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Digital regional in Rosenheim: Das steckt hinter den „Marktschwärmern“

Tagsüber Café, abends Verkaufsfläche für regionale Lebensmittel: Das Stellwerk 18. Michael Huber und Stephanie Wimmer sind die Gastgeber am Standort Rosenheim.
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Tagsüber Café, abends Verkaufsfläche für regionale Lebensmittel: Das Stellwerk 18. Michael Huber und Stephanie Wimmer sind die Gastgeber am Standort Rosenheim.
  • vonAnna Hausmann
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Es gibt sie schon in Frankreich, Belgien und den Niederlanden: Nun kommt eine sogenannte Schwärmerei nach Rosenheim. Was es mit der Plattform auf sich hat und wie man richtig „schwärmt“, erklären die Gastgeber Stephanie Wimmer und Michael Huber im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.

Rosenheim – Online bezahlt, vor Ort abgeholt: Auf der Internet-Plattform „Marktschwärmer“ können Kunden mit wenigen Klicks regional einkaufen und anschließend direkten Kontakt zu den Landwirten haben. Die Plattform, die sich seit neun Jahren europaweit bewährt, soll nun nach Rosenheim kommen. Die Samerbergerin Stephanie Wimmer (24) will zusammen mit ihrem Business-Partner Michael Huber (26) eine „Schwärmerei“ in Rosenheim eröffnen. Der zukünftige Verkaufsort: das Café des digitalen Gründerzentrums Stellwerk 18.

Wocheneinkauf statt Cafébetrieb

Wo Kaffee und Gerichte über den Tresen gehen, soll jeden Donnerstag von 18 bis 20 Uhr mit Lebensmitteln frisch vom Hof gehandelt werden. „Wir wollen das komplette Sortiment für den wöchentlichen Einkauf abdecken“, erklärt Stephanie Wimmer, zukünftige Gastgeberin der „Schwärmerei“.

Die Vision: Alternative zu den Supermärkten

Wimmer selbst ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, kennt regionale Produkte von klein auf. Nach dem Abitur hat es sie nach Regensburg verschlagen, dort studierte sie die BWL-Studiengänge „European Business“ und „Digitale Unternehmensgründung“. Die Liebe zur Heimat blieb aber. Mit „Marktschwärmer“ möchte sie zusammen mit Michael Huber eine Alternative zum Supermarkt schaffen. „Normalerweise müsste man zu jedem Hofladen einzeln hinfahren. Das geht auch einfacher.“

Abholung im Markt

Über die Webseite „Marktschwärmer“ kann jeder Erzeuger ein eigenes Profil erstellen und seine Waren zeigen. Der Käufer kann diese in seinen digitalen Einkaufskorb legen und online bezahlen. Aber nur bis zwei Tage vor Verkauf. „Die Erzeuger können das Gemüse und Obst vielleicht sogar noch frisch ernten.“ Abgeholt wird die Bestellung im Markt.

Für die Landwirte gebe es keinen Grund zur Sorge, beruhigt Wimmer: Die Gastgeber unterstützen die Verkäufer. „In anderen Städten klappen die Schwärmerein schon sehr gut – warum nicht auch in Rosenheim?“

Erfahrungen im Start-Up-Bereich

Nicht zum ersten Mal startet die Samerbergerin ein Projekt, um den Dialog von Stadt und Land zu stärken. Mit ihrem Start-Up StadtlandGut organisiert sie bereits Events auf verschiedenen Bauernhöfen. Mit dem Rosenheimer Wirtschaftsingenieurwesen-Studenten Michael Huber hat sie nun einen Unternehmenspartner gefunden, der ihre Vision teilt.

Sechs feste Zusagen

Bis jetzt hat die Rosenheimer „Marktschwärmerei“ sechs feste Zusagen von Erzeugern: Die Fischerei „Thomas & Florian Lex“ von der Fraueninsel, die „Gärtnerei Gustererhof“ aus Großkarolinenfeld und die „Gärtnerei Jolling“ aus Bad Endorf. Der „Donisihof“ aus Stephanskirchen liefert Eier, Nudeln und Eierlikör und das „Finkennest“ Schonstett sorgt für verschiedene Brot- und Mehlsorten. Zuletzt hat sich die Biometzgerei „Simsseer Weidefleisch“ für eine Zusammenarbeit angeschlossen. Bis zur geplanten Eröffnung im November sind die Initiatoren noch auf der Suche nach weiteren interessierten Erzeugern. Bis jetzt fehlten noch Feinkost, Milch und Käse.

Erzeuger sind flexibel

„Zugegebenermaßen, die Schwärmerei ist für uns eine idealistische Sache“, so Wimmer. Denn selbst in gut laufenden Schwärmerein verdienten die Gastgeber etwa so viel wie in einem Minijob. Bei Marktschwärmer kauft der Kunde direkt vom Erzeuger, wie das Netzwerk auf seiner Webseite schreibt. Kosten für Zwischenhändler oder Marktgebühren gebe es nicht. Der Erzeuger legt den Verkaufspreis seiner Produkte selbst fest. Vom Nettoumsatz gibt der Erzeuger eine Servicegebühr in Höhe von 18,35 Prozent ab – einen Anteil davon erhält der Gastgeber seiner lokalen Schwärmerei, den anderen das Marktschwärmer-Team. Für die Landwirte gebe es keinen Druck, sagt Wimmer: „Sie müssen nicht jede Woche liefern, sondern können ihr Angebot wöchentlich an ihren Bestand anpassen.“

Regionale Produkte funktionieren

Dass regionaler Zusammenhalt wichtig ist, weiß auch Sebastian Friesinger, Vorsitzender des Vereins RegRo und der RegRo-Vermarktungs-GmbH. Vor über zehn Jahren hat RegRo Produkte über 190 regionaler Landwirte bei Edeka-Supermärkten gelistet. Für den Käufer sind diese mit dem „Nimm’s RegRonal“-Gütesiegel gekennzeichnet. Unterstützung bekam der Verein damals von der Stadt und dem Landkreis Rosenheim. Friesinger ist überzeugt: „Nahversorgung bedeutet Lebensqualität.“

Bauernverband: Online ist die Zukunft

Josef Bodmaier, Kreisobmann des Bauernverbandes im Landkreis Rosenheim, zeigt sich verhalten: Im Landkreis Rosenheim gebe es schon viele regionale Verbindungen, die gut funktionieren. „Für neue Projekte wird es sicher nicht einfacher, das Angebot könnte schnell unüberschaubar werden.“ Für Verbraucher sei es oft umständlich, wenn sie nicht alles von einer Stelle kaufen könnten. Deshalb seien auch die zentralen Wochenmärkte in der Region so beliebt. Bodmaier ist sich dennoch sicher: „Onlinehandel ist die Zukunft.“ Ihr könne man sich nicht verwehren. Es bleibe abzuwarten, wie die Direktvermarkter das Angebot nutzen werden.

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