Ein Bad als Baustein – Rosenheimer erfinden zukunftsweisende Modellbauweise

Gründeten Tjiko, nachdem sie erste Ideen verwerfen mussten und sind jetzt erfolgreich: Markus Hoos (links) und Lukas Schiffer.

Das Rosenheimer Start-up Tjiko hat früh auf einen Trend gesetzt, der den Gründern jetzt zum Durchstarten verhilft: Module für den Bau mit Holz. Das junge Unternehmen hat sich nun auf modulare Badezimmer spezialisiert und hat damit erste große Erfolge.

Rosenheim – Mit 28 und 30 Jahren sind Lukas Schiffer und Markus Hoos zwar längst den Kinderschuhen entwachsen, mit Lego spielen sie aber immer noch gerne. Nur sind die einzelnen Elemente, die sie verbauen, wesentlich größer als die bekannten Spielzeug-Bausteine. Die Geschäftsidee der beiden smarten Jungunternehmer: Badezimmer in Holzbauweise modular planen und bauen. Vor gut einem Jahr wagten sie im Stellwerk 18 den Sprung vom Hörsaal an der Technischen Hochschule in Rosenheim direkt in den Chefsessel und starten jetzt mit ihrem Unternehmen Tjiko durch. Der Name des Start ups geht auf Old Tjikko zurück, eine 9550 Jahre alte Fichte, die in einem schwedischen Nationalpark wächst.

Jetzt beschäftigen sie zwölf Mitarbeiter

Modulbau mit dem Werkstoff Holz ist seit einigen Jahren im Kommen. Wie Sigurd Maier, unabhängiger Holzhaus-Experte und Autor des Onlineratgebers Holzbauwelt erklärt, liegt ein Vorteil im hohen Vorfertigungsgrad der Bauteile. Holz sei zugleich nachhaltig, preisgünstig, energieeffizient und vergleichsweise leicht zu verbauen. Hat man diese Bauart zunächst vor allem für die rasche Errichtung von Flüchtlings- und Studentenheimen sowie Wohncontainer genutzt, punktet nun die Holz-Modulbauweise, wenn es um effiziente Wohnraumversorgung geht.

Tjiko gehört zu den Vorzeigeunternehmen des Rosenheimer Gründerzentrums Stellwerk 18. In den Anfangsmonaten reichte dem Start-up ein Büroraum. Innerhalb nur eines Jahres haben es Schiffer und Hoos weit gebracht. Mittlerweile beschäftigen sie bereits zwölf Mitarbeiter. Aus einem Büroraum wurden zwei.

Doch Schiffer und Hoos wollen mehr. Wohin ihr Weg noch führen soll, macht ein Zeitungsartikel deutlich, den sie ausgeschnitten und an eine Büro-Wand gepinnt haben. Darin geht es um die Zukunft des Holzbaus. Ein Foto zeigt ein achtzehnstöckiges Hochhaus aus Holz. So etwas wünschen sie sich auch für Rosenheim. „Das würde der Holzstadt sehr gut zu Gesicht stehen“, sind sich die beiden einig und treiben die Verwirklichung dieses Wunsches derzeit auch schon kräftig voran, indem sie mit Politikern und Unternehmern in der Region Kontakte knüpfen.

 +++

Tipp der Redaktion: Kennen Sie schon unseren kostenlosen Feierabend-Newsletter? Die Top-Themen der Region um 17 Uhr per E-Mail – sauber ausrecherchiert und aufgeschrieben von Ihrer OVB-Redaktion. Jetzt Newsletter ausprobieren!

+++

Kennengelernt haben sich beide während ihres Holzbau-Studiums an der TH. Schon zu dieser Zeit mangelte es ihnen nicht an Ideen. Manche dieser Ideen hatten durchaus Potenzial, wie beispielsweise Holz-Ferienhäuser oder ein neues, innovatives Wohnmodell für Senioren. Chancen, erfolgreich zu sein, gibt es nach Ansicht der beiden Jungunternehmer heutzutage viele. Aber Sinn mache nur etwas, von dem man wirklich überzeugt sei. „Wenn ich voller Überzeugung sagen kann, das ist mein Weg, sollte ich ihn gehen. Wenn nicht, dann ist es nicht das Richtige. Nur wenn man auf etwas zu 100 Prozent fokussiert ist, klappt es auch“, meinen Schiffer und Hoos.

Eine Geschäftsidee, die Geld un Zeit spart

Bei den Ferienhäusern und dem Wohnmodell für Senioren war das nicht der Fall, gestanden sich die beiden Unternehmensgründer schließlich ein. Also suchten sie nach einer neuen Idee, denn ein Anstellungsverhältnis schlossen beide von vornherein klar für ihren beruflichen Werdegang aus: „Wir wollen unser persönliches Entfaltungspotenzial voll ausschöpfen.“

Lesen Sie auch: Vom Hörsaal in den Chefsessel: Junge Gründer schaffen Durchbruch mit App für Starbulls

Ein Unternehmer-Seminar an der TH inspirierte sie zur heutigen Geschäftsidee. Die Rosenheimer Jungunternehmer spezialisierten sich auf Badezimmer: Über einen digital gesteuerten Prozess und Konfigurator lassen sich individuell gestaltete Bäder mit kompletter Inneneinrichtung industriell vorfertigen.

Die Vorteile liegen auf der Hand: Nach Abschluss der Produktion sind die Badezimmer sofort voll funktions- und transportfähig und lassen sich vor Ort direkt in die einzelnen Wohneinheiten integrieren. „Auf diese Weise muss man mit der Innenrichtung nicht mehr warten, bis die Außenhülle steht. Beide Schritte laufen parallel. Das spart Zeit und damit auch Geld.“ Auftraggeber findet Tjiko in der Baubranche. Die Netzwerke, die das Gründerzentrum Stellwerk 18 aufgebaut hat, kamen Schiffer und Hoos bei der Suche nach Kunden zugute. Diese können zu jeder Zeit auf die speziell entwickelte Online-Plattform von Tjiko zugreifen, über die sich die Badezimmer planen lassen. Neben der Software ist das Jungunternehmen auch für die qualitativ hochwertige und nachhaltige Fertigung in Holzbauweise zuständig, für die bereits Partnerfirmen gewonnen werden konnten. Das Interesse an dieser neuen Fertigungsmethode ist groß. Im Frühjahr dieses Jahres engagiert sich der Handels- und Dienstleistungskonzern BayWa über eine Minderheitsbeteiligung bei dem Start-up- Unternehmen. Tjiko konnte bereits einige lukrative Aufträge für sich verbuchen und ist mittlerweile auch mit Großkonzernen im Gespräch.

Das Start up hat eine Nische in einer boomenden Branche besetzt. Im Moment, so Holzbau Deutschland, der Bund der deutschen Zimmermeister, überwiegen im Holzbau noch private und gewerbliche Auftraggeber, doch auch die öffentlichen könnten bald schon für zusätzliche Umsätze sorgen.

Ein Beitrag zum Klimaschutz

Holzbau Deutschland geht aktuell davon aus, dass dies schon in den kommenden Jahren der Fall sein wird. „Nachhaltige Gebäude, umweltfreundliche Baustoffe und eine energieeffiziente Bauweise spielen eine zunehmend wichtigere Rolle. Gerade der Gebäudesektor kann durch eine klima- und ressourcenschonende Bauweise einen signifikanten Beitrag zum Klimaschutz leisten“, so Holzbau Deutschland in seinem diesjährigen Lagebericht vom Juni.

Die Entwicklung des Unternehmens sieht Schiffer als begeisterter Kletter sportlich: „Man muss unbeirrbar und fest entschlossen Schritt für Schritt immer weiter nach oben bis an den Gipfel klettern“. Das Unternehmensziel für die kommenden fünf Jahre lautet: Das „Lego-System“ komplett machen. Dafür soll das Produktportfolio erweitert werden, beispielsweise mit der Planung und dem Bau von modularen Küchen. Die Jungunternehmer wollen mit ihrer Geschäftsidee auch die internationalen Märkte erobern. Ein passender Slogan steht schon fest: „rosenheim engineered modules“ – und irgendwann in der Zukunft gelingt ihnen dann vielleicht auch die Realisierung ihres buchstäblich größten Traums: ein Holz-Hochhaus in ihrer Heimatstadt.

Kommentare