Mit Ethanol und Glycerin gegen Corona: Heimische Unternehmer produzieren Desinfektionsmittel

Produzierengemeinsam tausende Liter an Desinfektionsmittel: Max Roedl aus der Herstellung, Dominik Simon (Inhaber Heilig-Geist-Apotheke) und Franz Stettner junior von der Edelobstbrennerei Stettner (von links nach rechts). Stettner
  • Elisabeth Sennhenn
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Überall in der Republik wird nach Atemschutzmasken auch Desinfektionsmittel knapp. In der Rosenheimer Region wird jedoch gemeinsam dagegen vorgegangen. Viele Apotheken produzieren das begehrte Mittel selbst, die Edelobstbrennerei Stettner stellt ihre großen Kapazitäten zur Erzeugung zur Verfügung.

Kolbermoor/Landkreis Rosenheim – Nicht nur Atemschutzmasken werden in den Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen knapp, sondern auch Desinfektionsmittel. Ärzte schlagen Alarm.

Bayerns Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger hat vor kurzem bekanntgegeben, dass nun auch Ethanol sowie reiner Alkohol im Freistaat zur Produktion von Desinfektionsmitteln freigegeben werden.

„Wir bekämpfen Engpässe bei Desinfektionsmitteln pragmatisch“, betont der Minister. Es gehe darum, Engpässe zu reduzieren. „Deshalb gehen wir jetzt zwei Wege gleichzeitig: Chemie-Unternehmen und Apotheken werden Desinfektionsmittel aus Ethanol und reinem Alkohol herstellen. Der Rohstoff Alkohol kommt aus der Biospritschiene und von Brennereien.“

WHO erarbeitete spezielle Formel

Infolge dieser Entwicklung ist die Edelobstbrennerei Stettner aus Kolbermoor, eine der größten Brennereien in Bayern, in die Produktion von Desinfektionsmitteln für Oberflächen eingestiegen. „Im Moment sind es 1 500 Liter. Unser Ziel ist, in Kürze 10 000 Liter pro Woche herzustellen“, sagt Junior-Geschäftsführer Franz Stettner.

Die Kapazitäten seien trotzdem noch nicht ausgeschöpft. Jedoch hänge die gesamte Produktion von der Verfügbarkeit der Ausgangsstoffe Glycerin und Wasserstoffperoxid, ab: „Die gibt es nur über die Großhändler für den Labor- und Chemiebedarf. Zusätzlich ist die Nachfrage gerade um ein Mehrfaches gestiegen.“ Die spezielle Formel für das Mittel hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erarbeitet.

Die Brennerei stellt ihre Produktionsstätte mit den großen Rührwerken und Mischtanks sowie ihre Lagermöglichkeiten zur Verfügung. Aber: Stettner darf die Herstellung und den Vertrieb nicht alleine stemmen. „Der Brennerei wäre der Verkauf nicht erlaubt“, stellt er klar.

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Deswegen arbeitet er eng mit der Rosenheimer Heilig-Geist-Apotheke zusammen. Diese verkauft das Mittel an Ärzte sowie Pflegeheime und -dienste in der Region. Der Inhaber der Apotheke, Dominik Simon, sieht den größeren Nutzen der ganzen Aktion. „Wir können so den Bedarf mit einem Produkt decken, das keinen langen Transportweg hat“, erklärt er.

„Die Bestände der meisten Arztpraxen neigen sich dem Ende zu und die Preise für die Ausgangsstoffe sind innerhalb der vergangenen zwei Wochen um das 7,5-fache gestiegen.“

Er ergänzt, dass durch diese Co-Produktion die Apotheken entlastet werden würden. „Unsere Teams können sich nun auf die Versorgung der Kunden mit Medikamenten konzentrieren und wir müssen keine Mitarbeiter zur Desinfektionsmittelherstellung einsetzten.“

Maximal zwei Fläschchen für jeden

Einige Apotheken in der Gegend helfen sich trotz des Mehraufwandes ohne die Zuarbeit von Brennereien.

In Kolbermoor mixt Apotheker Florian Nagele Fläschchen für Ärzte und Pflegeheime. Dreimal in der Woche stellt er nach Ladenschluss um 18.30 Uhr bis 22 Uhr selbst Desinfektionsmittel her.

Bis zu 200 Fläschchen à 150 Milliliter schafft Nagele an einem Abend. Auch er sagt: „Es ist derzeit sehr schwierig, die Ausgangsstoffe zu bekommen.“

Das selbst hergestellte Mittel geht in den Verkauf. „Jeder Kunde bekommt aber nicht mehr als zwei Fläschchen mit 150 Milliliter“, sagt der Apotheker. Obendrein produziert er auch noch für Ärzte und Pflegeheime in der Mangfallstadt. Das geschieht allerdings in größeren Mengen: „Es gibt Fünf- oder Zehn-Liter-Kanister“, erklärt er.

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Clemens Reuther, Inhaber der Marien-Apotheke in Prien, produziert ebenfalls fleißig das begehrte Mittel. „Wir versuchen momentan, den Bedarf unserer Kliniken von München bis Berchtesgaden, die wir sonst beliefern, zu decken. Letzte Woche waren es 600 Liter, die hergestellt und ausgeliefert wurden“, sagt er.

Die nötigen Ausgangsstoffe für Desinfektionsmittel würden aber merklich knapp. „Peu á peu kommt immer mal wieder etwas rein, aber es wird schwerer, daran zu kommen.“ Die Produktion finde nebenbei statt, in einer extra Abteilung. „Da habe ich ein paar Mitarbeiter umgeschichtet.“

Für Reuther gehe es primär darum, die Kliniken zu versorgen und zu schützen. „Wir versuchen, dass die sich weiter über Wasser halten können.“ Über entstandene Kosten und den Mehraufwand mache er sich jetzt noch keine Gedanken. „Für die Gesundheit mache ich das gerne“, bekräftigt er.

Kleinbrennereien: Wir wollen helfen!

Kleinbrennereien in der Region, wie die am Wachingerhof in Bad Feilnbach, können keinen Alkohol für die Produktion der Desinfektionsmittel herstellen.

Das habe laut der Geschäftsführerin des Südostbayerischen Verbandes der Obst- und Kleinbrenner folgenden Grund: „Kleine Betriebe können gar nicht das reine Ethanol produzieren, das laut gesetzlicher Vorgaben vorgeschrieben ist. Sie haben die sogenannten Rektifikationsanlagen nicht, die zur Hochreinigung des Alkohols notwendig sind“, erklärt Andrea Westenthanner.

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Dieser Schritt müsste aber unbedingt gemacht werden, bevor der Alkohol an Apotheken geliefert werden könne. „Momentan wird noch geprüft, ob Alkohol aus Kleinbrennereien für Flächendesinfektionsmittel hergenommen werden darf“, so Westenthanner.

„Ich hoffe, dass die Freigabe bald kommt. Wir Kleinbrenner würden gerne an der ganzen Sache mitwirken, da wir ja gleich vor Ort sind“, betont sie.

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