Beratung und „Rockin‘ Rosi“: So werden Gärtnereien aus der Region dem Gardening-Trend gerecht

Selbst herangezogenes Gemüse für die Kundschaft, die es auch bei Pflanzen gern regional mag: Philipp und Iris Rother mit Sohn von der Gärtnerei Rother aus Prien und Bernau. Der Betrieb existiert seit 60 Jahren. Berger/re
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Selbst herangezogenes Gemüse für die Kundschaft, die es auch bei Pflanzen gern regional mag: Philipp und Iris Rother mit Sohn von der Gärtnerei Rother aus Prien und Bernau. Der Betrieb existiert seit 60 Jahren. Berger/re
  • Elisabeth Sennhenn
    vonElisabeth Sennhenn
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Was grünt und blüht ist ihr Geschäft: Familiengärtnereien aus den Landkreisen Rosenheim und Mühldorf erzählen von ihren Geschäftsstrategien, dem Trend zum Gärtnern und von „Rockin´ Rosi“. Und von den Anstrengungen, den Bestand des Unternehmens zu sichern.

Prien /Rosenheim/ Kraiburg – Von den ersten, zarten Primeln über Sommerschnittblumen bis zum Weihnachtsstern züchten die Rothers aus Prien fast alles selbst, was in ihrer Gärtnerei zu kaufen ist. Seit 60 Jahren und in dritter Generation betreibt die Familie ihr „Blumen-Paradies“. In Prien sind das die Gärtnerei mit Gewächshäusern und Verkauf, in Bernau ein Blumenfachgeschäft. Philipp Rother, seine Frau Iris und 25 Mitarbeiter inklusive zwei Azubis kümmern sich darum, dass der Laden läuft. Und das tut er, trotz des zwischenzeitlichen Lockdowns.

Maximilian Prentl inmitten selbstgezüchteter Blütenpracht. Die Familiengärtnerei Prentl gibt es in Rosenheim seit 80 Jahren. Mit an Bord sind auch Bruder Christian, die Schwägerin und auch die Eltern schauen vorbei.

„Man merkt, dass sich die Menschen momentan sehr mit dem eigenen Garten beschäftigen, mit Pflanzen und Gemüse aus der Region. Das kommt uns entgegen“, beschreibt es der Fachmann. So liege es derzeit im Trend, ein Hochbeet zu haben oder sich mit alten Pflanzensorten zu beschäftigen: „Sogar Trockenblumen erleben ein Revival“, lacht Rother. Und sagt, dass zunehmend jüngere Kunden kämen.

Die interessierten sich bei Weitem nicht nur für pflegeleichte Sukkulenten, sondern wollen sich auch intensiver mit Gemüseanbau und der Qualität regional angebauter Pflanzen beschäftigen.

„Wir verkaufen ein Lebensgefühl“

Ob sie zum Beispiel insektenfreundlich sind –  so wie „Rockin´ Rosi“, die derBayerische Gärtnerei Verband (BGV)zur Blume des Jahres gewählt hat. Eine ungefüllte Dahlie, die auch Bienen lieben. Laut Verband bieten rund 300 Gärtnereien im Freistaat die Blume an und setzen damit auf einen Marketing-Baustein, um ihren Kunden regelmäßig etwas Besonderes zu präsentieren.

Christian Weinert von der gleichnamigen Landgärtnerei aus Kraiburg sagt, Kunden im lokalen Pflanzen- und Blumenfachhandel kauften dort vor allem „wegen der Wohlfühlatmosphäre“. Denn während es Orchidee, Geranie & Co. auch im Baumarkt und im Lebensmitteleinzelhandel gebe, setze der Fachbetrieb nicht nur auf den „Mitnahmeeffekt“, sondern darauf, dass Kunden umfassend beraten werden und das Außergewöhnliche finden wollen. Und dann auch bereit sind, etwas mehr für eine Pflanze zu bezahlen. Kurzum: „Wir verkaufen ein Lebensgefühl.“

Es geht darum, Nischen zu finden

Das ist wichtig, um im Wettbewerb mit anderen Händlern wie Centern, Möbelhäusern und Onlinenangeboten standhalten zu können, so Jörg Freimuth, Geschäftsführer des BGV.

Seit Weinert, Gartenbauingenieur, und seine Frau Helga, Gartenbautechnikerin, ihren Betrieb 1987 erworben haben, kamen nach und nach weitere Standbeine hinzu, um breit aufgestellt zu sein.

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Grabpflege und Kübelpflanzenüberwinterung zum Beispiel. Es gehe darum, Nischen zu finden „Rockin´ Rosi“ gehöre dazu, schmunzelt Weinert, „heuer ist sie allerdings schon ausverkauft.“ Das zeige, dass solche Konzepte funktionieren.

„Das sogar nachhaltig“, ist sich Maximilian Prentl, Geschäftsführer der Gärtnerei Prentl aus Rosenheim, sicher. „Wir haben teils noch immer Blumen des Jahres aus vergangenen Jahrgängen im Sortiment, sie werden weiter nachgefragt.“ Zum Beispiel „Baronesse Sophia“, eine dunkelrote Geranie, die 2011 ihren großen Auftritt hatte.

Naturnahe Berufe sind wieder beliebter

Prentl, der mit seinem Bruder Christian die seit 80 Jahren bestehende Gärtnerei verantwortet – Schwägerin Stephanie Prentl leitet die Floristik – , setzt sich stark für die Ausbildung vor Ort ein.

Momentan lernen drei Azubis bei den Prentls – „die Nachfrage nach einem Ausbildungsplatz in der Gärtnerei oder der Floristik ist leider nicht mehr so hoch wie sie einmal war“, bedauert er. Dabei hätten die Mitarbeiter, bei Prentl sind es zwölf, eine gute Perspektiven in einer Festanstellung.

Beim Verband dagegen stellt man fest, dass ausgerechnet Corona die Nachfrage nach dem Gärtnerberuf hat steigen lassen: „Die Verlangsamung der Gesellschaft lässt Berufe, die mit der Natur arbeiten und deshalb auf die Geschwindigkeit der Natur angewiesen sind, wieder attraktiver erscheinen“, schätzt Freimuth.

Keine Neugründungen mehr

Damit für die Familiengärtnereien in der Region die Aussichten rosig bleiben, heißt es, sich nicht auszuruhen auf Trends. Mehrere Standbeine wie bei den Weinerts sind das Eine, laufende Investitionen das Andere: Eine sechsstellige Summe haben die Rothers vom Chiemsee zuletzt in ihre Standorte gesteckt; Prentl erzähl von einer neuen, energieeffizienten Heizung für die Tausende Quadratmeter umspannenden Gewächshäuser.

Beim BGV hält man Investitionen für das Mittel der Wahl, um zu bestehen. Denn: „Es gibt so gut wie keine Neugründungen mehr“, weiß Freimuth. Dazu seien die Bodenpreise zu hoch, Bauwerke wie Gewächshäuser zu kostspielig. „Ein Arbeitsplatz in einer Gärtnerei setzt heute mehr als 500 000 Euro Investitionskosten voraus.“ Mehr als etwa in der Autoindustrie.

Potenzielle Interessenten aus der nächsten Generation

Während es bei den Rothers und Prentls potenziell interessierte, nächste Generationen gibt, ist das bei den Weinerts nicht so. Sie gehören somit zu den zwei Prozent, die laut Verband jedes Jahr aufhören: „In erster Linie, weil kein Nachfolger da ist.“

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