Blick in die Zukunft, obwohl sie nicht weiß, wie sich ihre Geschäftsidee weiterentwickeln wird. Werden genug Leute ihre Produkte kaufen, damit sich ihr Projekt dauerhaft trägt? Wird am Ende die Nachfrage sogar so wachsen, dass sie nicht mehr alles alleine bewältigen kann, und wird sie dann ihren hohen Recycling-Anspruch noch bewahren können? „Es wird schon werden. Ich wünsche es mir einfach so sehr.“

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