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E-MOBILITÄT

„E-Bikes brauchen eine größere Lobby“

Corratec-Gründer Konrad Irlbacher auf dem „Life S“: Es war nicht sicher, wie das E-Bike in diesem Design vom Markt angenommen würde. sen
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Corratec-Gründer Konrad Irlbacher auf dem „Life S“: Es war nicht sicher, wie das E-Bike in diesem Design vom Markt angenommen würde. sen

Für Konrad Irlbacher sind motorisierte Fahrräder nicht mehr wegzudenken aus der neuen Welt der Elektromobilität. Als der Markt für E-Bikes noch klein und unsicher war, fing er mit dem Bau eigener Modelle an. Seitdem hat sich viel getan.

Raubling – Ist eine Großstadt wie München ohne ihre Staus und ohne Parkplatzprobleme vorstellbar? Oder dass abends nicht genervte Autofahrer Stoßstange an Stoßstange im Verkehr stecken, sondern eine Schar von Radfahrern Richtung Heimat kurven? Vielleicht fährt auf jedem Rad nicht nur eine, sondern zwei oder sogar mehr Personen.

Konrad Irlbacher kann sich solche Szenen vorstellen. Er denkt dabei nicht an gewöhnliche Fahrräder, die in Zukunft das Straßenbild prägen könnten, sondern an E-Bikes, elektronisch angetriebene Räder – wäre das nicht eine wunderbare Sache, umweltschonend, platzsparend, gut für die Gesundheit? Der Raublinger (Fahrrad-)Visionär und Unternehmer, der 1990 die Sportrad- und Technologieschmiede Corratec gründete, liegt mit seiner Idee von der E-Bike-Stadt gar nicht so fern der Realität. Denn laut einer aktuellen Studie eines der führenden Hersteller von E Bike-Antrieben, Bosch, könnte in zehn Jahren schon jedes zweite Rad eines mit Elektromotor sein. Nun hat Bosch als Lieferant ein Interesse an solchen Prognosen; doch auch der deutsche Zweirad-Industrie-Verband (ZIV) bescheinigt dem E-Bike eine rollende Zukunft: Rund 680 000 solcher „Pedel-e-cs“ sollen sich 2017 in Deutschland verkauft haben, zwölf Prozent mehr als 2016. In ganz Europa waren es 2016 gut 1,7 Millionen E-Bikes. Im Jahr 2027 könnten 2,1 Millionen E-Bikes durch Deutschland radeln; das wäre die Hälfte aller verkauften Fahrräder. Irlbacher findet, es sei an der Zeit, dass Elektrofahrräder eine einflussreichere Lobby bekommen.

Konstruktion muss mit Kreativität mithalten

Er hat vor fünf Jahren auf den richtigen Drahtesel gesetzt; umgesattelt hat der erfolgreiche Fahrradproduzent freilich nicht – aber die Elektro-Fahrräder nähmen mittlerweile gut 60 Prozent des Geschäfts in Anspruch. „Dabei war gar nicht klar, ob das gut gehen würde“, erinnert sich Irlbacher an die Anfangszeiten der hauseigenen E-Bike-Entwicklung.

Es ging gut. Ende 2017 meldete Corratec den rekordverdächtigen Verkauf des 35 000. E-Bikes der eigenen, gleichnamigen Marke. Bemerkenswert sei das deshalb, erzählt Irlbacher, weil Corratec mit rund 150 Mitarbeitern und Produktion vor Ort kein Branchenriese sei. Aber bekannt ist die oberbayerische Fahrradschmiede in der Szene, sodass durchaus immer mal wieder externe Anfragen in Raubling einträfen, ob man nicht auch E-Bikes für sie herstellen könnte. Aber Irlbacher will nicht. Es gibt für sein Unternehmen schon genug Herausforderungen: „Die Entwicklungszeiten für Räder und gerade E-Bikes sind wahnsinnig kurz. Wir müssen dem Markt jedes Jahr etwas Neues präsentieren.“ Von der kreativen Seite her sei das für ihn kein Problem: „Es gibt aus meiner Sicht unendlich viele Möglichkeiten, sodass ich mich manchmal selbst bremsen muss. Der Entwicklung sind theoretisch keine Grenzen gesetzt.“ Praktisch schon, denn die E-Bikes müssen nach der Ideenfindung zügig und unter Einhaltung bestimmter Normen konstruiert und gefertigt werden.

Irlbacher geht, wie er sagt, trotz der Bestätigung von außen immer wieder Risiken ein mit seinen E-Bikes, wie bei dem neuen Modell, dem „Life S“. Das sieht ein wenig wie ein Strandcruiser aus, mit tiefem Einstieg und gebogenen Lenkern, die an eine Harley erinnern. Den Motor zum Beispiel, habe er für mehr Stabilität nach vorn verlagert. Hat ein provokantes Werbevideo drehen lassen, mit Hipstern, tätowierten Frauen und einer alten Dame, die allesamt dem Lifestyle des E-Bikes erliegen.

Die Händler wählen – ist das Modell dabei?

Es reiche nicht, ein neues Rad zu konstruieren, man müsse eine Geschichte dazu erzählen können. Für Irlbacher, ein Netzwerker und Charakterkopf, der behauptet, seine Frau sei „schon eher der Businesstyp“ von ihnen beiden, hat namhafte Fans, die seine E-Bikes loben. Ein Extremkletterer aus der Region ist dabei und ein ehemaliger Profi-Boxer, der heute Bürgermeister von Kiew ist.

Darauf verlässt sich Irlbacher nicht: Es könnte ihm trotzdem passieren, dass die Händler – das kritische Tor zum noch kritischeren Kunden –  ein neues, gewagtes Modell wie das „Life S“ verschmähen. Dann hätte Irlbacher ein paar Millionen in den Sand gesetzt – „es kann ruinös sein, das falsche Produkt zum falschen Zeitpunkt zu entwickeln.“

Sein neuestes E-Bike-Modell wurde dann doch gut angenommen und Irlbacher hat kurz aufgeatmet. Längst steckt er schon in Entwürfen für 2019 und 2020. Ein Rennrad-E-Bike soll dabei sein. Irlbacher hält an seinem Kurs fest, es erst einmal bei seinen bisherigen Absatzmärkten vorwiegend in Deutschland, Österreich, der Schweiz und den Benelux-Staaten zu belassen. Er hat durch seinen Motorlieferanten allerdings die Chance, bald in Japan präsent zu sein. In den USA unterhalte Corratec einen kleinen Vertrieb, jedoch sei der Amerikaner skeptisch: „In den USA gab es vor Jahren schon einmal den Trend zum E-Fahrrad, doch die Modelle kamen vorzugsweise aus China“, erzählt er. Die Qualität sei nicht zu vergleichen gewesen mit den E-Bikes, wie sie heute in Deutschland oder Europa hergestellt würden: „Seitdem ist es schwierig, das Vertrauen der amerikanischen Käuferschaft wiederzugewinnen.“

Er wird dran bleiben, an den Amerikanern, aber das sei im Moment nicht oberste Priorität. Lieber lotet er aus, welche Möglichkeiten noch im E-Bike stecken und wo es sich nutzbringend einsetzen lässt: Als Verleih-Modell an Urlauber, etwa auf Mallorca, oder als E-Mountainbike in den Bergen.

Wer denkt, dass einem das E-Bike das Treten abnehme und es nur ein Gefährt für Ältere sei, der irrt: Die Kunden seien größtenteils jung und sportlich. Sie schätzten die Möglichkeit, „mit großer Reichweite Rad zu fahren.“ Das E-Bike bringe einen komfortabel zurück, wenn die Strecke zu weit sei. Und es ermögliche der Ehefrau endlich, mit dem Rennrad fahrenden Gatten mithalten zu können: „Meine Frau kann mich jetzt begleiten, das freut uns beide.“

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