Dank Last-Minute-Deal

Der Brexit trifft auch die Privatmolkerei Bauer in Wasserburg - vorerst sorgenfrei

Aus und vorbei – mit Folgen für den Export auch von regionalen Unternehmen wie der Molkerei Bauer aus Wasserburg: Die EU-Flagge und die britische Nationalflagge wehen nicht mehr gemeinsam vor dem britischen Parlament im Palace of Westminster.
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Aus und vorbei – mit Folgen für den Export auch von regionalen Unternehmen wie der Molkerei Bauer aus Wasserburg: Die EU-Flagge und die britische Nationalflagge wehen nicht mehr gemeinsam vor dem britischen Parlament im Palace of Westminster.
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Großbritannien ist der größte Absatzmarkt für den Export der Privatmolkerei Bauer mit Hauptsitz in Wasserburg. Ein harter Brexit hätte für das Unternehmen „ein Horrorszenario“ bedeutet, wie Geschäftsführer Michael Ohlendorf betont. Der Last-Minute-Deal mit der EU hat die Sorgen – vorerst – aus dem Weg geräumt.

Wasserburg – „Der englische Markt bleibt – vorerst – eine planbare Größe“, sagt Michael Ohlendorf, Geschäftsführer der Privatmolkerei Bauer, angesichts des ausgehandelten Abkommens, das für fünf Jahre gilt, erleichtert.

Handelsbeziehungen bleiben zollfrei

Viele Nächte hat sich der Geschäftsführer mit seinem Team in den vergangenen Wochen um die Ohren gehauen, um alle möglichen Szenarien für die Handelsbeziehungen mit dem Vereinigten Königreich durchzuspielen und einen Notfallplan zu erstellen. „Wir waren schon sehr beunruhigt“, sagt er angesichts des Hickhacks um die Vertragsdetails, „das war ein Spiel mit dem Feuer“.

Bauer-Geschäftsführer Michael Ohlendorf ist erleichtert, dass es zu keinem harten Brexit kam.

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Heiligabend dann der Durchbruch mit Einigung auf ein Abkommen. „Ein Deal“, der zur Freude von Ohlendorf dafür sorgt, dass die Handelsbeziehungen zoll- und quotenfrei bleiben. Auch die Sorge, Exporteure wie die Molkerei Bauer müssten für jede Lieferung extra ein veterinärrechtliches Zeugnis einholen, wurde zerstreut.

„Versandabwicklung wird mehr Zeit erfordern“

Trotzdem rechnet Ohlendorf mit Konsequenzen: „Die Versandabwicklung wird mehr Zeit als vor dem Brexit erfordern.“ Auch die Transportkosten würden sich vermutlich um fünf bis zehn Prozent erhöhen – „mal sehen, ob wir als Hersteller oder die englischen Partner dies ausbaden müssen“. Fest steht in seinen Augen außerdem: „Der englische Verbraucher zahlt in Zukunft mehr für Lebensmittel, die aus dem Ausland kommen.“

Wie sich der Absatz entwickeln wird, sei noch nicht abschätzbar. Lebensmitteldiscounter wie Aldi und Liedl hätten sich in den vergangenen Jahren stark engagiert im Vereinigten Königreich. Auch die Privatmolkerei Bauer hatte die Insel schon vor Jahren als wichtiges Exportland entdeckt. 2020 wuchs der Umsatz hier sogar im zweistelligen Bereich, berichtet Ohlendorf. Bauer-Produkte hätten sich gut durchgesetzt in England, auch weil es hier starke Partner für das Wasserburger Unternehmen als Brückenkopf gebe.

Gefragt im Vereinigten Königreich: Bauer-Großbecher

Gefragt seien im Vereinigten Königreich Milchprodukte mit hohem Fettgehalt ebenso wie zuckerreduzierte Ware. „England ist außerdem eher ein Großbechermarkt“.

Der Exportanteil bei der Privatmolkerei Bauer beträgt zehn Prozent. Ein Drittel davon geht in das Vereinigte Königreich. Der Gesamtumsatz liegt bei etwa 350 Millionen Euro.

Der Transport wird schwieriger

Das mit der EU ausgehandelte Abkommen gilt für fünf Jahre. „Durch das Riesenvertragswerk müssen wir uns auch erst durcharbeiten“, berichtet Ohlendorf. Doch so viel sei klar: Der Transport werde trotz der Tatsache, dass keine Zölle und Quoten erhoben würden, schwieriger.

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Auf dem Rücken der Speditionen und ihrer Lkw-Fahrer sei das „Pokerspiel“ bei den Verhandlungen mit der EU ausgetragen worden, bedauert Ohlendorf angesichts der Schlangen gestrandeter Lieferwagen an der Grenzen kurz vor Weihnachten. Die Verunsicherung zu „abenteuerlichen Preisen“ für Transporträume geführt.

IHK im Interview: „Der Handel wird nicht mehr so einfach ablaufen“

Jens Wucherpfennig, Leiter der IHK-Geschäftsstelle Rosenheim, zum Brexit und zu seinen Auswirkungen auf die Unternehmen in der Region:

Die IHK München und Oberbayern hat extra einen Ratgeber „Startklar für den Brexit“ herausgegeben und eine Hotline eingerichtet. Wie groß ist der Beratungsbedarf bei den Mitgliedsunternehmen?

Jens Wucherpfennig: Viele Unternehmen haben sich seit Monaten so gut es ging auf den Brexit vorbereitet, dennoch sind viele Fragen trotz des jüngsten Abkommens zwischen der EU und Großbritannien noch immer ungeklärt und so ist der Beratungsbedarf bei den heimischen Unternehmen enorm. Insbesondere beim Zollrecht liegen die neuen Regelungen jetzt zwar vor, aber es gibt noch immer offene Fragen, wie die praktische Umsetzung sowohl bei den Betrieben, vor allem im verarbeitenden Gewerbe, und den Zollbehörden aussehen wird. Die IHK für München und Oberbayern informiert auf ihrer Webseite immer fortlaufend über aktuelle Regelungen sowie die derzeit geltenden Bestimmungen für die wirtschaftlichen Beziehungen. Der umfassende Online-Ratgeber gibt klare Handlungsempfehlungen für betroffene Betriebe. Seit Bekanntgabe der Einigung auf ein gemeinsames Abkommen an Heiligabend wurde unser Brexit-Kapitel auf der Webseite rund zweitausend Mal geklickt. Unsere Expertinnen und Experten stehen den Unternehmen bei den unterschiedlichsten Fragen auch persönlich zur Seite. Seit dem Jahreswechsel haben wir pro Tag rund 50 Anfragen zum Brexit.

Welche Bedeutung hat der Handelspartner Großbritannien bei den Unternehmen in Oberbayern?

Wucherpfennig: Großbritannien ist ein wichtiger Handelspartner Bayerns – daran wird auch der Brexit nichts ändern. Zuletzt lag Großbritannien bei den Exportländern der bayerischen Wirtschaft auf dem sechsten Platz. Im Jahr 2015, also vor dem Brexit-Referendum, war Großbritannien noch der zweitwichtigste Exportmarkt von Bayern. Bayerische Firmen unterhalten eng verflochtene Handelsbeziehungen und Lieferketten mit Großbritannien und betreiben dort rund 460 Niederlassungen. Diese beschäftigen rund 70.000 Mitarbeiter, die einen jährlichen Umsatz von 42 Milliarden Euro erwirtschaften. Britische Unternehmen haben im Freistaat 273 Niederlassungen und beschäftigen rund 45.000 Mitarbeiter. Einer Studie zufolge hängen in Bayern rund 80.000 Arbeitsplätze direkt oder indirekt vom Exportgeschäft mit Großbritannien ab. Eine im Auftrag der IHK für München und Oberbayern erstellten Studie des ifo-Instituts hat ergeben, dass ein Brexit mit einem ambitionierten Freihandelsabkommen Bayern langfristig 0,09 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kosten könnte, ein Verlust von 535 Millionen Euro jährlich.

Die Exporte nach Großbritannien sind schon in den vergangenen beiden Jahren gesunken. Wie wird sich der jetzt vollzogene Brexit Ihrer Einschätzung nach weiter auswirken?

Wucherpfennig: Großbritannien bleibt für Bayern auch in Zukunft ein wichtiger Handelspartner. Das Abkommen sorgt dabei für geordnete Verhältnisse und Planungssicherheit in den künftigen Wirtschaftsbeziehungen. Klar ist aber, dass es ab 2021 zu großen Veränderungen im gemeinsamen Handel kommen wird, denn Großbritannien scheidet aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion aus. Der freie Personen-, Waren-, Dienstleistungs- und Kapitalverkehr mit der EU ist beendet, eine Zollgrenze trennt von nun an das Vereinigte Königreich und die EU. Damit verbunden sind Zollanmeldungen für Exporte und Importe, administrativer Aufwand für die Zollverwaltung, Wartezeiten von Lastwagen sowie Kosten für die Erstellung der Fracht-Dokumente.

Wie beurteilt die IHK das am 24. Dezember nach langem Tauziehen vereinbarte Handelsabkommen?

Wucherpfennig: Aus Sicht der Wirtschaft ist es gut und richtig, dass doch noch ein Abkommen zustande gekommen ist. Unter anderem soll es faire Wettbewerbsbedingungen sicherstellen, etwa dass Großbritannien ein hohes Schutzniveau beispielsweise beim Umweltschutz, bei den Sozial- und Arbeitnehmerrechten und der Steuertransparenz einhalten muss. Hätte man sich nicht mehr geeinigt, wären die Risiken eines ungeregelten Brexits weitaus schlimmer gewesen. Aber das Abkommen zwischen EU und Großbritannien wird sich erst im Alltagstest beweisen müssen, denn jetzt gilt es die vereinbarten Regeln und noch offenen Detailfragen für die Wirtschaft praxistauglich umzusetzen.

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Was sind die wichtigsten Konsequenzen für Unternehmen aus Oberbayern, die nach Großbritannien exportieren?

Wucherpfennig: Der Handel wird nicht mehr so einfach und barrierefrei ablaufen. Es drohen mehr Zollbürokratie, höhere Kosten und Verzögerungen durch längere Wartezeiten an der Grenze. Was das bedeuten kann, haben wir erst vor Kurzem gesehen, als der Grenzverkehr zwischen Frankreich und Großbritannien wegen der hochansteckenden Coronavirus-Mutation zum Erliegen kam. Wir gehen davon aus, dass es ähnliche Bilder an der Grenze demnächst öfter geben wird. Das wird die bilateralen Wirtschaftsbeziehungen natürlich sehr belasten. Eine Planungssicherheit bei den so wichtigen Just-in-Time-Lieferungen, bei denen keine Lagerung der Ware geplant ist, wird es daher nicht mehr geben. Auch die Dienstleistungsbrache, die elementar für die britische Wirtschaft ist, wird die neuen Regeln zu spüren bekommen. Firmen können mit dem vollzogenen Brexit ihre Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer nicht mehr so einfach und schnell nach Großbritannien schicken; gegebenenfalls muss erst ein Reisepass und ein Visum beschafft werden, außerdem kann eine zusätzliche Krankenversicherung nötig werden. Das wird wohl für viele kleinere Dienstleister das Aus für ihre Großbritannien-Geschäfte bedeuten.

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