Damit statt „Blanchieren“ nicht „Bahnhof“ verstanden wird

Freuen sich auf das Kombi-Modell: Petra Kremer (IHK-Integrationskoordinatorin), Bärbel Marx (Schulleiterin der Berufsschule I Rosenheim) und Thomas Gebert (Bildungsberater der IHK-Geschäftsstelle Rosenheim). IHK

Rosenheim – Wirte legen mehr Ruhetage ein, verringern Öffnungszeiten und verkleinern das Angebot auf der Speisekarte.

Denn es fehlt Personal. Jobs in der Gastronomie gelten als wenig attraktiv angesichts unattraktiver Arbeitszeiten und hoher Arbeitsbelastung.

Mit einem speziellen Ausbildungsprogramm will die IHK München und Oberbayern mehr Fachkräfte für die Gastronomie finden. Ab dem kommenden Schuljahr 2020/21 sollen im Raum Rosenheim Jugendliche mit besonderem Förderbedarf und Flucht- sowie Migrationshintergrund ihre Ausbildung in Gastro- und Hotelberufen im „Kombi-Modell“ absolvieren können. Das heißt: Sprachkurse für berufsspezifisches Deutsch, sozialpädagogische Betreuung, Berufsschulunterricht und betriebliche Ausbildung werden verknüpft.

„Flüchtlinge, die eine Ausbildung machen, sind ein Beitrag im Kampf gegen den Fachkräftemangel“, sagte Wolfgang Janhsen, Leiter der IHK-Geschäftsstelle in Rosenheim. Die größte Barriere auf dem Weg zu einem erfolgreichen Abschluss der Ausbildung sei aber noch immer die Sprache. „Es braucht einfach ausreichend Zeit, um Deutsch zu lernen. Das Kombimodell bietet genau diese Zeit.“

Das Modell trägt den Titel „1 + x = Fachkraft“. Jugendliche bis zum 25. Lebensjahr, die aus ihrer Heimat geflüchtet oder ausgewandert sind, oder solche, die zwar deutsche Muttersprachler sind, aber dennoch schlecht Deutsch sprechen. Die Förder-Auszubildenden werden einen Tag pro Woche mehr in der Berufsschule sein als Regel-Auszubildende. Um den Lerninhalt in den Betrieben zu erreichen, beträgt die Ausbildungszeit ein Jahr mehr. Üblicherweise wird das erste Ausbildungsjahr auf 24 Monate gestreckt.

Meldefrist läuft bisEnde Februar

In der Berufsschule in der Prinzregentenstraße informierte die IHK über das Programm, das vor drei Jahren in Coburg aufgelegt wurde. Daran interessierte Hoteliers und Gastronomen, aber auch Schulen, können sich bis Ende Februar bei der IHK melden. Schließlich wirft diese Art der Kombinations-Ausbildung rechtliche und organisatorische Fragen auf.

Die Erfolge sind aber da: Mehr als 70 Prozent der Geflüchteten schaffen ihre Gesellenprüfung, bei den in Deutschland Geborenen sind es 95 Prozent. Der enorme Einsatz wiegt also die fehlende Kenntnis von deutschen Fachwörtern teilweise auf, wenn es zum Beispiel um ein Wort wie „Blanchieren“ geht. Vor allem vom zweiten zum dritten Ausbildungsjahr ist nach IHK-Angaben üblicherweise ein großer Sprung nach vorne festzustellen.

Die Worte Arbeit und Schutz etwa sind meist im Sprachschatz der Sozialkunde-Schüler, doch für viele Geflüchtete ist es schier unglaublich, diese beiden Begriffe in einen Zusammenhang zu bekommen. Krank sein ist bekannt, Krankenversicherung dagegen eine unerhörte Vorstellung.

Die Leiterin der Berufsschule I Rosenheim, Bärbel Marx, begrüßt die Idee, den Azubis beim Lernen der Sprache mehr Zeit zu geben. „Wir sehen, dass Jugendliche mit Flucht- oder Migrationsprobleme es im Unterricht einfach schwerer haben als ihre Mitschüler. Ich bin überzeugt, dass das geplante Kombimodell ihren Schulalltag und die Ausbildung erleichtern kann. Ich wünsche mir, dass dieses Projekt gut anlaufen wird und in drei Jahren erste gute Ergebnisse bringt.“

Berufsschule alsAnsprechpartner

Petra Kremer, Integrationskoordinatorin der IHK München und Oberbayern, wie auf den Vorteil des Programms für die Betriebe hin, dass sie mit der Berufsschule einen einzigen Ansprechpartner haben und sich nicht selbst um Nachhilfe oder Sprachunterricht kümmern müssen. Die Auszubildenden wiederum profitieren davon, dass sie mit dem Rest der Klasse mithalten können und auch schulische Erfolge haben, denn sie verstehen endlich die gestellten Aufgaben.

Veronika Nagler, Integrationsbeauftragte der IHK Niederbayern, berichtete, in Passau sei mit elf Auszubildenden in zehn Betrieben begonnen worden: „Der Klassenverband mit Schülern aus vielen verschiedenen Ländern trägt unglaublich gut.“

Sie brachte zur Verdeutlichung zwei Videos mit: Im ersten erzählt Herbert Stemp, Betreiber eines Wellness-Hotels, von seinem Betrieb mit 120 Betten, 110 Mitarbeitern, davon 16 Auszubildenden einschließlich eines Azubis im Kombi-Modell: „Das ist eine gute Lösung für eine erfolgreiche Ausbildung. Mit Lehrlingen investieren wir in die Zukunft und dafür ist ein Abschluss notwendig.“

Klassenleiter Stefan Deser stellt fest: „Die Schüler wollen etwas erreichen und sie erfüllen in vielen Bereichen die Anforderungen. Es ist ein Mehraufwand für Ausbilder und Lehrer, doch der lohnt sich definitiv.“ wsp

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