„Henkelmann“ und „to go“

2. Corona-Lockdown: Regionale Wirte haben Ideen, Verband übt vorwiegend Kritik

Frisches Essen zum Mitnehmen vom „Traunsteiner Burgermeister“: Zusammen mit Köchin Betty Diane setzt Udo Henning von der Café-Lounge Festung auf selbstgemachte Burger mit und ohne Fleisch sowie Mittagsmenüs im „Henkelmann“.
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Frisches Essen zum Mitnehmen vom „Traunsteiner Burgermeister“: Zusammen mit Köchin Betty Diane setzt Udo Henning von der Café-Lounge Festung auf selbstgemachte Burger mit und ohne Fleisch sowie Mittagsmenüs im „Henkelmann“.
  • vonAxel Effner
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Alles zu, und das schon wieder. Gerade hatten die Gastronomen noch über die lange Schließung im Frühjahr gestöhnt, schon ist es wieder soweit. Die Restaurants im Landkreis Traunstein wollen die Krise mit frischen Ideen bekämpfen.

Traunstein/Rosenheim – Mit teuren Investitionen in Hygienekonzepte im Zuge des Lockdowns im Frühjahr reagieren viele Wirte und Bürger mit Unverständnis auf die erneute Schließung im November. Im Unterschied zur Situation vor sechs Monaten ist aktuell die solidarische Euphoriewelle des regionalen „Wir halten zusammen“ eher abgeflaut. Die Chiemgau-Zeitung erkundigte sich, mit welchen Strategien die regionale Gastronomie deutliche Umsatzeinbußen trotzdem wettzumachen versucht.

Stempelpass mit Gewinnchancen

Mit der Aktion „Gastro-Stempelpass“ unterstützt die Gemeinde Seeon-Seebruck den Abhol- und Lieferservice von neun Gaststätten und des „Truchtlachinger Ladls“ aktiv. Bis 15. Dezember können die Teilnehmer mit mindestens fünf von zehn Stempeln an einer Verlosung teilnehmen. Zu gewinnen gibt es unter anderem einen Gleitschirmflug.

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„Die Unterstützung durch diese Aktion macht uns Mut und setzt zumindest ein positives Signal“, sagt Rudolf Krassnitzer, Betreiber des Weinlokals Taverna. Er bedauert den Umsatzausfall durch die Absage aller Weihnachtsfeiern. Mit kleiner und wöchentlich wechselnder Karte hofft er mit „Essen to go“ jeweils am Freitag, Samstag und Sonntag einen Teil der Einbußen aufzufangen. „Seit heute haben wir wieder geöffnet und setzen vor allem auf unsere Stammgäste“, erzählte er am gestrigen Freitag. „Die haben uns auch in schwierigen Zeiten die Treue gehalten.“

App für regionalen Lieferdienst

Auf die Entwicklung einer App für einen regionalen Lieferservice von mehreren Lokalen, die kurz vor dem Abschluss steht, setzt Udo Henning. Mit seiner Café-Lounge „Festung“ ist er bereits seit 24 Jahren eine Kulturinstitution in Traunstein. Als neuer „Burgermeister“ mit kreativen Fleischklops-Angeboten sorgte er im Frühjahr nach der Kommunalwahl auf den Sozialen Medien mit einer „Essen to go“-Aktion während des Corona-Lockdowns für Aufmerksamkeit.

Burger und Henkelmann

„Unsere drei Burger-Angebote zum Abholen laufen gut, das stemme ich auch allein. Bei einem eigenen Mitarbeiter für die Auslieferung würde es aber finanziell eng.“ Die nach einer Idee aus Indien per „Henkelmann“ ausgegebenen Mittagsgerichte laufen ebenfalls gut. Aktuell verhandelt Henning mit Betrieben über eine Kooperation. Was die Situation aktuell schwierig macht, erzählt er weiter, „ist die komplett unterschiedliche Nachfrage je nach Tag“.

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„Was uns zugutekommt, ist der Feinkostservice“, berichtet Sabino Guglielmi von der Café-Bar mit Restaurant „Camalo“ in Traunstein. Man merke, dass es sich die Leute in trüben Zeiten zuhause gemütlich machen wollen, genießen und mehr selbst kochen. Als Inhaber eines Familienbetriebs setzt er vor allem auf Stammkunden. „Im Frühjahr lief der Abholservice für Speisen wesentlich besser“, bilanziert Guglielmi. Auch aktuell gebe es eine Mittagsküche zum Mitnehmen. Umgekehrt habe ihm ein Betriebsinhaber angeboten, für die ausgefallene Weihnachtsfeier einen Vorschuss in Rechnung zu stellen, um die Feier später nachzuholen. „Das macht zumindest Mut.“

Geistliche werden verköstigt

Brigitte Gschwendner vom Gasthof Berghof hält die Fahne hoch. Seit 50 Jahren führt sie den von ihren Eltern gegründeten Beherbergungsbetrieb mit Lokal. Aktuell kocht sie für vier Franziskanerpater im Pfarrbüro, deren Köchin krankheitsbedingt ausgefallen ist. An den Wochenenden kommen weitere Geistliche aus Grabenstätt dazu. Im Frühjahr hat Geschwendner erfolgreich per Zeitungsannonce für ihren Mittagsservice geworben, „aktuell aber ist wenig los und ich hoffe, dass es auch ohne Internetpräsenz geht“.

Whisky statt Bier

Mit dem Verkauf von selbst gebrautem Bier, Bierbrand und dem seit 2015 angebotenen Kymsee Whisky hält sich der Oliver Langes „Chiemseebräu“ in Grabenstätt über Wasser. „Wir haben seit März komplett geschlossen, weil sich der hohe Hygieneaufwand für den Wirtshausbetrieb mit vier statt acht Tischen unter Cornonabedingungen für uns nicht lohnt.“ Ein Trost ist zumindest, dass der Absatz von Whisky sichtlich gestiegen ist.

DEHOGA-Umfrage: 72 Prozent der Betriebe in ihrer Existenz gefährdet

Nach einer Veröffentlichung des Landesamts für Statistik in Bayern bestimmte Corona deutlich die Konjunktur im bayerischen Gastgewerbe im ersten Dreivierteljahr. Nach den vorliegenden Ergebnissen zur Monatsstatistik sank der Umsatz in den ersten neun Monaten dieses Jahres im Vergleich zum Vorjahr preisbereinigt um 33,5 Prozent.

Zahl der Beschäftigten gesunken

Die Zahl der Beschäftigten verringerte sich dabei um 14,7 Prozent. Aufgegliedert nach Bereichen sank der Umsatz in der Beherbergung im ersten Dreivierteljahr mit real 37,7 Prozent deutlicher als in der Gastronomie mit 30,8 Prozent.

So steigt die Zahl der gastgewerblichen Betriebe, die Zukunftsängste plagen, rapide an. Laut einer neuesten Umfrage des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) sehen sich derzeit 72 Prozent der Betriebe in Bayern in ihrer Existenz gefährdet. Trotz des zurückhaltenden Verhaltens der Gäste, der geringeren Auslastung durch Abstandsregelungen und das vielerorts wegfallende Geschäft auf Außenflächen wollen die meisten Betriebe (59 Prozent) lieber geöffnet haben. „Statt ständigen Alarmismus braucht es Zuversicht und Hoffnung. Wir dürfen nicht leichtsinnig sein, müssen aber anfangen, mit dem Virus leben zu lernen. Dazu gehört auch, den sicheren Betrieb mit funktionierenden Hygienekonzepten aufrechtzuerhalten,“ sagt auch Dr. Thomas Geppert, Landesgeschäftsführer des DEHOGA Bayern.

Betroffene Betriebe sollen entschädigt werden. Betriebe bis 50 Mitarbeiter sollen 75 Prozent des entsprechenden Umsatzes des Vorjahresmonats und Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeiter mindestens 60 Prozent erstattet werden. 72 Prozent der befragten Betriebe geben an, mit einer Entschädigung dieser Größenordnung den November zu überstehen. 89 Prozent sagen aber auch, dass die geplanten einmaligen Entschädigungen für eine längere Schließung über den November hinaus nicht ausreichen.

„Ein Desaster“: Die Angst der Rosenheimer DEHOGA-Kreisvorsitzenden

„Wir brauchen dringend Planungssicherheit, was die Dauer dieses zweiten Lockdowns angeht. Seit bereits über einem halben Jahr, führen wir unsere Häuser, ohne zu wissen, mit welchen neuen Gegebenheiten und Maßnahmen wir uns am nächsten Tag konfrontiert sehen werden“, sagt Theresa Albrecht, Rosenheimer Kreisvorsitzende des DEHOGA. Von Betriebsführung im eigentlichen Sinne könne hier keine Rede mehr sein. „Sollte die Schließung im Dezember – im umsatzstärksten Monat des Jahres – fortgesetzt werden, wäre das für uns alle ein Desaster mit ungewissem Ausgang.“

Wichtige weitere Maßnahmen um der Branche langfristig zu helfen sehen die Betriebe in einer Entfristung der Umsatzsteuerreduzierung unter Einbezug der Getränke (73 Prozent), eine Umsatzausfallentschädigung (69 Prozent), keine Schließung von Betrieben (56 Prozent), Überbrückungshilfen (36 Prozent) und ein Tilgungskostenzuschuss (26 Prozent), so die Ergebnisse der DEHOGA-Blitzumfrage.

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