Bekenntnis zu Pfaffing: Alpenhain startet neue Käserei und investiert 45 Millionen Euro

Fast fertig ist die neue Käserei
              am Standort Pfaffing. Im Oktober wird der Betrieb hochgefahren. Alpenhain
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Fast fertig ist die neue Käserei am Standort Pfaffing. Im Oktober wird der Betrieb hochgefahren. Alpenhain
  • Heike Duczek
    vonHeike Duczek
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Es gibt Werbemaßnahmen, die kann sich die beste Marketingabteilung nicht ausdenken: Der Käsehersteller Alpenhain in Pfaffing darf beispielsweise mit Fug und Recht sagen, echtes bayerisches, in der EU geschütztes Kulturgut herzustellen: den Obazda.

Pfaffing – Seit 2015 darf der Brotzeitkäse nur noch im Freistaat unter diesem Namen produziert werden. Alpenhain ist als Produzent seit Jahren der führende Anbieter. Im Oktober geht – auch für den Obazda – am Standort Pfaffing eine neue Käserei in Betrieb.

Insgesamt 45 Millionen Euro investiert das Unternehmen in die neue Käserei, die nach zwei Jahren Bauzeit im Oktober hochgefahren wird. Die Käserei eins wird dann stillgelegt, die neue übernimmt und wird 20 000 Liter Milch pro Stunde verarbeiten – zu bis zu 300 Tonnen Käse pro Woche, berichten die Geschäftsführer Robert Winkelmann und Stefan Kost. Der Neubau ist fast fertig: Hier wird in Zukunft die Milch, angeliefert von 235 Vertragshöfen, bearbeitet, portioniert, der Käse gereift und veredelt.

Werk soll Veredelung perfektionieren

Die neue Käserei garantiere einen optimierten Reifeprozess. Denn der zunehmend anspruchsvolle Verbraucher will nach Erfahrungen von Winkelmann und Kost heutzutage vor allem eins: „Geschmack, gleichbleibende Qualität und Erscheinung“. Das ist gar nicht so einfach: Denn das Rohprodukt Milch unterliegt Schwankungen – weil die Kuh je nach Fütterung und Jahreszeit Milch mit unterschiedlichem Eiweißgehalt liefert. Doch der Camembert oder Obazda als Brotbelag, der Back- und Grillkäse oder auch die Snack müssen immer gleich gut schmecken, letztere vor allem immer gleich gut gelingen.

Bekannt durch Obazda und Camembert

Die neue Käserei soll den Veredelungsprozess perfektionieren. Sie ist nach Angaben der Geschäftsführung zugleich auch ein klares Bekenntnis der Familien Hain, Wagner und -von Hagmann in den Stammsitz Pfaffing. Im Raum, wo die Geschäftsführung ihre Gäste empfängt, befand sich vor über 100 Jahren die „gute Stube“ der Firmengründer, des Ehepaars Mathias und Maria Hain. Sie kauften 1905 in Lehen die Dorfkäserei, bauten sie 1926 für die Verarbeitung von 1000 Litern Milch pro Tag um, produzierten 1928 den ersten Camembert. 1942 ging die erste Verpackungsmaschine an den Start, 1970 begann die Entwicklung von H-Produkten (längere Haltbarkeit). Seit 1983 produzierte Alpenhain auch Tiefkühlartikel. Seit 25 Jahren entstehen der Obazda, seit 40 Jahren der Back-Camembert. 2014 zogen sich die Vertreter der vierten Generation, Barbara von Hagmann und Christian Hain, aus dem operativen Geschäft zurück – seitdem steuert der externe Geschäftsführer Kost, seit 2018 gemeinsam mit Winkelmann das Unternehmen.

Heute liegt der Exportanteil bei 20 Prozent. Stark wachsender Markt: Osteuropa. Wichtiges Standbein des Unternehmens mit 450 Mitarbeitern ist nach Angaben der Geschäftsführung die Systemgastronomie. Große Gebinde gehen an Mc Donalds, Wienerwald und Co. Die Systemgastronomie boomt, während die Nachfrage von Großkunden aus der klassischen Gastronomie und Hotelerie als Folge der Corona-Pandemie stark eingebrochen ist. Alpenhain hat auch die Schließung vieler Kantinen und Mensen stark zu spüren bekommen, bedauern die Geschäftsführer. Im Unternehmensbereich Foodservice werde der Umsatz deshalb heuer im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 25 Prozent einbrechen, prophezeit Kost. Insgesamt rechnet Alpenhain nach eigenen Angaben mit einem Umsatzrückgang gegenüber 2019 (117 Millionen Euro) von zehn Prozent. „Wir kommen noch glimpflich davon“, sagt Winkelmann, „dennoch sind es auch für uns wirtschaftlich schwierige Zeiten.“

Eine Käserei kann nicht einfach die Produktion reduzieren, denn die fünf Milchwagen fahren auch in der Krise. „Die Produktion muss laufen. Wir sind deshalb stolz, dass wir durch dieses rumpelige Jahr mit Corona und Neubau einigermaßen gut durchkommen werden“, betont Winkelmann.

Asien ist ein Markt mit Potenzial

Jetzt wird die neue Käserei langsam hochgefahren. Ziel sei es, nicht nur die Produktpalette für die Systemgastronomie und den Einzelhandel weiter auszubauen, sondern auch Märkte mit Potenzial zu erobern: Asien gehört dazu. Doch auch in Deutschland gibt es Regionen mit Luft nach oben, berichten die Geschäftsführer: Ein Beispiel ist die Hansestadt Hamburg, „wo der Obazda noch bekannt werden könnte“, berichten Winkelmann und Kost schmunzelnd. In diesem Produktsegment möchte Alpenhain jährlich um sechs bis sieben Prozent wachsen.

Das Unternehmen profitiere im Einzelhandelsgeschäft außerdem vom zunehmenden Wunsch der Kunden nach fleischlosen Mahlzeiten – und nach regionalen Produkten. Die 82 Millionen Kilogramm Milch pro Jahr, die Alpenhain verarbeitet, „kommen aus der Region rund um unseren Schornstein“, sagen Winkelmann und Kost.

Der Tarifstreit mit der Gewerkschaft

Mit zwei Themen ist Alpenhain immer wieder in den Schlagzeilen: Mit dem „Obazdn“, der aus dem zweiten Hauptprodukt der Käserei, dem Camembert, gemacht wird – im positiven Sinne. Und mit dem seit 2015 Jahren gärenden Streit mit der Gewerkschaft um Tariflohne im negativen.

Alpenhain ist ein weißer Fleck auf der Gewerkschaftskarte: Die meisten Beschäftigten in Bayerns milchverarbeitender Industrie werden nach Tarif bezahlt. Alpenhain besteht dagegen auf innerbetrieblichen Lösungsmodellen für Arbeitszeiten und Lohn – weil die Käserei als Manufaktur einen hohen handwerklichen Anteil habe und mehr Flexibilität benötige.

Mehrfach gab es aufgrund des Tarifkonflikts Arbeitsniederlegungen – zuletzt Ende Juli, als die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) zu einem 24-Stunden-Streik aufgerufen hatte. Die Fronten haben sich verhärtet, wie auch ein Streit um eine Parkkralle am Auto des Gewerkschaftssekretärs Manuel Halbmeier zeigte.

Die Gewerkschaft NGG ist überzeugt: „Die Mitarbeiter bei Alpenhain ziehen in puncto Bezahlung und Arbeitsbedingungen den Kürzeren.“ Die Geschäftsführer Robert Winkelmann und Stefan Kost vertreten die Meinung, die intern gefundenen Lösungen seien nicht schlechter als die tariflichen. So sei beispielsweise der Stundenlohn bei Alpenhain möglicherweise etwas geringer als der Tariflohn, dafür bekämen die Mitarbeiter die Pause vergütet und einen doppelt so hohen Zuschlag für die Nachtarbeit im Drei-Schicht-Betrieb. 60 Prozent der Mitarbeiter seien mehr als zehn Jahren im Betrieb. So reagiert die Geschäftsführung auf die Warnung der NGG, Alpenhain könne zukünftig Probleme bekommen, Fachpersonal für das Werk zu finden, weil Konkurrenten in der Region mehr zahlen würden. Bei Alpenhain gebe es Urlaubs- und Weihnachtsgeld, betriebliche Altersvorsorge. „Wir sind kein seelenloser Betrieb“, ist die Geschäftsführung überzeugt. Intensiv werde mit dem Betriebsrat um eine interne Lösung für Arbeitszeit und Vergütung gerungen. Zur besseren Planbarkeit der Arbeitszeit liege seit einem Jahr ein Konzept auf dem Tisch, doch es gehe nichts weiter. Nun entschiede von außen die Einigungsstelle. Eine klare Vereinbarung zu Arbeitszeit und Schichtmodellen werde in den nächsten Wochen erwartet.

Leiten seit 2015 das operative Geschäft: Robert Winkelmann und Stefan Kost (von links).
Portionierter Käse beim Abwiegen: Der Verbraucher legt heutzutage viel Wert auf Gewichtsgenauigkeit.

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