Innkaufhaus

Ein Magnet der Einkaufsstadt Wasserburg: Das etwas andere Kaufhaus wird 50

Drei Generationen einer Wasserburger Kaufhausfamilie: Tobias und Sibylle Schuhmacher mit ihren Kindern Kalle und Pippa sowie Firmengründer Manfred Gerer (rechts).
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Drei Generationen einer Wasserburger Kaufhausfamilie: Tobias und Sibylle Schuhmacher mit ihren Kindern Kalle und Pippa sowie Firmengründer Manfred Gerer (rechts).
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Seit Jahren geht das Kaufhaussterben um. Und mit den leer stehenden Warenhäusern bluten die Innenstädte aus. Doch es gibt Positivbeispiele: Das Innkaufhaus Wasserburg, das 50-jähriges Bestehen feiert. Ein Jubiläum, das nur möglich wurde, weil die Inhaber es anders machen als die große Konkurrenz.

Wasserburg – Kunden, die im Schlussverkauf den Laden stürmten, Neugierige, die sich die Nase an den Schaufensterscheiben platt drückten: So hat 1970 die Karriere des Innkaufhauses begonnen. In der Blütezeit der Konsumtempel hat Gründer Manfred Gehrer, Vater der jetzigen Mitinhaberin Sibylle Schuhmacher, das Warenhaus eröffnet.

Auf vier Etagen gab es 1970 alles

Gerer stammt aus einer Wasserburger Kaufmannsfamilie: Seine Mutter hatte ein Textilgeschäft, der Vater war Viehhändler, der Bruder führte ein Kaufhaus in Traunreut. Gerer wollte eigentlich Opernsänger werden, doch mit 17 musste er runter vom Gymnasium, eine Lehre in einem Männermodengeschäft in München beginnen. Zurück in Wasserburg zeigte sich beim Einstieg ins Geschäft, dass doch Kaufmannsblut in seinen Adern floss.

Als aus dem Kino ein Kaufhaus wurde

Als der Eigentümer des Wasserburger Lichtspiele in den Ruhestand trat, verwandelte Gerer das Kino in ein Kaufhaus. Auf vier Etagen ab es alles: vom Hausschuh bis zum Kochtopf, von Süßwaren bis zu Parfüm. „Die Leute waren ganz verrückt nach unseren Waren“, erinnert sich der Gründer. „Der Nachholbedarf nach dem Krieg war groß, die Menschen waren nicht so gesättigt wie heute.“

Doch auch schon damals lief das Geschäft nicht von allein. „Ich habe es den Kaufhäusern in den Großstädten nachgemacht und viel Action geboten“, sagt Gerer. Die Miss Germany hielt im Innkaufhaus Hof, Rekord-Torhüter Sepp Maier gab Autogramme. Das Kaufhaus als Eventlocation.

Tochter des Gründervaters sagt: „Papa, wir machen das.“

2002 übergab der Gründer das Geschäft an seinen Neffen, später führte dessen Ehefrau das Warenhaus weiter. 2016 schlossen sich jedoch die Türen. Die Wasserburger waren geschockt. Die Altstadt ohne Innkaufhaus: Das ging gar nicht. Dies hatten sie nur einmal erlebt – 1998, als das Warenhaus in Flammen stand und drei Monate geschlossen bleiben musste.

Warten auf einen Star-Kunden: Menschenmassen vor den Türen, weil Torwart Sepp Maier kommt.

Als es 2016 hieß, aus dem Kaufhaus würde nun ein Ärztezentrum, hagelte es Leserbriefe. Doch dann kochte es wieder hoch, das Kaufmannsblut. Gerers Tochter Sibylle aus New York, wo sie bei einem Softwareunternehmen arbeitete, signalisierte mit Ehemann Tobias, Politologe und IT-Verkäufer: „Wir machen das.“ Der Vater und Schwiegervater fiel aus allen Wolken – „bis heute kommt dies einem Wunder gleich“, sagt der Senior.

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Er hat es Tochter und Schwiegersohn sofort zugetraut – auch aus einem ungewöhnlichen Grund. „Die beiden sind unbelastet, haben Einzelhandel nicht gelernt, sind Quereinsteiger. Sie schauen bis heute auf ihr Kaufhaus aus der Sicht des Konsumenten.“ Der Firmengründer tat etwas, wofür die Schuhmachers ihm bis heute dankbar sind: Gerer hielt sich raus. „Ich mische mich nicht ein, die beiden sind ein Glücksfall, die machen das schon.“

Gestärkt durch das Urvertrauen des Gründervaters führen die Schuhmachers seit drei Jahren das Haus mit seinen 30 Mitarbeitern Ihr Motto: Flexibel sein, sich was trauen, ausprobieren. Stur halten sie nicht fest an einem Warensortiment. Alles – so wie in den Pionierzeiten – gibt es im Innkaufhaus nicht mehr: keine Haushaltswarenabteilung mehr, die ein ganzes Stockwerk einnimmt, dafür Regale mit ausgewähltem Porzellan und Geschenkartikeln. „Wir sind kein typisches Kaufhaus“, sagen die Schuhmachers – „wir sind ein Innovationshaus“.

In der Corona-Krise verwandelten sie die große Kofferabteilung in eine Feinschmeckerecke. Weil viele Kunden Masken nähen, wurde die Kurzwarenabteilung aufgestockt. Auch Fehler sind erlaubt: Die CD- und DVD-Abteilung war so einer. Überhaupt: „Wir haben auch viel Lehrgeld gezahlt“, sagt Sibylle Schuhmacher.

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Schlange standen die Wasserburger am 18. Oktober 1970 bei der Eröffnung.

Ehemann Tobias ist überzeugt. Über den Preis könnten sie die Kunden in Zeiten der Online-Konkurrenz nicht gewinnen – aber über Service, Einkaufsambiente und Produkte, die etwas Besonderes darstellen würden, aufgrund ihres Designs, ihrer Nachhaltigkeit oder Innovationskraft. Tobias Schuhmacher hat beispielsweise früh auf das Männerthema gesetzt – auf Mode und Accessoires für moderne Kerle, gesehen durch seine Brille.

Sogar die Miss Germany war schon da

Die Miss Germany kommt zwar nicht mehr, aber im Innkaufhaus finden auch weiterhin Events statt – Ausstellungen, Talkrunden, Workshops, Konzerte. Eigentlich, denn Corona hat im Jahr des Jubiläums auch dem Geburtstagshaus schwer zugesetzt. Nach drei schweren Aufbaujahren sollte 2020 ein richtig Gutes werden, „doch die Pandemie dämpft die Freude“, bedauern die Schuhmachers. Mit Online-Verkauf und Lieferservice überstanden sie zwar den Lockdown, doch nach wie vor kämpfen sie mit den Folgen – unter anderem, weil es aufgrund von Produktionsstopps Lieferschwierigkeiten gibt.

Einkaufsstadt Wasserburg: Über Magneten und Sorgen

13 000 Einwohner und ein eigenes Kaufhaus: Das gibt es in kaum einer Kleinstadt in Deutschland. Wasserburg hat sogar zwei Großgeschäfte: dass Innkaufhaus und das Gewandhaus Gruber. Und viele kleine inhabergeführte Läden mit Spezialsortimenten – darunter sogar ein Schallplattengeschäft.

Doch auch die Einkaufsstadt Wasserburg ist in Sorge: „Einzelhandel, Dienstleister und Gastronomie in der Wasserburger Altstadt stehen unter Stress“, warnt der Wirtschaftsförderungsverband (WFV) als Vertreter der Geschäftsleute. In der Tat nehmen auch in Wasserburg die Leerstände zu – nicht nur als Folge von Corona und der Online-Konkurrenz, sondern auch, weil es vielen nicht gelingt, so wie beim Innkaufhaus, die Übergabe an die nächste Generation zu vollziehen.

Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl ist überzeugt: „Das Innkaufhaus hat eine enorme Bedeutung für die Altstadt.“ Das Kaufhaus sei ein Magnet, das Kunden anziehe, auch von außerhalb, das Bewegung in die Stadt bringe. Davon würden auch die übrigen Geschäfte profitieren. Für die Einkaufsstadt sei das Innkaufhaus ein „Glücksfall“.

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