Unternehmer plagen Existenzängste

 „Lockdown ist für uns der Super-Gau“: Der Einzelhandel in der Region kämpft mit Umsatzeinbußen

Möbel Krug in Kolbermoor hat geschlossen. Noch geht es, sagt der Inhaber. Aber wenn sich der Lockdown weiter zieht, „wird‘s schwierig“.
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Möbel Krug in Kolbermoor hat geschlossen. Noch geht es, sagt der Inhaber. Aber wenn sich der Lockdown weiter zieht, „wird‘s schwierig“.
  • Ulrich Nathen-Berger
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Die coronabedingten Zwangsschließungen setzen neben dem Hotel- und Gaststättengewerbe auch dem Einzelhandel schwer zu. So auch in unserer Region. Jetzt sehen sich viele Geschäftsinhaber in akuter Existenzgefahr.

Bad Aibling/Kolbermoor – Vor diesem Hintergrund hat unsere Zeitung Einzelhändler in Bad Aibling und Kolbermoor trotz derzeitiger Geschäftsschließungen erreichen können und befragt, wie es ihnen geht und wie sie ihre Perspektiven einschätzen.

Staatliche Soforthilfe in Anspruch genommen

„Wir können jetzt noch zwei bis drei Wochen finanziell überleben, weil wir entsprechend vorausschauend gewirtschaftet haben, dann geht’s ins Minus“, sagt Joachim Kößler, der zusammen mit seiner Frau Christine in den Geschäften in Bad Aibling und Bruckmühl Uhren, Schmuck, Accessoires und Geschenke anbietet. Ihre 13 Voll- und Teilzeitkräfte sind in Kurzarbeit, „die Mini-Jobber konnten wir nicht weiter beschäftigen“, bedauert der 53-Jährige.

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Aufgrund der coronabedingten Maßnahmen bietet Kößler seinen Kunden jetzt einen Bestell- und Abholservice an. „Aber der Umsatz im Verhältnis zu normalen Zeiten ist gering, er liegt unter fünf Prozent im Vergleich zu normalen Zeiten.“

Ein KfW-Kredit, der in sechs Jahren wider getilgt sein muss

Nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 mit seinen finanziellen Auswirkungen habe er bei der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) ein Darlehen aufgenommen, das in den kommenden sechs Jahren zu tilgen ist. „Das wird funktionieren, war aber nicht der Sinn unserer zurückliegenden 20 Geschäftsjahre“, sagt Kößler.

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„Mir geht es wie allen anderen im Einzelhandel wohl auch: Ich kann die staatlichen Maßnahmen nachvollziehen, aber für uns bringt der Lockdown den wirtschaftlichen Super-Gau“, klagt Svea Thöne, die in Bad Aibling ihr Geschäft „Sveas Allerlei“ betreibt. „Vor allem im Textilverkauf: Jetzt sitzen wir auf der Ware.“

Wohl dem, der verständnisvolle Lieferanten hat

Der Januar sei generell ein ruhigerer Monat, „aber im Moment ist es ganz schlecht. Mein großer Vorteil ist, dass ich keinen großen Lagerbestand vorhalte und somit kein größeres Kapital binden muss.“ Sie führe hauptsächlich „Fair Fashion“ im Angebot, das heißt, fair gehandelte Ware. „Zum Glück kommen mir meine Lieferanten gerade in dieser Situation sehr entgegen, sie liefern die Frühjahrs-Sommermode erst später aus, wenn der Lockdown vorbei ist. Und erst mit der Lieferung muss ich die Ware bezahlen“, sagt Thöne.

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Beim ersten Lockdown habe sie die staatliche Soforthilfe in Anspruch nehmen müssen; wenn die aktuellen Einschränkungen sich bis in den Februar hinziehen, werde sie wohl einen neuen Antrag stellen müssen. Svea Thöne: „Ein weiterer Vorteil für mich: Ich habe keine Mitarbeiter, deshalb ist meine Situation wohl viel besser als bei anderen.“

Die Laufkundschaft fehlt den Läden

Eine staatliche Unterstützung braucht Sabine Gruber nicht für ihre Töpferei in der Kirchzeile. „Bis jetzt geht’s noch gut, ich kann in meiner Werkstatt arbeiten.“ Ihr Weihnachtsgeschäft sei relativ gut gelaufen mit vielen Vorbestellungen, dennoch müsse sie pandemie-bedingte wirtschaftliche Einbußen hinnehmen, weil ihr die Laufkundschaft fehlt.

„Zudem sind Januar und Februar in der Regel umsatzschwache Monate. Aber den Februar werde ich jetzt auch noch durchhalten“, hofft die 54-Jährige. Um die Zukunft mache sie sich derzeit keine Sorgen, „im August werde ich das 30-jährige Bestehen meiner Töpferei feiern.“

Wenn der Lockdown weitergeht, wird es schwierig

Der Telefonkontakt ist erwünscht, der Besuch allerdings untersagt: „Liebe Kundinnen und Kunden, auch wir müssen unser Möbelhaus und Küchenstudio in Kolbermoor wegen des Corona-Lockdowns voraussichtlich bis zum 31. Januar 2021 schließen“, heißt es auf der Website von Möbel Krug in Kolbermoor.

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„Unserem Unternehmen geht es aber trotz der Corona-Krise gut“, betont Max Krug im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen. „Wir haben mit 2020 ein gutes Geschäftsjahr abgeschlossen. Jetzt im Januar ist der Auftragseingang zurückgegangen, dennoch haben wir bisher noch nicht staatliche Hilfe in Anspruch nehmen müssen“, so der 29-Jährige, der im vergangenen Jahr die Unternehmensführung von seinem Vater Josef übernommen hat. Die nächsten Wochen werden spannend“, sagt Krug. „Ich habe zwar einen Liquiditätsplan aufgebaut, wenn sich der Lockdown aber bis über den Monat März hinaus hinzieht, wird’s schwierig für uns. Dann müssten wir und unsere 14 Mitarbeiter uns mit den Themen Urlaub und Kurzarbeit beschäftigen.“

Handelsverband klagt: „Staatliche Hilfen kommen nicht an“

Im Regierungsbezirk Oberbayern war der Einzelhandel laut Handelsverband Bayern bislang einer der größten Arbeitgeber und nach Industrie und Handwerk die drittgrößte Wirtschaftsbranche mit einem jährlichen Volumen von über 27 Milliarden Euro; das entspricht in normalen Zeiten fast 39 Prozent des gesamten Einzelhandelsumsatzes in Bayern.

„Die Branchen, denen es jetzt durch die Corona-Maßnahmen am schlechtesten geht, sind Textileinzelhändler, Schuhhändler und Sportfachhändler“, sagt Bernd Ohlmann, Pressesprecher des Handelsverbands Bayern. „Seit 6. Dezember ist alles dicht, die Lager sind aber voll – eine Katastrophe. Den Betroffenen geht es aber auch deshalb schlecht, weil die staatliche Hilfe bislang nicht angekommen ist.“

Seit Anfang der Woche stehe endlich fest, dass die Bundesregierung nachbessern wolle. „Aber das muss schnell gehen“, fordert Ohlmann. „Kommen die Hilfen weiterhin nicht an, werden in Bayern heuer über 8000 Einzelhändler ihr Geschäft aufgeben müssen. Es stehen 25.000 Arbeitsplätze auf der Kippe.“

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