Ein Jahr nach Kathrein-Übernahme durch Ericsson: Rosenheim bleibt Zentrum für Entwicklung

Der Name ist Zufall, nicht Teil der Stellenbeschreibung: Mikael Eriksson ist Ericssons Chef bei Kathrein in Rosenheim.
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Der Name ist Zufall, nicht Teil der Stellenbeschreibung: Mikael Eriksson ist Ericssons Chef bei Kathrein in Rosenheim.

Vor bald einem Jahr übernahm Ericsson den Kernbereich von Kathrein. Schwedische Technik und Rosenheimer Knowhow sollen Ericsson Vorteile im Wettbewerb um die Mobilfunk-Zukunft geben. Ein Rückblick. Und ein Ausblick in turbulenten Zeiten.

Rosenheim – Der Ausblick vom siebten Stock des Kathrein-Turms an der Klepperstraße ist atemberaubend. Man sieht weit übers Land. Über den Himmel eilen Wolken, über die Flanken der Berge im Süden kriecht der Nebel. Mal spitzt ein Gipfel hervor, mal blickt man ins Weiß. Alles ist in Bewegung, alles im Wandel, was einem wiederum eine Menge darüber erzählt, was mit dem Traditionsunternehmen Kathrein und seinem neuen Eigentümer los ist: alles im Fluss, und das seit Corona noch schneller als sonst.

Übernahme von Kathrein als Rettung

Seit beinahe einem Jahr gehört der Antennenhersteller nun zum schwedischen Kommunikationskonzern Ericsson. Eine Übernahme, aber keine feindliche, eher eine rettende. Kathrein war schon länger in Schieflage gewesen, die Lage hatte sich auch mit dem Verkauf einzelner Sparten nicht mehr stabilisieren lassen.

„Wir mussten etwas tun“, sagt Mikael Eriksson, Vice President und Head of Kathrein Mobile Communication at Ericsson. Im Oktober 2019 wurde der Kunde zum Eigentümer. Nach langwierigen Verhandlungen übernahm Ericsson mit dem Kathrein-Antennen- und Filtergeschäft den Kern des Rosenheimer Traditionsbetriebs. Das Ziel: Kathrein stabilisieren, Ericssons Angebot komplettieren. „Das Portfolio vergrößern und wettbewerbsfähiger machen“, so nennt Eriksson die Kombination aus schwedischer Technolgie und Rosenheimer Antennen-Expertise. „Wir schaffen ein stärkeres, wettbewerbsfähigeres Portfolio“ Nicht nur für Kathrein, sondern für Ericsson insgesamt – weil man sich von der Verschmelzung Knowhow und Infrastruktur mehr erhofft als nur die Summe der Teile.

Effizienz heißt auch Stellenabbau

„Wir haben hart gearbeitet“, sagt Eriksson, auch daran, Kathrein finanziell „effizienter“ zu machen. Auch Belegschaft wird abgebaut. 400 Angestellte werden bis April 2021 ihren Job verloren haben. Der Abbau erfolgt auf der Basis eines Freiwilligen Programms, „in enger Abstimmung mit dem Betriebsrat“, wie Eriksson versichert. In Rosenheim werden um die 230 Arbeitsplätze verloren gehen. Man investiert dafür in Forschung und Entwicklung.

Der Konzern will Rosenheim als Zentrum für Antennentechnologie ausbauen, stellt auf diesem Gebiet Mitarbeiter ein. „Wir bekennen uns klar zu Rosenheim“, sagt Mikael Eriksson. 650 Angestellte soll Kathrein Mobile Communication in Rosenheim dann haben, 2450 insgesamt. Man schätze die Zukunft positiv ein. So äußerte sich der Betriebsrat, als die Entscheidungen bekannt wurden.

Ericsson Rosenheim während Corona: Umbau bei voller Fahrt

Die Übernahme und Neuaufstellung von Kathrein unter dem Dach von Ericsson ist zu vergleichen mit dem Umbau eines Schiffes bei voller Fahrt –¨eines Schiffes in schwerer See, wohlgemerkt. Denn nach dem Übergang am 1. Oktober 2019 vergingen bekanntlich nur wenige Monate, bis das Corona-Virus Mensch, Produktionsketten und Wirtschaft befiel. „Das ist auch für uns etwas Neues und Beispielloses“, sagt Eriksson. Zum Beispiel wegen der Herausforderung „Homeoffice“. Eriksson weist mit der flachen Hand in die Runde. „Sie sehen auch hier in diesem Gebäude nicht viele Menschen.“

Eine Herausforderung, diese Pandemie. Dafür aber „sind wir aber auch in der richtigen Industrie“, sagt Eriksson selbstbewusst. Ericsson entwickelt, was Leute enger zusammenbringt – auch in Zeiten von Abstandsgebot. Wo Leibhaftigkeit zum Problem wird, ist virtuelle Realität eine Antwort.

Etwa mit Holo Lens, einer Datenbrille, die einem das Begreifen eines Werkstückes aus der Ferne erlaubt, quasi das Betasten in der Augmented Reality, in der das sinnlich Erlebbare und das vom Computer Geschaffene verschmelzen. So können etwa Ingenieure sich ein Bild machen, ohne sich aus ihrem Zuhause zu entfernen. Leistungsfähiges Internet ist dafür eine Grundvoraussetzung.

Die Zukunft der Ausbildung

Nebenan sitzen Auszubildende mit älteren „Kathreinern“ an Tischchen, man wahrt Abstand und trägt Masken. Es ist der erste Tag der Azubis bei Kathrein Mobile Communication und vorerst ihr letzter Tag im Kathrein-Turm an der Klepperstraße. Für die jungen Mitarbeiter gibt es sozusagen Fern-Ausbildung.

„Wenn es überhaupt etwas Gutes an Corona gibt, dann ist es die Weiterentwicklung beim Home Office“, sagt Eriksson. Vielleicht, so sinniert er, werden gar nicht mehr alle an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren, sondern weiter von zu Hause aus arbeiten. Alles ist möglich, „so lange du die richtige Infrastruktur hast“.

Neue Technik aus Rosenheim spart Platz und bringt Leistung

Und an der baut Ericsson mit, etwa mit 5G-Antennenlösungen mit Technik aus Rosenheim, die nicht nur leistungsstark sind, sondern auch Platz sparen. „Hybrid Air“ und „Interleaved Air“, so heißen die Entwicklungen, Namen, die dem Laien nichts sagen, um so mehr das, was sie bewirken. Einfacher, leistungsfähiger, vielseitiger – die Schweizer Swisscom setzt bereits auf diese Technik. Ein Anfang im neuen Standard, bis 2025 soll die Hälfte des Datenverkehrs über 5G laufen.

Wie gesagt, die Aussicht ist gut, in dieser Hinsicht nicht nur vom siebten Stock im Haus an der Klepperstraße, sondern auch vom Homeoffice aus.

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