"Das Ding des Jahres" – Die Wasserburger Erfinder sagen:  "Pionier zu sein ist schwierig"

Edna Kleber-Belizário und Ehemann Christoph Kleber haben die plastikfreie Verpackung entwickelt.
  • Heike Duczek
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Der Anfang vom Ende des Plastikverpackung im Einzelhandel könnte in Wasserburg vollzogen worden sein. Wie es dort ein Ehepaar von einer Idee bis mittlerweile zum sehr viel versprechenden Auftritt in der TV-Show "Das Ding des Jahres" geschafft hat, erfahren Sie hier. 

Update 20. Februar 2020:

Das sieht nach einem großen Wurf aus! Die Wasserburger Erfinder des "Nachhälters" werden gerade über die Show "Das Ding des Jahres" mindestens deutschlandweit bekannt. 

Am 4. März wollen die beiden das Preisgeld holen und den Weg bereiten, dass die biologisch abbaubare Verpackung in die Massenproduktion geht.

Der Weg zum Start Up-Unternehmen

Ihre Erfindung, das wünschen sich die beiden, soll mithelfen, das Ende der Ära Plastkitüte endgültig zu besiegeln. Wir haben sie noch vor ihren Fernseh-Auftritten in Wasserburg getroffen. Dort erzählten uns Edna Kleber-Belizário (32) und Ehemann Christoph Klebe (35), wie sie – in unzähligen Arbeitsstunden – die Idee zur kompostierbaren Verpackung entwickelt haben.  

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1. September 2019:

Wasserburg – Glasklar sind sie, schauen aus und knistern wie herkömmliche Plastikbeutel, sind es aber nicht, weil zu hundert Prozent biologisch abbaubar und kompostierbar. Die Tüte, die keine ist, besteht eigentlich aus Holz.

Mikroplastik-Problem wird beiden zum ersten Mal in Brasilien bewusst

Die Idee für die Verpackungsrevolution entstand jedoch nicht in Wasserburg, sondern in Brasilien. Ausgerechnet hier – in einem Land, dessen Präsident derzeit dem Klimaschutz deutlich die kalte Schulter zeigt – beschäftigten sich die Geschäftsgründer Christoph Kleber (36), ein gebürtiger Wasserburger, und seine brasilianische Ehefrau Edna Kleber-Belizário (32) vor zehn Jahren zum ersten Mal mit der Plastikproblematik.Es war die heute 32-jährige Edna, die ihren Freund Christoph auf die Problematik Mikroplastik hinwies. Die Brasilianerin hatte in ihrer Kindheit und Jugend viel Zeit auf dem Biohof ihrer Großeltern verbracht.

Durchsichtig, reißfest:Der Beutel schaut aus wie eine Plastiktüte, besteht aber aus gepressten Holzresten. Markenzeichen: die Naht als Verschluss. re

Ihr Vater war Pharmazeut, „der kannte sich gut aus mit Plastik und hat schon ganz früh vor den Folgen für die Umwelt und die Menschheit gewarnt“, berichtet sie. Eine Plastiktüte hat sie als Kind und Jugendliche kaum in der Hand gehabt, zum Einkaufen ging es immer mit Jutetaschen. Beim Kindergeburtstag wurden Luftballons aus Kautschuk aufgeblasen. Spielzeug war aus Holz oder aus Materialien, die die Natur anbot.

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Plastik bestimmt in Deutschland den Lebensalltag

Christoph Kleber nennt sich jedoch „einen typischen Vertreter des Plastikzeitalters“: Flaschen, Tüten und Behälter aus Kunststoffen jeglicher Art bestimmten seinen Lebensalltag, bevor er seine Frau kennenlernte. Nach einem Jahr in Brasilien war – dank vieler Diskussionen mit der Familie der Ehefrau – sein Problembewusstsein geschärft.

Blick in den Werksverkaufsladen „Grünkunft“ am Wasserburger Marienplatz.

Für ihn stand fest: „Die Plastikverpackung ist das wohl größte von Menschen geschaffene Problem der Neuzeit.“ Doch ein Zurück in den Kramerladen von früher, in dem alles offen verkauft wird, kann es auch nicht geben, war Christoph Kleber überzeugt. Der Architekt beschloss, einen Lösungsversuch zu versuchen. Mit seiner Frau forschte er nach, welche Ansätze bereits vorhanden sind.

Folien aus Biomasse wie Maisstärke beispielsweise – „doch hier gibt es keine Garantie auf Gentechnikfreiheit“. Im Innern von elektronischen Bauteilen werden Zellstofffolien aus Schnittabfällen der Forstwirtschaft bereits zur Isolation eingesetzt, stellte das Paar schließlich bei seinen Nachforschungen fest. Doch diese Folien aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz sind nicht verschweißbar. Die plastikfreie Tüte, so stellte sich heraus, ist nicht das Problem, sondern der Verschluss.

Verpackung zunähen statt verschweißen

Verkleben geht nicht – die Aushärtungszeit ist zu lang. Schließlich entstand die Idee einer Nahtlösung – mit einem pflanzlich gefärbten Papierstreifen und einem Biobaumwollfaden. Dieser Verschluss ist das Markenzeichen der Grünkunft-Verpackung. Sie hat nach Angaben der Klebers einen Design-Schutz.

In die Beutel, die aussehen, als wären sie aus Plastik, aber aus extrem zusammengepressten Holzresten aus zertifizierter nachhaltiger Forstwirtschaft entstehen, können nur trockene Produkte abgefüllt werden. Denn die Bio-Folienverpackung ist begrenzt feuchtigkeitsbeständig, berichtet Christoph Kleber.

Wie Plastik, aber ess- und kompostierbar

Nach einigen Stunden im Feuchten löst sie sich auf zu einer gelatineförmigen Masse. Die übrigens essbar ist – schmeckt jedoch nach nichts. Im Rosenheimer Erdenwerk löste sich die Folie bei Tests innerhalb von drei Wochen ins Nichts auf. Für die Entwicklung der Tüte ohne Plastik haben Christoph und Edna Kleber-Belizário vier Jahre lang gekämpft – nach dem Prinzip „try and error“, erzählen sie schmunzelnd. Die Erfinder forschten, probierten, testeten und analysieren daheim auf dem Küchentisch, auf der Terrasse und im Komposthaufen im Garten.

Vor der TV-Show stand der Werksverkauf

Eigentlich sollte der „Nachhälter“, wie die Folie genannt wird, nicht im eigenen Laden, sondern im Großhandel durchstarten. Doch um den Bekanntheitsgrad zu erhöhen, entschieden sich die Klebers schließlich für „einen Werksverkauf“ – im Geschäft in Wasserburg.

Denn das Konzept der Verpackung hat einen großen Erklärungsbedarf, stellten die Inhaber fest. Seit eineinhalb Jahren verkaufen sie deshalb am Marienplatz in Wasserburg nicht nur etwa 1000 Naturkost- und Hygieneprodukte, Geschenkartikel und Haushaltswaren ohne Plastikanteil – darunter Strohhalme aus Edelstahl, Wachs- statt Alufolien für die Frischhaltung sowie biologisch abbaubare Putzmittel, die ebenso wie Flüssigwarten in Mehrweg- und Pfandbehältern im Laden abgefüllt werden. Die Klebers informieren auch über ihre besondere Folie für Trockenprodukte wie Müsli, Reis, Nudeln und Nüsse. Monatlich werden im Lager in Rott etwa 10 000 Produkte plastikfrei verpackt – für den Laden in Wasserburg, den täglich bis zu 100 zahlende Kunden besuchen, für das Online-Geschäft und 25 Handelspartner, die meisten von ihnen in Bayern. 

CO2-Ausstoß geringer als bei Plastikherstellung

Bald eröffnet in Luxemburg ein erster internationaler Standort über einen Vertriebspartner. Die Produktion der Folie erfolgt in München – nach einer Rezeptur, die das Geheimnis der Klebers bleibt. Eins steht jedoch fest: mit 40 Prozent weniger CO2-Ausstoß bei der Herstellung als bei einer vergleichbaren Plastikfolie.

Klingt nach einer Erfolgsstory, ist es auch – „doch Pionier zu sein, ist schwierig“, stellten die Klebers auch fest.„Es war und ist ein Kampf.“ Das Paar kennt keinen Acht-Stunden-Tag – und hat gelernt, „immer wieder aufzustehen und weiterzumachen.“

Vom Architekten zum Unternehmer

Christoph Kleber widerstand Angeboten seiner früheren Firma, wieder fest angestellt als Architekt zu arbeiten, „ich bin jetzt mit Leib und Seele Unternehmer“, sagt er. „Und das ist anstrengend, ja, aber es fühlt sich richtig an“, findet Edna Kleber-Belizário – auch mit Blick auf die beiden Kinder im Alter von fünf und zehn Jahren. Mama und Papa haben vielleicht dazu beigetragen, dass Plastikbeutel und -tüte als Verpackung aus den Regalen verdrängt wird.

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